Mit der Hofburg in die Time Machine

Ein Computermodell der Wiener Hofburg als Beginn unserer virtuellen Zeitreise

TEXT: SOPHIE HANAK
vom 18.11.2020

Das europäische Projekt "Time Machine Europe" zielt darauf ab, das immense Kulturerbe des Kontinents für eine virtuelle Zeitmaschine aufzuarbeiten, abzuspeichern und aller Welt gratis zur Verfügung zu stellen. Begonnen hat es im Jahr 2012, als die "Venice Time Machine" online ging und tausend Jahre venezianischer Stadtgeschichte in einem multidimensionalen Modell sichtbar machte.

Die vorerst gescheiterte Time Machine Europe

Seitdem haben mehrere europäische Städte begonnen, ähnliche Projekte zu initiieren. Im Idealfall sollten sie zur "Time Machine Europe" werden, um gemeinsam in einer virtuellen Welt die Geschichte Europas und das Leben der europäischen Bevölkerung zu rekonstruieren. Die Time Machine hatte bis heuer gute Aussichten auf eine Milliardenförderung durch die EU, ist aber bei ihrer Verwirklichung auf kein Geld gestoßen. Sollte es einmal zur Time Machine kommen, könnten sich die Europäerinnen und Europäer in einem virtuellen Spiegel widerfinden. Ob ihnen das gefallen wird?

Die Time Machine soll mithilfe von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Big-Data-Technology verwirklicht werden. Als Grundlage hierfür werden historische Aufzeichnungen, Pläne, Gemälde, Fotografien und dergleichen herangezogen, die seit Jahrhunderten in europäischen Museen, Universitäten oder Forschungsinstituten archiviert sind und seit Beginn des 21. Jahrhunderts digitalisiert werden.

In Österreich beginnt die Time Machine mit der Hofburg

In Österreich sind an der "Time Machine Vienna" verschiedene Institutionen beteiligt, darunter auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit einem Projekt über die Wiener Kaiserresidenz.

Das Vorhaben baut dabei auf einem bereits bestehenden Projekt der Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auf (mittlerweile die Abteilung Kunstgeschichte des Instituts für kunst-und musikhistorische Forschungen). Im Rahmen eines fast zehnjährigen Forschungsprojekts zur Bauund Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg entstand ein digitales 3D-Modell der Residenz.

Das Modell zeigt die bauliche Entwicklung des Herrschaftshauses vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Nach der Erstellung des Modells beantragte Richard Kurdiovsky, ein Architekturhistoriker des Forschungsbereichs Kunstgeschichte des Instituts für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraums, ein daran anschließendes Forschungsprojekt. In seinem Rahmen soll das digitale 3D-Modell der habsburgischen Residenz von Kurdiovskys Team und in Kooperation mit der TU Wien bearbeitet werden. Ziel ist, das Modell als virtuellen Quellenspeicher für eine digitale Nachnutzung herzurichten. Auf diese Weise können dann historische und topografische Eigenheiten des Gebäudes aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden.

In der virtuellen Hofburg durch die Jahrhunderte

"Im Zuge des Hofburg-Projekts haben wir schon viele digitale Daten zu Bild-und Schriftquellen aller Epochen gesammelt. Diese Daten sollen nun als Grundlage für das Projekt "Time Machine Vienna" weiterbearbeitet werden. Es existiert eine Fülle an historischem Datenmaterial, das wir prototypisch in das digitale Modell zu integrieren versucht haben", erklärt Kurdiovsky. Zu den verwendeten Daten zählen Schriftquellen wie etwa Reiseberichte, Briefe, Architekturzeichnungen, Pläne, wissenschaftliche Texte und digitale Daten zu Gemälden, Tapisserien oder Möbel. Diese werden dann zeitlich und örtlich im Modell angeordnet und abrufbar gemacht.

Die Zukunftsvision ist, allen, die sich dafür interessieren, zu ermöglichen, die historische Hofburg virtuell zu begehen und in einem virtuellen Raum von einem Saal in den anderen zu wandern. Währenddessen sollen, ähnlich wie bei einem Museumsbesuch, weiterführende Informationen zu den jeweiligen Objekten zur Verfügung stehen. Durch Links ist es möglich, historisches Quellenmaterial wie archäologische, kunsthistorische oder botanische Daten, also alle im Modell verlinkten Inhalte, anzuklicken, um sie in Popup-Fenstern lesbar zu machen oder anschauen zu können.

Zusätzlich kann man sich auch in jede beliebige Zeit einloggen. Das Modell enthält eine Zeitachse, auf der jedes beliebige Jahr, in dem die Hofburg besucht werden soll, ausgewählt werden kann. "Je nachdem, in welche Zeit der Besucher reist, sieht er dann die verschiedenen baulichen Zustände der Hofburg. Uns ist es sehr wichtig, eine browserbasierte Anwendung zu schaffen, die ohne tiefgehendes digitales Wissen verwendet werden kann", sagt Kurdiovsky.

Die virtuelle Hofburg als Prototyp für die Time Machine Vienna

Die virtuelle Hofburg soll aber nur der virtuelle Grundstein oder besser ein Prototyp eines Teils der "Time Machine Vienna" sein. Im Vollausbau soll die Time Machine Daten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen verknüpfen und Nutzern zur Verfügung stellen.

"Damit wir dieses Projekt zeitnahe umsetzen können, hoffe ich sehr, dass wir in absehbarer Zeit die Finanzierung für die ,Time Machine Vienna' bewilligt bekommen. Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Forschungsbereichen möchten wir gern eine Time Machine nicht nur für die Hofburg, sondern für die gesamte Stadt Wien realisieren", erklärt Kurdiovsky Der Kampf ums Geld für dieses Projekt ist jedoch nicht einfach.

"Derzeit ist eine nachhaltige Finanzierung der digitalen Infrastruktur in Österreich noch nicht ausreichend ausgebaut. Die aktuellen Bestrebungen aber scheinen in die richtige Richtung zu laufen. Momentan allerdings bemühen wir uns gemeinsam mit unseren Partnern nach wie vor um eine Drittmittelfinanzierung", sagt der Architekturhistoriker Kurdiovsky.

Eine Zeitmaschine mit unvorhersehbaren Möglichkeiten

Mit dem Projekt "Time Machine Vienna" soll, ausgehend von der prototypisch erprobten Anwendung für die Hofburg, der virtuelle Plan auf mehrere Teile der Stadt Wien ausgedehnt werden. So könnte ein Großteil der historischen Stadt durchwandert werden, basierend auf wissenschaftlichen Dokumenten.

"Es wäre interessant, einen Stadtplan oder ein digitales 3D-Modell von Wien zu gestalten, worin wieder eine Zeitachse enthalten ist und ein bestimmtes Datum ausgewählt werden kann. Der Betrachter kann in den Stadtplan hineinzoomen und beispielsweise eine bestimmte Wohnadresse zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Gegend der Stadt genauer unter die Lupe nehmen. Dort kann er etwas über damals an diesem Ort verwahrte Objekte und über dort lebende Menschen erfahren, über deren Berufe, deren berufliche oder private Kontakte und so zu weiteren Personen oder Orten gelangen. Das kann natürlich nicht nur für einen einzigen Zeitpunkt gelten, sondern auch Beziehungen in frühere oder spätere Zeiten beinhalten, etwa welche Mieter nacheinander in einem bestimmten Haus wohnten. Die Anwendungen sind hier schier unendlich und können durch das Hinzufügen von immer neuen Daten ständig erweitert und ergänzt werden", schwärmt Kurdiovsky.

Wichtig sei, dass der Zugang zur Time Machine einfach ist und der Gebrauch auch bei allen Erweiterungen einfach bleibt -für wissenschaftlich tätige Personen, die über wenig technisch-digitales Wissen verfügen ebenso wie für das breite Publikum.

In der "Time Machine Vienna" können Daten zusammengetragen werden und zu Erkenntnissen führen, die sich Wissenschafter und Forscher momentan noch gar nicht vorstellen können, da in solch einer Form so etwas noch nie existiert hat.

"Die Time Machine hat den wunderschönen Vorteil, dass das Projekt nur funktioniert, wenn viele Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten, wir uns inklusiv verhalten und interdisziplinär Daten, Methoden und Fragestellungen in einem Modell verschmelzen." Richard Kurdiovsky schreckt sich nicht vor dieser immensen Aufgabe.

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