WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

vom 18.11.2020

Die besser-Schreibende der beiden Canettis?

Die zentrale Frage der Netzwerk-Biografie lautet eigentlich: War Veza nicht doch die bessere Autorin? Venetiana Taubner-Calderon, 1897 in Wien geboren, war hochtalentiert, stand dem Austromarxismus nahe und publizierte unter den Pseudonymen wie Veronika Knecht oder Veza Magd. Gereichte es der Verfasserin eines großartigen Romans und höchst originärer Erzählungen, die erst Jahrzehnte nach ihrem Tod erschienen, zum Nachteil, dass sie 1934 den späteren Literaturnobelpreisträger Elias Canetti heiratete? Nannte er sie verkehrter Weise "Königskünderin"?

Vreni Amsler, Veza Canetti zwischen Leben und Werk. Netzwerk-Biografie Studien Verlag, 2020,552 S.

Der interessante Teil des intellektuellen Österreichs der letzten sechzig Jahre

Ende der 1950er Jahre studiert Alois Brandstetter, Autor (Zu Lasten der Briefträger, Die Abtei etc.) und Germanist in Wien: Philosophenfreunde, die Bachmann, diverse Priester und viele andere tauchen in einem mäandernden Erzählstrom der Erinnerung auf, der sich eine Zeitlang um das Katholische des Landes, Gott und die Kirche dreht. Dann kommt der Literaturbetrieb samt Bachmann-Preis zum Vorschein, das Leben an der Uni tritt in den Vordergrund. Wer wissen will, was im intellektuellen Österreich der letzten sechzig Jahre an Interessantem geschah, lese dieses Buch!

Alois Brandstetter, Lebensreise Residenz Verlag 2020,400 S.

Ein würdiges Monument für den Dichter

Vor hundert Jahren im rumänischen Czernowitz geboren, von den Nazis verfolgt, 1947 über Wien dem Kommunismus entflohen, verbrachte der bedeutendste deutschsprachige Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein Leben bis zu seinem Freitod vor fünfzig Jahren in Frankreich. In Czernowitz steht heute ein hässliches Denkmal, doch dort wirkt auch der Celan-Forscher und Übersetzer Petro Rychlo, der mit 55 Zeugnissen von Freunden, Geliebten und Zeitgenossen zu Celans Leben und Werk das erste wahre Monument errichtet. Celan und kein Ende!

Petro Rychlo (Hg.), Mit den Augen von Zeitgenossen - Erinnerungen an Paul Celan Verlag Suhrkamp 2020,469 S.

Warum stammt der Tiroler vom "Salontiroler" ab?

Eine Philosophin und Ethnologin angesichts oft gestellter und selten beantworteter Fragen: Warum zieht die siebzehnjährige Angelika Kaufmann 1758 partout eine Bregenzer Wälder-Tracht an, um ihr imposantes Selbstporträt zu malen? Was hat es mit dem Lodenfrack des Kaisers auf sich -sein Volk kleidet sich ganz anders? Warum stammt der Tiroler vom "Salontrioler" ab? Was ist der Unterschied zwischen Dirndl und Tracht? Warum zögern Sozialdemokraten beim Kropfband? Und schließlich die Frage aller Fragen: Was haben Nazis und Dirndl miteinander zu tun?

Elsbeth Wallnöfer, Tracht Macht Politik Haymon Verlag 2020,272 S.

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