WAS AM ENDE BLEIBT

Verhungern

ERICH KLEIN
vom 04.11.2020

Sarkastisch gesprochen: Hungerleider kamen im 20. Jahrhundert aus der Mode. Fettleibigkeit und Magersucht erwiesen sich erst in unserer Gegenwart als Gegenstand umfangreicher Forschungen.

Franz Kafka, Versicherungsbeamter und Neurastheniker, konnte das noch nicht ahnen, als er 1922 mit Der Hungerkünstler eine düstere Vision seiner Zeit erschrieb, deren bizarre Jahrmarktsszenerie er wohlweislich in eine "andere Zeit" umsiedelte.

Ein Schausteller, in einem Käfig von Fleischhauern bewacht, hungert zum Gaudium von Groß und Klein tage-und wochenlang, um schließlich zu sterben. Er habe, so seine letzten Worte, keine Speise gefunden, die ihm schmecke.

Kafkas Erzählung, meist als Parabel auf den Stellenwert von Kunst interpretiert, sagte mehr über Europas Zukunft aus als die zur selben Zeit populäre Fantasie in Knut Hamsuns Roman Hunger, oder das geflügelte Wort aus Bert Brechts Dreigroschenoper: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral."

Hungerstreiks konnten Revolutionen auslösen, aber es sollte noch schlimmer kommen: Die von amerikanischen Armeefotografen nach der Befreiung deutscher Konzentrationslager aufgenommenen Bilder ausgemergelter Lagerhäftlinge wurden zu Ikonen, in ihrer Drastik übertroffen nur von Bildern der Leichenhaufen, die mit Baggern ins Massengrab geschoben wurden.

Laut dem Philosophen Theodor W. Adorno sollte es als unmoralisch gelten, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben. Der russisch-amerikanische Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky unterlief das hypermoralische Gebot, indem er es überbot: Dann dürfe man nach Auschwitz weder atmen noch essen.

Auch wenn Nachgeborene daraus weder Moral noch Hinweise auf ihre Ernährungsgewohnheiten abzuleiten vermögen, das Beispiel der französischen Philosophin und Resistance-Kämpferin Simone Weil verschlägt bis heute zumindest den Atem.

In einer von der Studienkollegin Simone de Beauvoir überlieferten Diskussion darüber, ob es wichtiger sei, Menschen glücklich zu machen und ihrer Existenz Sinn zu geben, beharrte Weil auf einer Revolution, die allen Menschen zu essen geben würde. Beauvoir zufolge sagte sie: "Man sieht, dass Sie noch niemals Hunger gelitten haben." Simone Weil ist im Alter von vierunddreißig Jahren verhungert.

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