FREIBRIEF

Medienzyklen

FLORIAN FREISTETTER
vom 31.03.2021

Wissenschaft braucht die Medien. Denn es ist zwecklos, die Welt zu erforschen, ohne die Menschen über die Ergebnisse dieser Forschung zu informieren. Umgekehrt ist die Beziehung komplizierter: Wissenschaft liefert auch Nachrichten, aber nicht immer gerade solche, die für eine Berichterstattung interessant erscheinen. Medien wollen Themen mit Neuigkeitswert. Die Aufmerksamkeit folgt dabei oft konkreten Zyklen. Zuerst wird ein Thema plötzlich "heiß". In der Folge ist es überall; auf allen Radio-und TV-Sendern, in allen Zeitungen, im Internet. Diese Phase endet irgendwann, selbst wenn es über das Thema noch zu berichten gäbe. Die mediale Aufmerksamkeit schwindet, spätestens dann, wenn ein neues "heißes" Ding auftaucht.

Nur ein außerordentliches Phänomen wie eine Pandemie kann diesen Zyklus aushebeln. Dann entstehen neue Probleme: Alles, was nicht Teil des aktuellen Themas ist, hat wenige Chancen, die mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Forschungsergebnisse, die nichts mit Virologie oder Epidemiologie zu tun haben, tauchen momentan eher selten in den Nachrichten auf. Das ist schlecht, denn Krisen halten sich nicht an die Zyklen der Massenmedien. Der Klimawandel zum Beispiel macht gerade keine Pause. Er wartet nicht, bis wir das mit der Pandemie gelöst haben. Die Klimakrise wird schlimmer, in der Berichterstattung wurde dies aber zu einem Randthema.

Das gilt ebenso für andere, durchaus sehr relevante Forschungsergebnisse, auch für die "irrelevanten": Nicht alles, was die Wissenschaft herausfindet, hat direkten Einfluss auf unser Alltagsleben. Aber auch oder vielleicht gerade diese Themen wären berichtenswert. Es ist kein Wunder, dass das Ansehen der Wissenschaft in der Öffentlichkeit sinkt und sich Verschwörungstheorien immer weiter ausbreiten. Wenn Forscherinnen und Forscher in den Medien nur dann prominent zu Wort kommen, wenn sie sich zu globalen Krisen äußern müssen, erzeugt das ein völlig verzerrtes Bild der Wissenschaft. Vielleicht wäre es daher nicht schlecht, wenn sie in Zukunft vermehrt nach Wegen sucht, um direkt mit den Menschen zu kommunizieren. Wissenschaft ist zu wichtig, um sie den Zyklen der medialen Aufmerksamkeit zu überlassen.

MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS. DE/ASTRODICTICUM-SIMPLEX

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