WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

vom 04.11.2020

Otto Grünmandl auf dem Weg zum Klassiker

Der spätere Erfinder des Einmannstammtisches war nicht nur ein Meister der höheren Kunst des Blödelns -innere Voraussetzung aller Freiheit. Er schrieb auch drei intelligente Romane. Schon in den 1950er Jahren zerpflückte Grünmandl Konzepte und Strategien moderner Werbung und beschrieb einen Sexroboter, den AI-Forscher noch heute beneiden dürfen. Sein "Ministerium der Sprichwörter" hilft Soziologen auf die Sprünge, am Beispiel des Tiroler Kleinbürgers Krambacher erfahren Globalisierer und deren Gegner, wie es um Ferne bestellt ist.

Otto Grünmandl, Das Ministerium für Sprichwörter. Werkausgabe Band 2. Romane Haymon Verlag 2020,520 S.

300 Jahre graue Eminenzen am Ballhausplatz

Nach seiner Monografie über die Staatskanzlei kehrt der langjährige Präsidialchef des Bundeskanzleramtes noch einmal an seinen früheren Arbeitsplatz am Ballhausplatz zurück, um die Einflüsterer und Berater von Österreichs Monarchen und Mächtigen wiederauferstehen zu lassen. Der Bogen reicht vom Freiherr von Sonnenfels über Bohemiens, trockene Hofräte, Pedanten und Gelehrte wie Hans Kelsen bis zu Bruno Kreiskys Sekretären und herauf in die Gegenwart. Abgeklärt zuletzt und ohne sich "vom Neusprech der Consulter weiter beeindrucken" zu lassen.

Manfred Matzka, Hofräte, Einflüsterer, Spin-Doktoren, Brandstätter Verlag 2020, 256 S.

Alle Klischees über Sibirien auf höchst originelle Weise

Eine alte Regel lautet: Wer an einen Ort für drei Tage reist, schreibt darüber einen Artikel; nach dreimonatigem Aufenthalt entsteht ein ganzes Buch. Die britische Journalistin erzählt von Sibirien, als läge Russlands Kolonialreich tatsächlich am Ende der Welt, bedient alle Klischees, tut dies aber auf höchst originelle Weise. Sie sucht nach Klavieren, die seit der Zeit der Dekabristen als Symbole europäischer Kultur hinter den Ural gelangten. Franz Liszt tritt ebenso auf wie Swjatoslaw Richter, und eine junge mongolische Pianistin spielt in ihrer Jurte Bach.

Sophy Roberts, Sibiriensvergessene Klaviere, Zsolnay Verlag 2020, 400 S.

Die Donau als Wasserstraße über das Schwarze Meer in den Nahen Osten

Wien sollte zum Hamburg des Ostens werden. Die Nazis dachten den im Industriezeitalter begonnenen Ausbau der Donau zur modernen Wasserstraße "geopolitisch" weiter: die Donau als Wasserstraße übers Schwarze Meer in den Nahen Osten. Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs, geprägt von der Eingliederung in die deutsche Reichswasserstraßenverwaltung, der Ausrichtung auf kriegswirtschaftliche Bedürfnisse und Projekten, die mit Zwangsarbeitern begonnen wurden.

Bertrand Perz u.a. (Hg), Wasserstraßen. Die Verwaltung von Donau und March 1918-1955, Böhlau Verlag 2020,353 S.

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