Seit 1921 gute Aussichten

Das Burgenland, das jüngste Bundesland Österreichs, feiert 2021 seinen erstaunlichen Aufstieg

TEXT: ALEXANDER LASS
vom 18.11.2020

Das Burgenland teilt seine Außengrenze mit drei EU-Staaten, was zu einem bestimmten Verständnis der Welt und des eigenen Landes führt. Hier hilft jeder jedem, freilich mit ein wenig Abstand.

Im Jahr 1921 wurde das heutige Burgenland, unter den Habsburgern als "transleithanisches Westungarn" bezeichnet, nach kämpferischen Scharmützeln mit ehemaligen "Habsburgerverbündeten" und nach zahlreichen internationalen Konferenzen dem Staat Österreich zugesprochen. Das führte bei vielen zur Frage: Warum eigentlich? Was wurde damit geschaffen? Die "neuen" Burgenländerinnen und Burgenländer gaben darauf selbst eine Antwort: mit Fleiß, Humor und Geduld schufen sie das jüngste der österreichischen Bundesländer und sind nun zurecht stolz darauf.

Dabei unterschied sie besonders eines von den Alpenländern Österreichs: Sie mussten aus unterschiedlichen Sprachen und Kulturen zum Gemeinsamen zusammenfinden. Das ist mittlerweile so gut gelungen und das Land so attraktiv geworden, dass immer mehr Menschen aus den umliegenden Großstädten Wien und Bratislava in das ehemalige "Ziel 1a"-Gebiet, wie die EU es nennt, übersiedeln.

Was ist ein Ziel-1a-Gebiet und was ist daraus geworden?

Die EU benennt Gebiete, die einer besonderen Förderung würdig sind, als "Ziel 1a". Dafür wurden zwischen 1995 und 2006 aus EU-Fonds knapp eine Milliarde Euro für das Burgenland bereitgestellt. Da eine "klassische" Industrie im Burgenland weitgehend fehlt, ging das Geld in die Schaffung von Gewerbeparks vor den Dörfern, in Dienstleistungen und den Tourismus: Das Burgenland wird nun als Bundesland mit den meisten Sonnentagen beworben. In der Folge entstanden der Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel, Thermenanlagen, Radwege, Wanderrouten oder Wassersportanlagen. Heurige und Wirtshäuser locken nun Gäste an, die sich vor allem von der Freundlichkeit der Menschen im Burgenland begeistern lassen.

Eines ist allerdings geblieben: Klassische wirtschaftliche Vorzeigebetriebe, vor allem industrielle, sind nach wie vor eine Minderheit. Dafür wurden Ausbildungsstätten für Lehrlinge eingerichtet und in den vergangenen zwanzig Jahren auch Fachhochschulen in Eisenstadt und Pinkafeld.

Die Vielschichtigkeit der Burgenländer, historisch

Im Burgenland gilt Zusammenhalten als Leitparole. Auch im übertragenen Sinn beim Bereden von Dingen, oder besser im Schweigen. "Unterm Strich kennt man sich und verträgt sich", sagt Pater Thomas Lackner. Er erfüllt sein priesterliches Amt seit knapp einem Jahrzehnt in der Basilika Frauenkirchen und wird dabei nicht müde davon zu sprechen, was nicht alles schon renoviert gehört hätte in der Basilika. Aber das Leben ist halt kein Wunschprogramm, und das Burgenland, wo man gern gut lebt, auch nicht. Trotzdem lässt Lackner sich nicht unterkriegen, darin zeigt sich eine Haltung, die Menschen in diesem Land ganz allgemein auszeichnet, ist es doch, historisch gesehen, immer wieder von sogenannten "geschichtlichen Ereignissen" mit durchaus feindlichen Absichten überrannt worden. Auch die stetig wechselnden Machtverhältnisse erzwangen ein persönliches Verhalten, das man am besten mit "vielschichtig" umschreibt. Lackner gehört zweifellos zu diesen vielschichtigen Persönlichkeiten des Burgenlands.

Ebenso wie der Erfinder und Gründer des Freilichtmuseums "Dorfmuseum Mönchhof", Pepo Haubenwallner. "Abwarten bringt viel, aber stetig daran arbeiten ist der Schlüssel", sagt er und klimpert mit den mehr als fünfzig Schlüsseln, die er zum täglichen Aufsperren des Museums bei sich trägt. Damit öffnet er viele Türen, hinter denen sich ein Aspekt der abwechslungsreichen Geschichte und vielfältigen Gegenwart des Landes zeigt - das Dorfmuseum als Gebäude eines kollektiven Gedächtnisses. "Von nix kummt nix", gibt er meistens seinen Besuchern nach einer Tour mit auf den Weg. Das Freilichtmuseum selbst ist der beste Beweis dafür, hat er es doch im Jahr 1990, wenige Wochen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, in Eigenregie gegründet.

Die wirtschaftliche Entwicklung im Land der Dörfer

1998 wurde der Grundstein für eine Einrichtung gelegt, die viele gern nachahmen würden, einfach, weil sie wirtschaftlich so erfolgreich ist und über die Region hinaus für Kauflust sorgt. Das McArthurGlen Designer Outlet in Parndorf wird zwar gern kritisiert, noch lieber fährt man aber dorthin, um einzukaufen. In Parndorf gibt es auch, was sonst im Burgenland eher selten ist, Industriebetriebe wie Mareto, den Weltmarktführer bei der Erzeugung von Kunststoffen für die kosmetische und pharmazeutische Industrie, oder das PK Windpark Management der PUSPÖK Group, die 91 Windenergieanlagen betreibt. Oder auch die Interpane Isolierglasgesellschaft. Von solchen Unternehmen profitieren die Gemeinden rund um Parndorf. Was dem Land momentan jedoch vor allem fehlt, ist ein Cluster von Start-ups der neuen Technologien.

Unternehmergeist zeigt sich vor allem auch im kleinen Rahmen wie dem des Fahrradgeschäfts der Brüder Günther und Johannes Hafner mit dem Namen "Geheimrad von Hafner". Was auf den ersten Blick anderen Fahrradhandlungen ähnelt, zeigt sein Geheimnis jenen, die sich dort umschauen. Radfahren ist ja geradezu erfunden für das Burgenland. In seinen flachen Teilen, und das sind die meisten, kommt man sogar ohne E-Bike gut voran. Den Hafners ist bei ihren Gefährten vor allem eines wichtig: Langlebigkeit und Tradition. So bieten sie auch Räder aus britischen Traditionsschmieden an.

Das Herz des Burgenlands und sein Besitzer

Der Neusiedler See mit den Nationalparks Neusiedlersee-Seewinkel und Fertő-Hanság ist so etwas wie das Herz des Burgenlands. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgt man dem Pumpern dieses Steppensees, dem Auf und Ab des Wasserspiegels, denn der größte abflusslose See in Mitteleuropa kommt eben nicht leicht zu seinem Wasser. Also bloß kein 1864 mehr, als er austrocknete.

Sein österreichischer Bereich ist zum größeren Teil Eigentum der Familie Esterházy. Die schillernde Geschichte des magyarischen Magnatengeschlechts beschäftigt fallweise heute noch die Medien. Im Übrigen führen die Esterházy-Betriebe ihre Geschäfte als einer der größten Güterverwalter und Immobiliengestalter des Bundeslandes, mehr und mehr auch als Touristiker und Kulturveranstalter. Seit einigen Jahren entspinnt sich ein leiser Dialog zwischen Vertretern des Landes und der Führung der Esterházy-Betriebe, es funktionieren Synergien ohne viele offizielle Worte.

Wein und was das Leben am Land ausmacht

Der Weinregion Burgenland hat der Glykolskandal von 1985, als publik wurde, was den burgenländischen Wein so süß machte, nämlich ein Frostschutzmittel, nach vielschichtigem Schweigen zu einem mittlerweile international gerühmten Standard verholfen. Heute gibt es nicht nur die Spitzenweine innovativ arbeitender Winzer, sondern auch die schrägsten Variationen an Weinrebsorten, vom Csaterberg im Süden bis zur "Hölle" bei Illmitz. Und wer einen Uhudler Kurz, das Burgenland ist Österreichs Weinregion mit den besten aller Jahrgänge, trotz Wachau und Südsteiermark. Im Wein steckt wohl auch, was das Burgenland ausmacht: Landleben mit genormten Daseinspflichten, der innere Drang, ständig etwas erfinden zu wollen, hohe Produktivität und zugleich der Rückzug aus der Welt. Wie es einem halt am besten schmeckt.

Über sich selbst erfährt das Burgenland aus einer marginalen - oder soll man sagen randlagigen? - Medienlandschaft. Schau-TV und ORF Burgenland bringen täglich Kurzfernsehbeiträge, Tageszeitungen werden in Wien von burgenländischen Lokalredaktionen gefüllt. Der Bohmann-Verlag agiert als vielschichtiger Berichterstatter.

Buchverlage sind an einer Hand abzuzählen, der umtriebigste ist die "edition lex liszt 12" von Horst Horvath, der Autorinnen und Autoren sowie Geschichten aus dem Burgenland verlegt und zahlreiche interkulturelle Interventionen anstößt.

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