Resilient wie Rosa

Was wir in Krisenzeiten aus dem Leben von Rosa Luxemburg lernen können

TEXT: MARGARETE MAURER
vom 31.03.2021

Wie geht es den Einzelnen im Lockdown, wie bewältigen sie die Krise? Ist ergänzend zum doppelten Babyelefanten- Abstand eine Elefantenhaut nötig? Eine, die sensitiv weich und gleichzeitig widerständig ist, die einen kritische Situationen und Lagen aushalten lässt, ohne zugrunde zu gehen -ja, mit der man sogar wachsen kann. Diese Widerstandskraft wird Resilienz genannt. Sie zu praktizieren lässt sich auch von Personen lernen, die darin vorbildlich waren. Wie etwa Rosa Luxemburg.

Rosa Luxemburg (1871-1919) wird von den einen vorrangig als politische Person wahrgenommen, von anderen als sensible Briefeschreiberin und romantische Naturliebhaberin. Selbst wenn es gegensätzlich erscheinen mag, für sie selbst bildete dies keinen Widerspruch.

Der Philosoph Volker Caysa sieht sie als Lebenskünstlerin: "Immer sorgt sie sich darum, ihr Leben nicht nur politisch nützlich, sondern es auch ästhetisch zu gestalten. Immer geht es ihr um ein bejahenswertes, politisch sinnvolles und sinnlich-schönes Leben."

Durch Flucht zum Universitätsstudium

Dabei war ihr Leben keineswegs einfach. Sehr erfolgreich in schulischer wie wissenschaftlicher Ausbildung sowie als Journalistin, Politikerin und Dozentin an der Parteihochschule der Sozialdemokraten war sie in allen anderen Bereichen mit massiven Schwierigkeiten konfrontiert. So wollte oder konnte ihr Studienkollege, politischer Mitstreiter und Lebensgefährte Leo Jogiches mit ihrem Kinderwunsch nicht adäquat umgehen. Nach der Trennung bedrohte er sie massiv, sogar mit geladenem Revolver.

In ihrem politischen Leben gab es von Beginn an Bedrohungen und Gefährdungen, auch polizeiliche Verfolgung. Als 17-jährige Maturantin musste sie im Dezember 1888, in einem Strohkarren versteckt, aus ihrer Heimat Polen über die Grenze ins Ausland fliehen. Sie machte aus der Flucht eine Zukunftsperspektive, also aus der Not eine Tugend und verhielt sich resilient: Ihr Zufluchtsort wurde Zürich, an deren Hochschule seit 1867 als damals einzige in ganz Europa Frauen ein Universitätsstudium erlaubt war.

Nach erfolgreich abgeschlossenem Studium der Staatswissenschaften ging Luxemburg 1898 nach Deutschland, um sich in der Arbeiter-und Arbeiterinnenbewegung zu engagieren. Nach freundlicher Aufnahme in die Sozialdemokratische Partei und großen politischen und journalistischen Erfolgen wurde sie aus politischen Gründen mehrfach inhaftiert und, wieder aus dem Gefängnis heraus in Freiheit, von rechtsradikalen Kreisen mit Mordaufrufen bedroht. Sie war gezwungen, laufend ihren Wohnort zu wechseln. Wie hat sie diese Herausforderungen bewältigt? Was half ihr, die Anfeindungen und Probleme geistig-mental und seelisch zu überleben -bis zu ihrer dann doch erfolgten Ermordung im Jänner 1919?

Rosa Luxemburg las sehr viel und schrieb zahlreiche Briefe an ihr wichtige Menschen. In besonders kritischen Lebenslagen holte sie aus ihrem Gedächtnis eine Art "innerer Bilder" hervor, insbesondere aus Begegnungen mit der Natur. So schrieb sie zum Beispiel mitten im Ersten Weltkrieg aus dem Gefängnis heraus, nachdem sie nicht wie geplant zum Urlaub in die Schweiz reisen konnte, am 8. März 1917 an den von ihr sehr verehrten und geliebten Arzt Hans Diefenbach über den Genfer See:

"Wissen Sie noch, welche Überraschung man erlebt, wenn man nach der öden Strecke Bern-Lausanne und nach einem furchtbar langen Tunnel plötzlich über der großen blauen Tafel des Sees schwebt? Jedes Mal flattert mir das Herz auf wie ein Falter. Und dann die herrliche Strecke von Lausanne nach Clarens, mit den winzigen Statiönchen alle 20 Minuten, tief unten am Wasser ein Häuflein kleiner Häuser um ein weißes Kirchlein gruppiert. ... Und der blaue Wasserspiegel ändert immerzu seine Fläche zum Bahngeleise, bald steht er aufwärts schräg, bald abfallend, und darauf kriechen unten wie ins Wasser gefallene Maikäfer die kleinen Dampfer, eine lange Schleppe weißen Schaums nach sich ziehend. Und das jenseitige Ufer -die weiße schroffe Bergwand unten meist in blauem Dunst verhüllt, so dass nur die oberen Schneepartien so unwirklich im Himmel schweben. Wie Balsam gießt sich dort die Luft und Ruhe und Heiterkeit jedesmal in meine Seele."

Volker Caysa analysiert dies so: "Das Existenzial der Heiterkeit ist für Rosa Luxemburg Bedingung der Möglichkeit, um mit den existenziellen Sorgen fertig zu werden, um sich zu beruhigen, um die Angst vor den Bedrohungen des Lebens bewältigen zu können, um handeln zu können in einer lebensbedrohlichen Situation, um von der Lähmung zum Handeln übergehen zu können. Es hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern mit Souveränität gegenüber dem Schicksal [...]. Gerade durch gelassene Heiterkeit liefert sie sich nicht dem Schicksal aus, sondern versucht es in den Griff zu bekommen mit Ruhe, Überblick, Geduld und Entschiedenheit im rechten Augenblick."

Wie kommt ein Mensch durch, wenn die Welt zusammenbricht?

Was, wenn diese Strategie nicht zum Erfolg führt? Wie meisterte Rosa Luxemburg Phasen der Depression, zum Beispiel, als die Sozialdemokraten im Deutschen Reichstag 2014 den Kriegskrediten zustimmten? Sie hatte vehement gegen diese Genehmigung gekämpft, um dadurch den Krieg zu verhindern. In dieser aus ihrer Sicht verzweiflungsvollen Weltlage mussten ihre Freunde, Freundinnen, Mitstreiter und Mitstreiterinnen sie sogar von Selbstmordgedanken abhalten. Letztlich jedoch half ihr ihre eigene resiliente Lebensphilosophie. Das belegt ein zentrales Zitat aus einem Brief an ihre Mitarbeiterin Mathilde Wurm vom 28. Dezember 1916: "Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein heißt, sein ganzes Leben ,auf des Schicksals große Waage' freudig hinwerfen, wenn's sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen ... Die Welt ist so schön bei allem Graus."

So heroisch, dass wir freudig "unser Leben dem Schicksal hinwerfen", sind wir heute wahrscheinlich nicht mehr, aber die Akzeptanz dessen, was ist, stellt in Sachen Resilienz einen wichtigen Faktor dar. "Heulen", weniger abwertend als "Weinen" aufgefasst, bewerten wir heute eher als Stärke, wenn es zum Durchleben der Lage und dann zum Handeln führt. Das wienerische "granteln" würde zu Luxemburgs Verdikt allerdings passen.

Was können wir aus der Lebenspraxis Luxemburgs entnehmen, wenn wir Krisenzeiten durchstehen wollen? Sie habe keine "Rezepte", meinte Luxemburg, aber Anregungen gibt sie allemal. Besinnung auf sich selbst und, bezogen auf die Rahmenbedingungen, auf die "Welt", ist gefordert: Worum geht es mir eigentlich? Welche Beziehungen stärken mich? Wer braucht meine Hilfe? Woran habe ich mich früher erfreut und lässt sich dies reaktivieren? Wie kann ich meine Rahmenbedingungen so beeinflussen, dass auch nach der Krise Lebenssinn realisiert wird und Freude möglich ist wie auch ein neuerlicher Aufbruch gegen erschwerende Umstände? Rosa Luxemburg war eine leidenschaftliche, immer ganz der Sache hingegebene Politikerin, Rednerin, Journalistin, Briefeschreiberin und Wissenschafterin. Sie zeichnete recht gut und malte Landschaftsbilder, die vielfach unbekannt geblieben sind. Sie war, lässt sich sagen, eine große Liebende: der Natur, der Welt, der Menschen.

Aus der modernen Hirnforschung wissen wir: Denken funktioniert ohne Emotion nicht, ich persönlich sage: Leidenschaft. Was heute als "Präsenz" bezeichnet wird und zu Resilienz gehört, hat Rosa Luxemburg gelebt. Sie nahm kritische Phasen und Herausforderungen an, benannte sie und begegnete ihnen mit Kreativität auf allen Ebenen. Können wir Vergleichbares in uns entwickeln?

Charlotte Beradt (Hg.): Rosa Luxemburg im Gefängnis. Briefe und Dokumente aus den Jahren 1915-1918, S. Fischer Verlag Volker Caysa: Rosa Luxemburg, die Philosophin. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 13, Leipzig, 2017 Ernst Piper: Rosa Luxemburg. Ein Leben, Blessing Verlag, 2018. Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Band 5, Berlin 1984, zitiert nach Caysa 2017, a.a.O., und Piper 2018, a.a.O.

Wiener Rosa- Luxemburg-Institut: http://frauen.at

Margarete Maurer: https://philosophische-praxis. jimdofree.com

https://sites. google.com/view/naechte-derphilosophinnen/nächte-derphilosophinnen/audiovisuell

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