ENERGIETECHNOLOGIE

Wird die Wüste unsere Energiezentrale?

Vor dem Arabischen Frühling träumte man von gigantischen Solarkraftwerken in der Sahara. Jetzt träumt man wieder, aber kleiner

JOHANNES SCHMIDL
vom 28.04.2021

Die Wüsten der Erde empfangen in wenigen Stunden jene Energiemenge, welche die Menschheit pro Jahr verbraucht. Es gibt dort kaum Flächenkonkurrenz, die Sonne strahlt ganzjährig mit hoher Intensität. 50 Prozent der für 2050 prognostizierten weltweiten Stromnachfrage könnten auf einer Fläche von 500 mal 500 Kilometern - ein Prozent der weltweiten Wüstenflächen - aus solarthermischen Kraftwerken produziert werden.

Die Wüste als Solarkollektor?

Schon der Präsident der Deutschen Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Fritz Kohlrausch (1840-1910), sprach sich 1900 angesichts der kommenden Solartechnik für solaren Kolonialismus in sonnenreichen Wüsten aus. August Bebel (1840-1913), Gründer der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, für den gesellschaftlicher und technischer Fortschritt zusammenhingen, baute seine Idee des Sozialismus auf Sonnenenergie auf und nahm in seinem Hauptwerk Die Frau und der Sozialismus die Ideen von Kohlrausch begeistert auf.

Die Befürchtung, Europa sei zu klein für die eigenständige Versorgung aus erneuerbarer Energie, motivierte auch eines der imposantesten utopischen -oder besser: dystopischen - Energieprojekte, nämlich Hermann Sörgels Atlantropa-Idee. "Was technisch möglich ist, soll wirtschaftlich ausgenützt werden", lautete seine Maxime. Sörgel schlug 1927 vor, die Straße von Gibraltar durch einen Staudamm zu schließen und so den Nettozufluss von Wasser aus dem Atlantik ins Mittelmeer zu unterbinden. Dadurch würde der Wasserspiegel sinken, was es erlaube, ein Wasserkraftwerk bislang ungekannter Leistung zu betreiben. Durch die Senkung des Wasserspiegels würde Neuland von einer Fläche größer als jener Frankreichs gewonnen werden, Korsika und Sardinien würden zusammenwachsen, die Adria praktisch austrocknen. Von Süditalien über Sizilien könnte man über Land nach Tunesien gelangen.

Die Sahara Kraftwerk Europas?

Bescheidener nimmt sich dagegen das als DESERTEC bekannte Projekt aus den Nullerjahren aus. Seine Grundidee sieht vor, in der Sahara aus solarthermischen Kraftwerken, Photovoltaik und Windkraftwerken einen Teil der elektrischen Energie zu erzeugen, die in Nordafrika und Europa benötigt wird. Durch die politische Entwicklung nach dem sogenannten Arabischen Frühling ist es darum ruhig geworden.

Dennoch zeichnet sich aktuell ein Neustart von DESERTEC ab: Durch die rasante technologische Entwicklung der letzten zwanzig Jahre sind Photovoltaik und Windenergie inzwischen billiger als die fossilen Technologien auf Kohle-und Ölbasis. Die Energiedichte der erneuerbaren Energiesysteme, also die pro Flächeneinheit nutzbare Energie, ist zwar geringer als jene der fossilen Systeme, die direkten und indirekten solaren Energieströme aber überwältigend groß und fast überall zu finden und zu ernten. Damit entsteht ein Megatrend der Energiewirtschaft, der sich an Solarkraftwerken in der Wüste (und Windkraftwerken in der Nordsee) zeigt: Flächen werden zu entscheidenden Ressourcen der erneuerbaren Energieversorgung. Das definiert die globale Verteilung energierelevanten Ressourcenreichtums entscheidend neu.

Nordafrika kann sich damit als Produzent von erneuerbarer Energie wirtschaftlich stärken. DESER-TEC startet in seiner zweiten Auflage als pragmatische Bottom-up-Version mit der Versorgung der lokalen Bevölkerung. Es entstehen Solarkraftwerke "visible from space", wie man zu recht stolz feststellt. Mit der Energieversorgung ihrer eigenen Bevölkerung erwerben die Länder technische Fähigkeiten, mit denen sie in Zukunft Exporteure erneuerbarer Energie werden können.

Der Essay "Energie und Utopie" von Johannes Schmidl (Sonderzahl-Verlag) erscheint im Mai 2021 in zweiter, durchgesehener und aktualisierter Auflage

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