Die Risiken der Adipositas

Der Wunsch nach einem Leben ohne Einschränkungen bedarf auch der Medizin

DIETER HÖNIG
vom 04.11.2020

In den USA wird jeder dritte Erwachsene als adipös eingeschätzt. Dieser Entwicklungstrend setzt sich in Europa, Australien, Indien, Russland, Brasilien und China fort. Entsteht da eine neue Spezies Mensch?

Nicht, wenn es nach Medizinern geht. Auch Genetiker bestreiten dies, vor allem, weil sie in der Entwicklung zum Homo adipositatis keinen genetischen Vorteil entdecken (siehe Seite 12). Aber kann man adipöse Menschen deshalb als krank bezeichnen?

Adipositas hat unangenehme Folgeerscheinungen

In Österreich schleppt jeder Dritte, und dies gilt auch für Jugendliche, Übergewicht mit sich herum. 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, also jeder siebente, hat einen BMI von über dreißig und gilt damit als adipös. Das führt für den Einzelnen zu unangenehmen Folgen. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Gefäßerkrankungen und Herzinfarkt. Die Lebenserwartung kann sich um bis zu zehn Jahre verringern.

"Es ist ein fataler Irrtum, dem alten Dogma von drei warmen Mahlzeiten am Tag zu folgen", warnt Wolfgang Feil, Vorstand der Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus in Wien. "Das gilt, wenn überhaupt, nur für Schwerstarbeiter, aber sicherlich nicht für Büromenschen, egal, wie aktiv sie sind."

Immerhin: 75 Prozent der Patienten mit Bluthochdruck, fünfzig Prozent jener mit erhöhten Blutfetten und neunzig Prozent aller Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig.

Ein über-bis schwergewichtiger Mensch nimmt einiges in Kauf: Das Typ-2-Diabetes-Risiko steigt auf das Vierzigfache. Bei einem BMI von über 35 verdoppelt sich das Sterberisiko, bei einem übergewichtigen Diabetiker verzehnfacht es sich. Das Krebsrisiko beträgt das Dreifache, das Herzinfarktrisiko ist doppelt so hoch. Keine entspannenden Aussichten also. Wie aber kommt es dazu?

Adipositas als genetische Vorbestimmung

Das menschliche Genom ist programmiert, Hunger nicht zuzulassen und überschüssige Energie aufzubewahren. Ein geringer Teil dieser Energie kann in Leber und Muskulatur als Stärke gespeichert und bei Bedarf rasch in Zucker umgewandelt werden. Der größte Teil gelangt ins Fettgewebe und lässt sich nur mühsam mobilisieren. Ein weiterer Teil wird zu Wärme umgewandelt.

Ob überschüssige Energie vorwiegend zu Wärmeerzeugung verwendet und wieder abgegeben wird oder in die Fettspeicher wandert, ist genetisch vorgegeben. Ist ein normales Körpergewicht programmiert, wird das Sättigungsgefühl rascher erreicht, überschüssige Energie als Wärme abgegeben und der Grundumsatz gesteigert.

Steht die Genprogrammierung auf Übergewicht, wird überschüssige Energie sofort als Fett gespeichert und das Sättigungsgefühl stellt sich erst später ein.

Die menschlichen Gene haben sich seit 300.000 Jahren nicht verändert, wohl aber die Lebens-und Essgewohnheiten. Von ihnen hängt es ab, ob die genotypische Veranlagung relevant wird.

Adipositas ist aber auch ein soziales Phänomen. Es betrifft vor allem Menschen, die als Angehörige der "sozialen Unterschicht" bezeichnet werden. Da sie meist keinen Zugang zu gesunder, aber teurer Nahrung haben (siehe Seite 16), verköstigen sie sich mit günstigerem Junk Food. Ihre meist kürzeren Arbeitszeiten fördern ein Verlangen nach Unterhaltung, deren Konsum häufig mit der Aufnahme von Junk Food einhergeht.

Diäten versagen bei über neunzig Prozent aller krankhaft Übergewichtigen. Viele Experten fordern daher ein behördliches Vorgehen gegen Junk Food. Die lapidare Empfehlung "Essen'S halt weniger" sei für einen 140-Kilo-Mann, der abnehmen will, wenig zielführend. Nimmt der Übergewichtige durch eine Crashdiät rasch ab, kommt es zunächst vor allem zu einer Reduktion der Muskelmasse, erst dann vergehen die Fettdepots. Beginnt er wieder zu essen, giert sein Körper nach dem genetisch programmierten Ziel und wandelt zugeführte Energie sofort in Fettgewebe um, ohne den Grundumsatz zu steigern und mehr Wärme abzugeben.

Fünf bis sieben Prozent all derer, die durch mehr Bewegung und strikte Diät nachhaltig abnehmen wollen, sind erfolgreich. So setzt die Chirurgie zur Gewichtsreduktion vermehrt auf Eingriffe. Vor allem dort, wo die Gefahr gesundheitlicher Folgeschäden rasches Abnehmen erfordert.

Chirurgische Eingriffe bei gefährlichen Situationen

Die Adipositas-Chirurgie soll die Nahrungsaufnahme und die Absorption von Nahrung, also der Kalorien, im Magen-Darm-Trakt einschränken. "Bei den restriktiven Operationen wie Magenband oder -bypass wird der Mageneingang eingeengt bzw. der Magen ausgeschaltet. Bei den malabsorptiven Operationen wie dem Duodenalswitch wird vor allem der Dünndarm als Resorptionsoberfläche umgangen", erklärt Wolfgang Feil. Manche Operationen vereinigen beide Formen in sich. "Die Auswahl der geeigneten Operation hat immer individuell zu erfolgen."

Wie auf dem Österreichischen Chirurgenkongress vorgestellt, wird in Österreich auch eine weitere, durch zahlreiche internationale Studien bestätigte Eingriffsmethode angewandt. Sie soll in immer mehr Ländern als Alternative zu herkömmlichen Techniken zum Einsatz kommen und ist für Patienten postoperativ mit weniger Risiken und Einschränkungen verbunden.

Die laparoskopische Magenfaltung ("Greater Curvature Plication") verkleinert das Organ auf rund ein Fünftel seiner ursprünglichen Größe, allerdings ohne Gewebsentfernung wie bei der Schlauchmagenbildung (Gastric Sleeve). Mit anderen Worten: eine Magenverkleinerung unter Beibehaltung des Organs und ohne Einsetzen eines Fremdkörpers wie etwa einem Magenband. "Bei dieser Methode wird ein Teil des Magens mit einer speziellen Technik eingestülpt bzw. gefaltet und kann daher nicht mehr so viel Inhalt aufnehmen, was zur steten Gewichtsabnahme führt", erklärt Feil, der diese Methode bei dafür geeigneten Patienten schon seit Jahren anwendet.

Die Behandlung der Adipositas wird idealerweise interdisziplinär angelegt. Denn Adipositas-Eingriffe bedürfen nicht nur seitens der Chirurgen ein hohes fachliches Können, für die Vor-und Nachbehandlung ist auch ein Netzwerk eng zusammenarbeitender Experten und nicht zuletzt eine entsprechende Krankenhausausstattung nötig. Diese findet sich etwa im Adipositas-Zentrum des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Wien Mariahilf. Es ist als erstes Zentrum gemäß den Qualitätskriterien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein-und Viszeralchirurgie als Kompetenzzentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie zertifiziert. In Deutschland gibt es rund sechzig Zentren mit diesem Qualitätsstandard.

Manchmal ist eine Umstellung des Lebensstils nötig

"Die Zertifizierung unseres Adipositas-Zentrums bestätigt unsere Arbeit", sagt sein Gründer Alexander Klaus. Er steht der Abteilung für Allgemein-und Viszeralchirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vor. Der Leiter des Kompetenzzentrums, Georg Tentschert, ergänzt: "Das besondere unseres Ansatzes: Wir können Menschen mit Übergewicht ein breites Spektrum im Bereich der konservativen und operativen Therapie anbieten." So haben hier neben der Adipositas-Chirurgie auch die Methoden der neuen, "konservativen" Coping School, die ein Programm zur Lebensstiländerung bei Adipositas entwickelt hat, sowie die "konservative" Adipositas-Ambulanz denselben Stellenwert bei der Behandlung.

Im Vorfeld besonders wichtig sind umfassende Informations-und Aufklärungsgespräche sowie nach erfolgter Therapie eine sorgfältige Nachbehandlung. Dazu zählen auch regelmäßige Gruppentreffen vor und nach einer Therapie, um bei der Ernährungsumstellung bzw. Lebensstiländerung Unterstützung zu erhalten.

Die Medizin sieht es als ihre Aufgabe, Menschen mit Adipositas ein Leben ohne Einschränkungen zu ermöglichen. Um das zu verwirklichen, müssen sich manche aber eben auch von ihren bisherigen Lebensgewohnheiten trennen. Man kennt das auch in anderen Fällen: Die medizinische Behandlung weist nur den Weg, gehen muss man ihn selbst.

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