Tanz der Geschichte

Die Verbindung von Wissenschaft und Kunst ermöglicht ein neues Kunstwerk

TEXT: ERICH KLEIN
vom 26.05.2021

Wien, 17. Juni 1945, kurz nach Kriegsende. Eine schwarz gekleidete Tänzerin auf einer Tribüne, die Arme in die Höhe gestreckt. Im Lauf ihres Tanzes hat sie eine um die Hüfte geschlungene Schärpe gelöst und in eine Fahne verwandelt. Im Hintergrund ist eine Menschenmenge erkennbar, Schilder mit Aufschriften wie "Nie wieder Dachau","Nie wieder Buchenwald".

Wissenschaft und Kunst schaffen neues Tanzstück

Dieses Schwarz-Weiß-Foto hat die Wiener Tänzerin Eva-Maria Schaller zum Ausgangspunkt ihres Stückes "Recalling Her Dance" gemacht. Szenen aus dem Leben von Hanna Berger, einer österreichischen Tänzerin und Kommunistin im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, werden mit deren Choreografien überschnitten. Ohne je in Agitprop zu verfallen, hat Schaller für jeden Tanz einen eigenen Zugang gefunden. Annähernd geometrische Bewegungen, die unter dröhnendem Maschinenlärm den Raum systematisch ausmessen, verwandeln sich schließlich in eine Kampfpose. Der Bühnenraum verengt sich auf ein schmales Lichtband, eine Anspielung auf die Gefängniszelle, in der Hanna Berger ihren "Kampfruf" konzipiert hat. Stille - im Hintergrund verebbt das Kampflied "Die Arbeiter von Wien" als elektronisch verfremdete Erinnerung an eine ferne Vergangenheit. Die Revolution hat nicht stattgefunden.

Die Premiere von "Recalling Her Dance" sollte vor einem Jahr im Tanzquartier Wien stattfinden, die mehrfache lockdownbedingte Verschiebung hat Schallers Beschäftigung mit Leben und Werk von Hanna Berger intensiviert: "Das Stück wurde zu meinem tagtäglichen Begleiter." Ihren Unmut über ständige Terminänderungen überwand sie, indem sie sich immer tiefer in Bergers Geschichte vergrub. "Mir wurden die inneren Anknüpfungspunkte für mein Stück erst allmählich klar, aber schließlich gab es den Moment, in dem Tanz selbst zu einer Art Politik wurde." Ausgangspunkt von Schallers "Recalling Her Dance" war das penibel recherchierte Buch "Hanna Berger - Spuren einer Tänzerin im Widerstand" der Wiener Tanzwissenschaftlerin Andrea Amort, Professorin an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien MUK.

Hanna Berger, Tochter einer Arbeiterin aus Meidling, musste zur Ausbildung nach Deutschland, weil sie sich die Schule in Hellerau-Laxenburg nicht leisten konnte -die Schattenseite der damals internationalen Tanzmetropole Wien. Als freie Tänzerin fristete die Innovatorin des modernen Tanzes ein mühevolles Dasein, ihre Auftritte in Europa und Amerika fanden mit dem Heraufziehen des Nationalsozialismus ein Ende. Tänzer*innen, die für die Nazis tanzten, kritisierte Berger offen. Sie schloss sich dem Widerstand an, 1942 wurde sie verhaftet.

"Ich bin in Hanna Berger auf eine Frau gestoßen, die ihresgleichen sucht", sagt Andrea Amort. "Nicht nur was Mut und Entschlossenheit im Künstlerischen betrifft. Den Mut, den sie auch in politischer Weise an den Tag legte, würde ich gern heute sehen." Die Tanzhistorikerin hatte Eva-Maria Schaller mit der Rekonstruktion einer Berger- Choreografie beauftragt, schließlich wurde aus der Zusammenarbeit von Wissenschafterin und Künstlerin ein selbstständiges Stück. An der künstlerischen Recherche beteiligten sich auch der Komponist Matthias Kranebitter, die Künstlerin Ellena Peytschinska und der Lichtdesigner Jan Wagner.

Ist der Ausdruckstanz der Moderne noch brauchbar?

Ausgehend von Bergers Auseinandersetzung mit Kriegsdarstellungen und Kinoästhetik entwickelte Eva-Maria Schaller einen dichten Bilderbogen, der mit einer für Tänzer prekären Situation beginnt: dem Fallen. Zentraler Teil von "Recalling Her Dance" ist die Konfrontation der hochsymbolischen Choreografie "Die Unbekannte aus der Seine" mit der Frage, ob Ausdruckstanz heute noch brauchbar sei. Dieses Stück hatte Hanna Berger während des Zweiten Weltkriegs als Antwort auf ihre Zeit konzipiert: Eine Frau in wallendem Seidenkleid irrt an einem imaginären Ufer herum, wirbelt voller Angst hin und her und entschließt sich zum Freitod in den Wellen. Claude Debussys begleitendes Klavierstück "Reflets dans l'eau" wirkt im ersten Moment als Reaktion auf die Nazi-Barbarei abwegig, der Sinn des Ganzen erschließt sich erst aus Hanna Bergers einziger erhaltener Regieanweisung: "Sie hatte weniger Angst vor dem Tod als vor dem Weiterleben."

Klassische Tanzmoderne in zeitgemäßer Tanzkunst

Schaller übt Vorsicht, was den Gebrauch politischer Schlagwörter im Performance-Bereich betrifft, allzumal es in "Recalling Her Dance" um eine historische Figur von äußerster Tragik geht. In ihrem Fall erwies sich die Geschichte, üblicherweise eine der Zerstörung und fortgesetzten Traumatisierung, als Glücksfall in einem speziellen Sinn. Hanna Berger überlebte ihre Gefängnishaft, kehrte 1945 nach Wien zurück und konnte den Tanz noch vor ihrem frühen Tod 1962 an eine Schülerin weitergeben. Von dieser wurde er an eine nächste und schließlich an Eva-Maria Schaller übertragen. Geschichte als ein weiterlebendes Lehrstück. "Dieser Tanz ist kein Artefakt wie in einem Museum. Er hat etwas Zeitloses. Alles passiert über den Körper. Ich muss in das Erleben hineingehen, und hier und jetzt tanzen." In "Recalling Her Dance" ist nicht nur Hanna Berger als "große Tochter" des Landes wiederzuentdecken, auch die klassische Tanzmoderne wird aus zeitgenössischer Tanzkunst wiedergeboren.

Eva-Maria Schaller, "Recalling Her Dance - A choreographic encounter with Hanna Berger", am 29. Mai als Videostream auf www.tqw.at und live bei ImPulsTanz am 31. Juli.

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