BRIEF AUS BRÜSSEL

Postauftrag

EMILY WALTON
vom 31.03.2021

Fernweh ist ein Gefühl, das in diesen Tagen wohl viele plagt. In Brüssel dürfte das Fernweh besonders weit verbreitet sein - schließlich liegen Traumdestinationen wie die Metropolen Paris, London oder Amsterdam mit dem Zug nur zwei, drei Stunden Fahrt entfernt. Auch ist die Meeresküste im eigenen Land nah, freilich scheint sie in dieser Zeit der Pandemie, in der man nur hinausgehen sollte, um das Notwendigste zu erledigen, meilenweit entfernt.

Ruhig wird es dieser Tage in den Orten am Meer wie etwa Ostende zugehen. Für gewöhnlich zieht es die Menschen aus Brüssel schon mit den ersten Sonnenstrahlen an die Küste und nach Ostende, um einen Tag mit Kriek, Kirschbier, und Moules Frites, Muscheln mit Pommes frites, zu genießen.

Das alles ist jedoch gegenwärtig nur den Ortsansässigen vorbehalten, von denen in Ostende zehn Prozent über achtzig Jahre alt sind.

Deshalb verwundert es nicht, dass gerade von hier aus ein bemerkenswertes belgisches Projekt seinen Ausgang genommen hat: In Ostende erprobt die belgische Post, Briefträger und Briefträgerinnen auch in der Sozialarbeit einzusetzen.

Diese sollen nicht mehr nur Postkarten, Rechnungen und Werbung austragen, sondern bei älteren Adressaten einen Stopp einlegen: Schauen, ob alles in Ordnung ist; fragen, wie es ihnen gehe, ob sie etwas benötigen - Ansprache also, wofür in der "echten" Sozialarbeit oft die Zeit und der Stadt das Budget fehlt.

Wie oft gehen die Senioren und Seniorinnen aus? Kommen Verwandte, Freunde oder Freundinnen zu Besuch? Gibt es Kontaktpersonen, die regelmäßig anrufen? Auch im Notfall? Eine Putzfrau? Eine Pflegerin? Solches sollten die Postboten abfragen und ihre Eindrücke notieren, ob Wohnungen und Personen gepflegt wirken und sie den Eindruck vermitteln, allein zurecht zu kommen. Auf Basis dieser Informationen konnte die Stadt dann (besser) entscheiden, wie rasch Unterstützung geschickt werden soll.

Doch in Zeiten von Covid-19 muss Abstand gewahrt werden und müssen Besuche ausfallen. Trotzdem hat das Pilotprojekt mittlerweile Schule gemacht: Rund vierzig Kommunen nutzen das Angebot "BClose". Für so manchen Senior, manche Seniorin scheint sich das Rad der Zeit ein wenig zurückzudrehen in einen Alltag, als der tägliche Plausch mit dem Briefträger noch der Normalfall war.

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