Macht die Pflege von Dementen dement?

Biologische und soziokulturelle Gründe, warum mehr Frauen als Männer an Demenz erkranken

TEXT: BRUNO JASCHKE
vom 31.03.2021

Im Jahr 2050 werden in Österreich um die 250.000 Menschen an Demenz leiden. Derzeit sind es laut Sozialministerium zwischen 115.000 und 130.000, von denen bis zu achtzig Prozent von Alzheimer betroffen sind. Fünfzehn bis zwanzig Prozent leiden an vaskulärer Demenz, beim Anteil der Lewy-Body-Demenz divergieren die Schätzungen zwischen sieben und zwanzig Prozent. Andere Formen kognitiver Beeinträchtigungen machen insgesamt weniger als zehn Prozent aus; häufig sind es Mischformen.

Werden Frauen häufiger dement, weil sie älter werden?

Von der Lewy-Body-Demenz abgesehen, die Männer etwas häufiger zu treffen scheint, leiden mehr Frauen als Männer an demenziellen Erkrankungen. Bei Alzheimer ist die Diskrepanz besonders krass: Zwei Drittel der Kranken sind weiblich. Während in der Altersgruppe der 65-bis 79-Jährigen noch eine relativ ausgeglichene Häufigkeit zwischen den Geschlechtern herrscht, verschieben sich in der Gruppe der 85-bis 89-Jährigen die Relationen deutlich zu Ungunsten der Frauen: 8,8 Prozent Männer, aber 14,2 Prozent Frauen sind betroffen. Die Rate der Neuerkrankungen pro Jahr ist bei Frauen mit 4,15 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Männern (2,42 Prozent). Diese Zahlen, dem heute noch immer als maßgeblich erachteten "Österreichischen Demenzbericht 2014" entnommen, legen einen engen Zusammenhang zwischen Alter und Demenz nahe. Da Frauen älter werden als Männer, trifft sie auch die Demenz stärker, so die verführerisch einfache Schlussfolgerung.

Unbestritten gilt das Alter als größter Risikofaktor für Demenz, seine Gewichtung wird auf siebzig Prozent eingeschätzt. Dennoch gibt es Fachleute, die es nicht als naturgegebenes Schicksal hinnehmen wollen, dass Frauen demenzgefährdeter sind als Männer. So eindeutig seien die Antworten der Wissenschaft dazu nicht, gibt Stefanie Auer, Leiterin des Zentrums für Demenzstudien an der Donau-Universität Krems, zu bedenken: "Einige Untersuchungen in Europa haben eine höhere Prävalenz für Frauen aufgezeigt, doch eine kürzlich durchgeführte Metaanalyse über 22 Studien, die weltweit durchgeführt wurden, wies keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen aus. Eines der größten Probleme scheint zu sein, dass viele vor allem ältere Studien Geschlechtsunterschiede gar nicht betrachten. Wir können nicht Medizin für alle machen, wir müssen geschlechtsspezifische Bedingungen anschauen."

Auer fordert, die Perspektiven, aus denen eine mögliche Demenzprädisposition von Frauen abgeleitet werden kann, zu erweitern. Dafür sei es notwendig, zwischen "Sex" und "Gender", das heißt zwischen biologischen und soziokulturellen Voraussetzungen zu differenzieren -einerseits also die körperliche Verfassung der Frauen insbesondere vor, während und nach der Menopause genau zu beobachten, andererseits aber auch anerzogene Nachteile wie Bildungsferne, Bewegungsarmut und einseitige Belastungen in Rechnung zu ziehen.

Auch Andreas Winkler, Facharzt für Neurologie, Geriatrie und ärztlicher Direktor der Klinik Pirawarth, legt auf die Unterscheidung zwischen natürlichen und sozialisierten Ursachen Wert. Als biologische Risikofaktoren nennt er genetische Dispositionen durch das Allel Apolipoprotein E4, die sich möglicherweise ebenso wie auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes) bei Frauen ungünstiger auswirken als bei Männern, sowie eine Unterversorgung des Gehirns mit Östrogenen:

"Es ist seit Langem bekannt, dass Östrogene einen protektiven Effekt auf das Gehirn ausüben und neuronale Stoffwechseländerungen möglicherweise nach dem Wegfall der Schutzfunktion nach der Menopause das Auftreten einer Alzheimerschen Erkrankung begünstigen." Allerdings schränkt er ein: "Das Zusammenspiel zwischen Hormonen und Nervenzellen in unterschiedlichen Gehirnregionen wird bis heute nur schlecht verstanden. Jedenfalls gibt es keine klaren Daten, die darauf hinweisen, dass eine Hormonersatztherapie als therapeutischer Ansatz Eingang in die Behandlungsrichtlinie gefunden hätte."

Zu wenig Hilfe für demenzkranke Personen in Heimen

Eine systemische Gefahrenquelle lauert in den Pflegeheimen, die aus demografischen Gründen mehrheitlich von Frauen bewohnt werden: Laut einer von der Donau-Universität Krems gemeinsam mit der Prager Karls-Universität 2018 durchgeführten epidemiologischen Untersuchung herrschen in österreichischen Heimen massive Diskrepanzen zwischen den in den Krankenakten dokumentierten Demenzzahlen und den Ergebnissen der Untersuchungen, die das Studienteam durchgeführt hatten: Während die Akten nur bei knapp 59 Prozent eine Demenzbetroffenheit auswiesen, ermittelten die Forschenden eine Rate von 85 Prozent.

"Diese Diskrepanzen sind alarmierend, weil das bedeutet, dass Personen nicht die medizinische Versorgung bekommen, die sie benötigen, etwa ein Antidementivum", warnt Auer. "Dafür sind nicht die Pflegekräfte verantwortlich zu machen, die Politik hat verabsäumt, Strukturen zu schaffen, in die Pflicht zu rufen."

Inwieweit psychische Faktoren zur Bildung oder Beschleunigung einer Demenz beitragen, ist nur rudimentär erforscht. "Als ursächliche psychische Faktoren sind nur Depression und mangelnde Aktivität in allen Bereichen gesichert. Es werden auch persönlichkeitsspezifische Ursachen diskutiert wie etwa hohe Leistungsorientiertheit mit geringem Erfolg, diese Ergebnisse sind jedoch nur retrospektiv und nicht gesichert", erklärt der Psychologe und Psychotherapeut Gerald Gatterer. Ob Verdrängung im Sinne eines "gnädigen Vergessens" eine Demenz fördert, "entzieht sich", so Auer, "der Forschung sehr vehement".

Bei den soziokulturellen Risikofaktoren spielen Rollenbilder, die Frauen Aufgaben aufbürden und Möglichkeiten verwehren, eine entscheidende Rolle. "Wir alle wissen, dass auch heute noch die soziale Rolle der Frau in der Gesellschaft keineswegs als zufriedenstellend betrachtet werden kann; möglicherweise sind Nachteile in der Biografie mit Einbußen im Bereich der kognitiven Reserve verknüpft", sagt Andreas Winkler.

In den heutigen Demenzstatistiken spiegelt sich ein soziales Gefüge, das Frauen, in Europa stärker als in den USA, beim Zugang zu Bildung benachteiligt hat. Bildung ist von besonderer Bedeutung, da geistige Stimulation und lebenslanges Lernen als wichtige Abwehr von Demenz gelten. "Ein aktuelles Modell der kognitiven Reserve geht davon aus, dass Menschen während ihres Lebens ihre geistige Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit über die Lebensspanne hinweg aufbauen, um gleichsam wieder den Muskel trainieren können", erklärt Winkler. "Wesentliche Einflussfaktoren, um hier eine starke und belastungsfähige kognitive Reserve zu entwickeln, sind das soziale Umfeld, die schulische Ausbildung, kognitive Aktivität, das Erlernen von Sprachen und ein hohes Ausmaß an sozialer Interaktion." Stefanie Auer, unter deren Leitung eine österreichische Demenz-Präventionsstudie an der Donau-Universität Krems geplant ist, hält es für gut möglich, dass (lebens)langes Lernen schwerwiegende Symptome kompensieren kann.

Frauen erledigen meist die Pflegearbeit - zu ihrem Nachteil

Während sich die Bildungschancen im Westen angeglichen haben, sind an einem anderen neuralgischen Punkt alte Rollenmuster noch immer in Kraft: Frauen tragen beruflich wie auch familiär mit überwältigender Mehrheit die Last der Pflegearbeit - sehr zu ihrem Nachteil, wie Auer darlegt: "Es gibt zahlreiche gute Studien, die zeigen, dass die Betreuung und Pflege wesentlich zu einem Risiko, selbst an Demenz zu erkranken, beiträgt. Die Belastungen in Zusammenhang mit der Pflege sind enorm, und es wird nicht mit Angeboten zur Entlastung entsprechend gegengesteuert."

Hier brauche es viel mehr Forschung, aber auch einen Bewusstseinswandel seitens der Frauen selbst, die sich vom trügerischen Ideal der "Pflege bis zur Selbstaufgabe" lösen müssten. "Frauen haben diesen selbstzerstörerischen Impetus ,Ich muss die Mutter oder die Schwiegermutter pflegen!' und ignorieren, wann sie selbst nicht mehr können. Wir als Gesellschaft müssen lernen, sie solidarisch zu unterstützen!"

Mehr aus diesem HEUREKA

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!