WAS AM ENDE BLEIBT

Hut im Schnee

ERICH KLEIN
vom 28.04.2021

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) fast ein Star. Er schrieb drei Romane und publizierte kleine Prosa in den renommiertesten Zeitschriften. Doch 1929 verstummte er als Autor und begab sich in psychiatrische Behandlung. Der Fabrikantensohn Carl Seelig besuchte ihn dort. Aus den Aufzeichnungen, die er im Zeitraum von einundzwanzig Jahren über gemeinsame Spaziergänge mit Walser machte, entstand eines der merkwürdigsten Bücher der deutschsprachigen Literatur: Spaziergänge mit Robert Walser.

Walser erinnert sich an sein früheres Schriftstellerleben und spricht über Literatur. Nicht minder bemerkenswert sind die Kommentare zum damaligen aktuellen Zeitgeschehen. Heutige Leser mag deren politische Inkorrektheit schockieren, etwa, wenn es angesichts der Barbarei des Nationalsozialismus heißt: "Schriftsteller ohne Ethik verdienen durchgeprügelt zu werden. Sie haben sich gegen den Beruf versündigt. Die Strafe ist nun, daß der Hitler auf sie losgelassen wurde." Handelt es sich bloß um die Tirade eines Geisteskranken, oder provoziert Walser unser Urteil, wenn er die Gewaltherrschaft, die Europa überzieht, folgenermaßen erklärt: "Da die Diktatoren fast immer aus den unteren Volksschichten aufsteigen, wissen sie genau, was das Volk ersehnt." Doch das, so Walsers subtiler Nachsatz, dürfe man dem Volk nicht sagen.

Die Dialektik der Aufklärung wird von ihm von ihrer Schattenseite her entwickelt, dasselbe gilt für seine Sicht der nach dem Zweiten Weltkrieg diskutierten Schuldfrage: "Übrigens kann es den Deutschen gar nichts schaden, wenn sie wieder einmal unter ein fremdes Joch kommen. Auch kultivierte Nationen müssen parieren lernen, um später herrschen zu können." Nicht zufällig bezeichnete Elias Canetti Walser als den "verdecktesten aller Dichter". Allerdings findet Walser immer seltener zu jener Euphorie zurück, die sein Schreiben einst ausgezeichnet hat: "Haben Sie die himmlische Farbe des Bodensees gesehen?", ist eine seiner letzten Bemerkungen.

Am 25. Dezember 1956 stirbt Robert Walser während eines Spaziergangs. Ein Foto zeigt einen Mann im Anzug, der rücklings im Schnee liegt. Sein Hut ist zur Seite gerollt.

Carl Seelig, Spaziergänge mit Robert Walser, Suhrkamp, 2021

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