BRIEF AUS BRÜSSEL

Afrika ganz nah

EMILY WALTON
vom 28.04.2021

Raus aus dem Eurokraten-Viertel, einen kleinen Hügel hinauf, und schon taucht man nur einige Meter Luftlinie vom Europäischen Parlament entfernt in eine andere Welt ein: Beginnend beim L'Horloge du Sud ("Uhr des Südens"), einem Café-Restaurant mit afrikanischer Küche und Kulturveranstaltungen, finden sich in der Chaussée de Wavre zahlreiche Geschäfte, Frisiersalons und Restaurants, die Köstlichkeiten, Kleidung und anderes aus Afrika oder mit afrikanischer Prägung anbieten. Eine bunte, aufregende Ecke der Stadt, mit viel Lebenslust.

So unbeschwert sich im Viertel zwischen Rue du Trône und Porte de Namur ein Einkaufsbummel oder ein Abend mit Freunden verbringen lässt, so schwer ist nach wie vor der Umgang mit einem dunklen Kapitel der belgischen Geschichte: Der Kolonialherrschaft im Kongo. Sechzig Jahre nach der Unabhängigkeit dieses Landes entwickelt sich allmählich eine ernsthafte öffentliche Debatte.

Im Vorjahr gab es, angestoßen auch von der "Black Lives Matter"-Bewegung, etwas Bewegung. In einem historischen Schritt drückte König Philippe zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongos als erster belgischer König sein "tiefes Bedauern" für die Gräueltaten vor und während der Kolonialzeit aus. "Unsere Geschichte besteht aus gemeinsamen Errungenschaften, aber sie hat auch schmerzhafte Episoden erlebt. Zur Zeit des unabhängigen Staates Kongo wurden Gewalttaten und Grausamkeiten begangen, die noch immer auf unserem kollektiven Gedächtnis lasten", schrieb Philippe in einem Brief.

Gewalt und Grausamkeit, mit der die Belgier ab Ende des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung und die Rohstoffe des Landes ausbeuteten, sind heute kaum vorstellbar: Rund zehn Millionen Menschen hat König Leopold II., der die Kolonie zunächst als seinen Privatbesitz behandelte, auf dem Gewissen.

Nun werden Historikerkommissionen eingesetzt, die die Geschichte beleuchten und aufarbeiten sollen. Vielerorts will man für einen ersten Schritt nicht auf deren Ergebnisse warten: In einigen Städten und an einigen Universitäten werden bereits Denkmäler, Büsten und Gemälde mit dem Antlitz Leopolds II. entfernt. Andernorts sollen die Statuen bleiben, jedoch in historischen Kontext gesetzt werden. Mit der einst uneingeschränkten Verehrung des Herrschers ist es vorbei.

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