Wo bleiben die Daten für Gendermedizin?

Die anglophonen Länder sind vorn, den deutschsprachigen fehlen grundlegende Daten

TEXT: MARTINA NOTHNAGEL
vom 26.05.2021

In allen OECD-Ländern sterben Männer durchschnittlich einige Jahre früher als Frauen. Sie wiederum leben häufiger mit chronischen Erkrankungen. Und auch überall sonst entdeckt man Unterschiede, wenn man hinschaut: bei Immunsystem, Herz-Kreislauf-System oder Fettstoffwechsel.

Der erste Fachbereich, in dem genderspezifische Forschung bahnbrechende Erkenntnisse lieferte, war die Kardiologie. Wie sich zeigte, äußern sich Herzkrankheiten bei Frauen meist mit anderen Symptomen als bei Männern. Aufgrund dessen werden Herzinfarkte bei Frauen oft gar nicht oder erst zu spät erkannt.

In Sachen Medikamentenverträglichkeit gibt es ebenfalls massive Differenzen zwischen den Geschlechtern. In vielen Fällen benötigen Frauen geringere Dosierungen. Zahlreiche Arzneimittel verursachen bei ihnen außerdem stärkere oder ganz andere Nebenwirkungen. Werden diese Medikamente trotzdem und möglicherweise auch noch in falscher Dosierung an Frauen verschrieben -was immer wieder geschieht -, kann das ernsthafte gesundheitliche Schäden zur Folge haben.

Gesundheit als männliche Norm auch schlecht für Männer

Die Gendermedizin hat ihre Wurzeln in der internationalen Frauengesundheitsbewegung, sie befasst sich aber nicht allein mit dem weiblichen Geschlecht. Wenn sich das Gesundheitswesen an einer männlichen Norm orientiert, geht das nicht allein auf Kosten der Frauen. "Wir haben auch bei den Männern eine Unterversorgung", betont Gertraud Stadler, Professorin für Präventionsforschung und Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité, Berlin. Brustkrebs wird als frauentypische Erkrankung wahrgenommen und in Folge bei Männern immer wieder erst spät erkannt, was Behandlungs-und Überlebenschancen drastisch reduziert. Ähnliches gilt für Osteoporose, die, stereotyp als Krankheit menopausaler Frau verstanden, bei Männern selten rechtzeitig diagnostiziert und behandelt wird.

Ein brandaktuelles Beispiel für die Bedeutung des Faktors Geschlecht in der Medizin liefert auch die Corona-Pandemie: Männer sterben häufiger an Covid-19 und machen schwerere Krankheitsverläufe durch. "Frauen haben das stärkere Immunsystem. Bei fast allen Infektionskrankheiten besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Männer gefährdeter sind als Frauen", erklärt Margarethe Hochleitner, Professorin für Medizin und Diversität und Direktorin der GE "Gender Medizin und Diversität" der Medizinischen Universität Innsbruck.

Eine gendersensible Medizin möchte auch in Sachen Männergesundheit Verbesserungen schafften. Trans-und Intersexualität sollen in Zukunft ebenfalls mehr Aufmerksamkeit erfahren.

Zukunftsperspektive: Diverse Medizin für diverse Menschen

Männlich, weiblich, inter-oder transsexuell: Das Geschlecht macht einen Unterschied, auch im Hinblick auf Krankheit und Gesundheit. "Die Einheitsmedizin für alle Menschen kann es nicht geben", betont Hochleitner. "Wir müssen die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit zur Kenntnis nehmen." Die Gendermedizin, oder geschlechtsspezifische Medizin, trägt dieser Notwendigkeit Rechnung, indem sie Geschlecht stets als wesentlichen Faktor und grundlegende Diversitätsdimension berücksichtigt. Das gilt für sämtliche medizinische Bereiche, von der Forschung über die Lehre bis hin zur ärztlichen Praxis.

Das biologische Geschlecht ist durch die Geschlechtschromosomen (XY beim Mann, XX bei der Frau) sowie die Sexualhormone (Testosteron bei Männern, Östrogen und Progesteron bei Frauen) determiniert. Vor allem in der Zeit zwischen Pubertät und Menopause verursachen Letztere gravierende Differenzen zwischen Männern und Frauen. Darüber hinaus bezieht die geschlechtsspezifische Medizin auch das soziale Geschlecht mit ein. Dieses soziale Geschlecht umfasst gesellschaftliche, psychische und kulturelle Faktoren, wie etwa soziale Rollen, Lebensumstände oder spezifische psychosoziale Belastungen. Zugleich haben neben biologischem und sozialem Geschlecht auch andere Faktoren Einfluss auf Gesundheit und Krankheit der*des Einzelnen. Alter, Gewicht oder BMI können dabei eine ebenso große Rolle spielen wie die jeweiligen soziodemografischen Umstände.

Diversitäts-und geschlechtersensible Medizin in Österreich

"Das Ziel ist die optimale medizinische Versorgung und letztlich die bestmögliche Gesundheit aller", erklärt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender Medicine und Leiterin der Gender Medicine Unit der Medizinischen Universität Wien. Von Prävention über Diagnose und Therapie bis zur Rehabilitation soll eine medizinische Versorgung in gleicher Qualität und Quantität für beide (alle) Geschlechter gewährleistet werden.

Der englischsprachige Raum -Großbritannien, Kanada und die USA - kann als Vorreiter in Sachen gender-und diversitätssensibler Medizin gelten. Auch in Österreich hat sich diesbezüglich mittlerweile einiges getan. Die Institutionalisierung der geschlechtsspezifischen Medizin in der Lehre ist hierzulande vergleichsweise weit vorangeschritten. Österreich verfügt über zwei entsprechende Lehrstühle. Die Professur an den Universität Wien besteht seit 2010, jene an der Universität Innsbruck seit 2014. Das ist immerhin doppelt so viel wie in Deutschland, wo Gertraud Stadler als Professin für geschlechtersensible Präventionsforschung an der Charité Universitätsmedizin Berlin die einzige derartige Professur im Land innehat. "Was Gendermedizin an den Unis betrifft, war Österreich wirklich immer an vorderster Front", konstatiert Hochleitner.

In der Forschung ist die österreichische geschlechtsspezifische Medizin ebenfalls aktiv und außerdem gut vernetzt in der internationalen Community. "Es geht schon viel weiter", bestätigt Kautkzy-Willer, die ergänzend zu ihren anderen Positionen außerdem Präsidentin der International Society of Gender Medicine ist. "Aber zum Endziel, der besseren Versorgung, die tatsächlich bei den Patient*innen ankommt, ist es immer noch ein sehr weiter Weg."

Für bessere Forschungen sind Datenerhebungen unerlässlich

In Österreich mangelt es wie im gesamten deutschsprachigen Raum vor allem an Daten. Ohne geschlechterdifferenzierte Daten kann es keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und damit auch keine Umsetzung einer effektiven gendersensiblen Medizin in die Praxis geben. "Im deutschsprachigen Raum gibt es diese Forschungstradition nicht, Daten zu Geschlecht und idealerweise noch weiteren Diversitätsdimensionen bei allen Studien routinemäßig mit zu erheben", bedauert Stadler. In den USA und in Kanada ist die Erhebung geschlechtsspezifischer Daten, unabhängig vom Fokus eines Forschungsprojektes, Voraussetzung für die Bewilligung von Forschungsförderungen. Eine verpflichtende Implementierung des Faktors Geschlecht in die Forschungsförderung würde auch hierzulande helfen, den enormen Data-Gap zu schließen. Außerdem braucht es viel mehr gezielt gendermedizinische Forschung - und als Voraussetzung dafür mehr Förderungen für entsprechende Studien. Aber auch die Pharmaindustrie sollte verstärkt dazu angehalten werden, geschlechtsspezifisch zu forschen, damit mögliche Unterschiede in der Wirkung von Arzneimitteln besser erfasst und anschließend in Richtlinien und Beipacktexte aufgenommen werden können.

Im Bereich der Lehre würde die verpflichtete Aufnahme des Faches Gendermedizin in die Curricula aller Universitäten dabei helfen, eine umfassende Anwendung einer geschlechtersensiblen Medizin in der ärztlichen Praxis sicherzustellen. "Ich wünsche mir, dass Geschlecht eine grundlegende Dimension unserer Arbeit wird, die in der Forschung und in der Praxis ganz selbstverständlich immer mitgedacht wird", resümiert Stadler. Auch müssen andere Diversitätsdimensionen, wie die soziale Lage, vermehrt miteinbezogen werden: "Da sind wir noch ganz schlecht aufgestellt im deutschsprachigen Raum." Ganz ähnlich sieht das Hochleitner: "Wir brauchen eine Gendermedizin inklusive Diversitas, um allen Patient*innen bessere Angebote machen zu können."

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