Kontinent auf der Überholspur

Afrika erfährt einen enormen digitalen Schub. Die EU hechelt hinterher

BRUNO JASCHKE
vom 28.04.2021

Ein intelligenter Handschuh namens "Sing-IO" übersetzt Gebärdensprache akustisch und ermöglicht fließende Kommunikation mit Gehörlosen. Der Router "Brck" schafft stabile Internetverbindungen in technologisch unterversorgten Regionen und Institutionen. Die Firma "Open SI" erarbeitet mit großem Erfolg vielfältige digitale Lösungen für Unternehmen. Das Start-up "Irawo" bietet jungen Talenten eine Plattform, sich zu präsentieren. Gemeinsam ist diesen Projekten: Sie alle kommen aus Afrika.

Mobile Kommunikation bringt Entwicklungsschub

Ein digitaler Schub belebt den Kontinent. Angestoßen wurden er durch die mobile Kommunikation, die hier laut Daten der International Telecommunication Union (ITU) zwischen 2007 und 2016 dreimal so stark gewachsen ist wie im Rest der Welt. Ein Wachstumstreiber ist das mobile Zahlungssystem M-Pesa (siehe Seite 8).

"Die Verbreitung der mobilen Kommunikation hat die Evolution der Telemedizin ermöglicht", erklärt Johanna Rieß, Project Manager der DW (Deutsche Welle) Akademie: "Laut einer Studie der WHO wurden seit Beginn der Corona-Pandemie mehr als 120 Innovationen im Bereich der Gesundheitstechnologien entwickelt, von denen viele auf Apps basieren, zusätzlich zu verschiedenen Onlineplattformen, die Zugang zu medizinischen Tests und Konsultationen ermöglichen."

Auch die Zahl der Innovationshubs wachse exponentiell: "Das Forschungsunternehmen Briter Bridges hat in Afrika mehr als 640 Hubs gezählt, insbesondere in Nigeria, Ägypten, Südafrika, Uganda und Kenia. Digitale Innovationen erleichtern auch den Zugang zu Bildung. In Kenia hat die Lernplattform Eneza bereits 2016 den Meilenstein von einer Million Nutzern überschritten. Laut der Forschungsgruppe Imarc wird der E-Learning-Markt auf dem afrikanischen Kontinent im Jahr 2022 einen Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar haben."

Was Europa lernen könnte: ökologische Nutzung

So sehr bestimmte Regionen im Wortsinn mobil machen, so unzureichend ist die Versorgung mit Internet, schnellen Verbindungen und digitalen Schnittstellen in vielen, insbesondere ländlichen Teilen des Kontinents. Auf solche Defizite wissen die Afrikaner*innen indes mit Geschick und Witz zu reagieren, wie die Pädagogin, Digitalisierungs-und Afrika-Expertin Martina Kainz bei einem Arbeitseinsatz in Benin feststellen konnte: "In manchen Dörfern, wo der Mobilfunkempfang nur an wenigen Stellen, etwa auf einem Hügel, funktioniert, fand sich meist rasch jemand, der an dieser Stelle eine kleine Hütte errichtete und für ein geringes Entgelt den Platz an Menschen, die dort telefonieren wollten, quasi ,vermietete'. Das bewegt sich rechtlich zwar in einer Grauzone, zeigt aber: Viele Afrikaner*innen legen Kreativität an den Tag, um von der Digitalisierung zu profitieren."

Oft werden, erzählt Kainz, mehrere SIM-Karten von verschiedenen Anbietern eingesetzt, je nachdem, wo deren Netz besser funktioniert. Zum Teil werden digitale Geräte geteilt und gemeinsam verwendet; ausrangierte Handys werden repariert und wiederverwendet. "Was wir wirklich von Afrika lernen könnten, ist die ökologische Komponente der Nutzung. Ich denke, die Revitalisierung und Reparatur von gebrauchten Mobiltelefonen und digitalen Endgeräten wie Laptops oder PCs müssten bei uns stärker forciert und finanziell gefördert werden".

Das verbreitete Afrikabild der europäischen Medien ist krank

Da die junge afrikanische Bevölkerung, ihr Durchschnittsalter wird auf 18 Jahre geschätzt, neue Technologien begeistert annimmt, wartet ein gewaltiges Potenzial auf Investoren. Den Einstieg in diesen Zukunftsmarkt hat Europa allerdings völlig verschlafen. Primärer Grund dafür ist das negative Afrikabild, das Europäer*innen Investitionen in Afrika als nicht lohnenswert erscheinen lässt.

"Es ist eines der Hauptprobleme, dass Afrika hierorts in den Medien überwiegend als "Kontinent der drei K" - Krisen, Krankheiten, Katastrophen -, wie der Afrikanist Martin Sturmer es nennt, dargestellt und wahrgenommen wird. Viele Europäer*innen assoziieren mit Afrika Bilder von hungernden Kindern, von Kriegen oder Seuchen wie Ebola und natürlich von Flüchtlingsströmen, die nach Europa drängen. Diese problemfokussierte Perspektive auf Afrika ist jedoch eine sehr eingeschränkte. Uns fehlen nämlich die anderen Bilder, die es trotz aller Schwierigkeiten auch gibt: erfolgreiche Unternehmen, gut ausgebildete Fachkräfte oder Technologiezentren wie "Silicon Savannah" in Kenia", sagt Kainz.

"Das Bild eines rückständigen Afrikas ist sehr alt. Es hat viele Facetten, die allesamt ideologischer und oft strategischer Natur waren und sind. Sie erweisen sich als analytisch gänzlich unbrauchbar", ergänzt Carl-Philipp Bodenstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Afrikawissenschaften. "Kurz gesagt, nicht eine wie auch immer definierte Rückständigkeit ist das Problem, sondern fehlende finanzielle Mittel und Infrastrukturen."

Anstelle Europas hat China die Gelegenheit ergriffen, um in Afrika nicht nur Verkehrswege, sondern eben auch die digitale Infrastruktur massiv auszubauen (siehe Seite 16)."Zwei Vorzeige-Unterwasserkabelprojekte unterstreichen Chinas stetige Bemühungen, den afrikanischen Kontinent mit neuen Datenkabeln zu versorgen", erklärt Rieß. "Das Pakistan &East Africa Connecting Europe (PEACE)-Kabel ist ein solches Projekt, das von Huawei Marine Networks entwickelt wurde. Das zweite Projekt ist 2Africa, das als eines der größten Unterwasserkabelprojekte der Welt bezeichnet wird. Afrikanische Länder kooperieren mit China aber nicht nur beim Bau von Unterseekabeln, sondern auch bei der Einführung von 5G, vor allem in Kenia und Südafrika."

Die Chance der EU in der digitalen Entwicklung Afrikas

Mit dem massiven Einfluss Chinas keimen Befürchtungen auf, dass auch dessen Überwachungsmodelle in Afrika Schule machen könnten. Etwa die von Huawei entwickelten, vorgeblich der Kriminalitätsbekämpfung dienenden Kameraüberwachungssysteme in Kenia, Botswana, Südafrika, Uganda, Sambia und Mauritius, die der ugandische Präsident Yoweri Museveni im jüngsten Wahlkampf nachweislich zur Bespitzelung der Opposition einsetzen ließ.

Gerade im Hinblick auf humanitäre Aspekte um die Digitalisierung sollte die EU in Afrika aktiver werden, meint Bodenstein: "Das African Internet Governance Forum (eine Plattform unterschiedlicher Stakeholder mit dem Ziel, das Internet sicher und fair zugänglich zu machen, Anm.) hat einige Punkte als Prioritäten gesetzt, die sehr vernünftig scheinen. Diese umfassen kostengünstiges Internet, die Verringerung des ,gender digital divide', die Stärkung und Förderung von lokalem Content, Cybersecurity, Breitbandausbau und Internetrechte. Hierbei könnte sich die EU einbringen, da sie in diesen Bereichen, wie etwa Transparenz und Datenschutz, selbst gerade Standards setzt, die von China und den USA nicht vorangetrieben werden."

Auch Werner Raza, Leiter Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung ÖFSE, sieht als Agenda der EU in Afrika, Probleme bei und mit der Digitalisierung abzufedern. "Mit der Unterstützung beim Ausbau digitaler Infrastruktur muss die EU gleichzeitig auch die Schattenseiten im Auge behalten", fordert er. "Insbesondere die sozialen und ökologischen Effekte des Abbaus von für die Digitalisierung wesentlichen Rohstoffen."

Die wirtschaftlichen Effekte von Technologien seien immer ambivalent, gibt Raza zu bedenken. "Ob die positiven Effekte überwiegen, hängt von der gesellschaftlichen und politischen Ausgestaltung der Digitalisierung in Afrika ab. Aus unserer Sicht gilt es dabei vor allem, die technologischen und produktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Entwicklung und Herstellung von digitalen Produkten und Dienstleistungen zu verbessern und den Unternehmenssektor zu stärken. Afrika muss vom überwiegenden Konsument*innen von digitalen Produkten und Dienstleistungen zu einer Produzentin werden."

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