Zeitreisen in der Zeitung

Das "Wienerische Diarium" ist ein historisches Sammelsurium -das "Digitarium" erschließt es

TEXT: WERNER STURMBERGER
vom 18.11.2020

Alles Denckwürdige /so von Tag zu Tag so wohl in dieser Käyserlichen Residentz= Stadt Wienn selbsten sich zugetragen /als auch von andern Orthen auß der ganzen Welt allda nachrichtlich eingeloffen", wolle man berichten und zwar: "ohne einigen Oratorischen und Poëtischen Schminck / auch Vorurtheil / sondern der blossen Wahrheit derer einkommenden Berichten gemäß". Eine Losung, die auch heute noch vielen Tageszeitungen gut zu Gesicht stehen würde. Sprache und Layout wirken hingegen kaum zeitgemäß. Wenig verwunderlich, stammen die Zeilen doch aus der ersten Ausgabe des Wienerischen Diariums vom 1. August 1703 - heute besser bekannt als Wiener Zeitung.

Anfänglich erschien die Zeitung zweimal wöchentlich an den Posttagen Mittwoch und Samstag im Format 16 mal 20 Zentimeter und einem Umfang von anfänglich acht Seiten. Die Auflage betrug nur einige hundert bis rund tausend Exemplare pro Ausgabe, fand aber deutlich mehr Lesende.

Wichtige Informationen über den Hof und Stadtzeitung

Das Diarium war nicht die erste Zeitung, die in Wien verlegt wurde - diese erschien bereits 1621 -, sie wurde aber europaweit zu einer der wichtigsten, da sie einen entscheidenden Vorteil hatte: Das Obersthofmeisteramt versorgte die Redaktion exklusiv mit Informationen zum aktuellen Geschehen am Kaiserhof. "Das Wienerische Diarium ist keine Hofzeitung im klassischen Sinne, weil sie von keiner Hofbehörde herausgegeben wurde, stand dem Hof aber auf jeden Fall sehr nahe. Unter Leopold I. setzte sich um 1700 die Auffassung durch, dass die kaiserliche Residenzstadt eine deutschsprachige Zeitung benötige, um dem habsburgischen Hof europaweit noch mehr Präsenz zu verleihen", sagt Anna Mader-Kratky, Kunsthistorikerin an der ÖAW.

Heute würde man wohl von Imagepflege sprechen. Das wird auch in der Berichterstattung über die Bauarbeiten in der Wiener Hofburg als zentraler Residenz des Kaisers deutlich, die die Kunsthistorikerin unter anderem mithilfe des Diariums erforscht. Ziel war es, die eigene Stimme in der Öffentlichkeit zu verankern, um selbst Stimme einer neu entstehenden Öffentlichkeit zu werden.

Gleichzeitig diente das Wienerische Diarium auch als Stadtzeitung, die Ankünfte von Reisenden, Geburten, Todesfälle, aber auch zusehends mehr Inserate und Werbung beinhaltete. Ein stetig wachsendes Korrespondentennetzwerk sorgte dafür, dass auch internationale Nachrichten in der Zeitung Platz fanden. Bis auf Horoskope und den Sportteil findet sich quasi alles, was auch eine heutige Zeitung ausmacht. Das interessiert die Wissenschaft: "Das Wienerische Diarium ist eine Quelle, die für viele Forschende von besonderer Bedeutung ist: für die Geschichtswissenschaft, die Kunst-, Musik und Theaterwissenschaft, für die historische Presseforschung und natürlich auch für die historische Sprachwissenschaft" sagt Claudia Resch, Germanistin an der ÖAW und Leiterin des Projekts Digitarium. Das Diarium wurde daher als eine der ersten Periodika in die Plattform "AustriaN Newspapers Online" (kurz: ANNO) der Österreichischen Nationalbibliothek aufgenommen. Das Suchen nach bestimmten Texten sind im digitalen Archiv historischer Zeitungen und Zeitschriften aber nur eingeschränkt möglich, was das Forschen oft mühsam macht. Das Digitarium-Projekt der ÖAW, das die beiden mit ihrem Team aufgebaut und entwickelt haben, hat das nun geändert.

Die Computer lernen das Lesen alter Zeitungstexte

"Die automatisierte Texterkennung ist nach wie vor fehleranfällig. Dazu reichen ein verschmierter oder verblasster Buchstabe, Flecken oder eine durchscheinende Rückseite. Beim Diarium kommt erschwerend hinzu, dass es in der damals üblichen Fraktur gedruckt wurde", erklärt Resch. Die aus dem 15. Jahrhundert stammende Schriftart ist selbst für uns heute oft schwierig zu enträtseln -vor allem die Unterscheidung von "s" und "f" oder von "U" und "A" kann Probleme bereiten -Menschen und Computern erst recht.

Die Ergebnisse der herkömmlichen automatisierten Texterkennung, wie sie bei ANNO bislang zum Einsatz kommt, sind entsprechend fehlerhaft und für die Forschung nur bedingt geeignet. Eines der Ziele des Digitariums war darum eine buchstabengetreue Digitalisierung des Diariums, die ein verlässliches Volltextsuchen ermöglicht. Grundlage der Texterkennung sind digitalisierte Bilder der Zeitung, die im Fall des Diariums von Originalen und Mikrofilmen aus dem digitalen Archiv der Nationalbibliothek stammen. Damit aus einer Bilddatei ein Textdokument werden kann, wandelt eine Software namens "Transkribus" die Bilder in maschinenlesbaren Text um.

"Wir haben darum erstmals auf Techniken der automatischen Handschriftenerkennung gesetzt und ein künstliches neuronales Netz auf die Erkennung der Fraktur-Schrifttype trainiert", erklärt Claudia Resch. In der Informatik nennt man diese Anwendung künstlicher Intelligenz "Deep Learning":"Dabei wird die Software mittels eines korrekt transkribierten Textes trainiert. Wenn ausreichend Trainingsmaterial vorliegt, übernimmt sie die Erkennung. Die Resultate werden dann wieder manuell korrigiert, sodass sich weitere Ausgaben durch diesen Input bereits verbessert erkennen lassen und die Fehlerrate weiter sinkt." Ein Trainingsaufwand, der sich bezahlt gemacht hat: Bei sehr guten Bildvorlagen unterlaufen der Software auf tausend Zeichen nur noch drei Fehler. Aufgrund der beschränkten Projektzeit wurden bislang nur 322 der mehr als 10.000 Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert digitalisiert. "Dabei haben wir Forschende, die ebenso wie wir intensiv mit dem Diarium arbeiten, eingeladen, einzelne Ausgaben zu nominieren. Das Echo war enorm und hat uns überrascht", schildert Resch. Mit dem Erreichten zeigt sie sich durchwegs zufrieden: "Wir haben gezeigt, dass auch ein kleines Digitalisierungsprojekt einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung digitaler Technologien leisten kann. Die fertigen Ausgaben stellen wir bereits jetzt frei zugänglich zur Verfügung. Natürlich wäre es großartig, wenn wir in einem Folgeprojekt auch die verbleibenden Ausgaben bearbeiten könnten."

"seynd" oder "sind", das ist hier die Frage

Historische, aber auch sprachwissenschaftliche Studien würde jedenfalls von einer Volldigitalisierung des Diariums profitieren. "Beispielsweise lässt sich nachvollziehen, wie sich die Sprachreform des 18. Jahrhunderts im Diarium allmählich durchsetzt und die oberdeutsche Schriftsprache durch eine neue mitteldeutsche ersetzt worden ist." Einer der Indikatoren sind etwa die Wörter "seynd" und "sind":"Anhand von Frequenz-und Verteilungsanalysen kann man sehen, wie das oberdeutsche "seynd" in der Praxis zusehends vom mitteldeutschen "sind" verdrängt und nur noch ganz vereinzelt verwendet wird", so die Germanistin.

Ein Mehr an verlässlich durchsuchbaren digitalen Zeitungsbeständen jener Epoche würde es zudem erlauben, auch kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten: Wer schreibt was und von wem ab? Wer hat welche Nachricht zuerst? Und genauso spannend: Worüber wird nicht berichtet? Während sich etwa das Diarium über die genauen Umstände des Ablebens von Marie Antoinette ausschweigt, wird in der Preßburger Zeitung ihr Weg zum Schafott genau geschildert. "Message Control" gab es also bereits damals, hieß aber noch - auch offiziell -Zensur.

Die weitere Digitalisierung des Diariums ruht im Moment, doch für Resch geht die Arbeit weiter. "Mit unserem Diarium-Modell, das wir kürzlich veröffentlicht haben, können auch andere Zeitungen aus dieser Zeitperiode verbessert erkannt werden. Aktuell läuft ein Test bei der Zürcher Zeitung, die 1780 gegründet wurde", sagt die Germanistin. Sie selbst leitet inzwischen ein neues Projekt, welches das Digitarium mit dem "Wien Geschichte Wiki" verknüpfen soll: "Wir testen, wie wir die im Diarium genannten Personen, Gebäude oder Ereignisse mit den Einträgen im "Wien Wiki" verbinden können." Werden weitere Fördermittel bewilligt, soll das Digitarium einer der großen Datenlieferanten der "Time Machine Vienna" werden. Wir werden sehen:::

DIGITARIUM.ACDH.OEAW.AC.AT

Mehr aus diesem HEUREKA

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!