Kulturforschung mit Weitwinkel

Sabine Coelsch-Foisner, Leiterin der ÖFG ARGE Kulturelle Dynamiken, beschreibt die Ziele ihrer Arbeit

SABINE COELSCH-FOISNER. KOAUTOR BRUNO JASCHKE
vom 23.06.2021

Kulturelle Dynamiken sind Entwicklungen und Prozesse, die man in unterschiedlichen Bereichen der Kultur, auch der Alltagskultur, erkennen kann: Ein komplexes Bedingungsgefüge aus kultureller Produktion und Wahrnehmung, das unser gesamtes Umfeld betrifft. Darin werden Tendenzen sichtbar, die oft über lange Zeit verfolgt werden können, unter bestimmten technischen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen wie in einer Pandemie auch veränderte Formen annehmen können.

Diese Prozesse stehen im Fokus der ARGE Kulturelle Dynamiken. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Offenheit und Durchlässigkeit der Forschung für viele Disziplinen. Moderne Technologien, mediale Vernetzungen sowie komplexe Rechtsstrukturen erfordern es, die kulturellen Dynamiken auch in Kooperation mit Disziplinen zu denken, die in kulturwissenschaftlichen Forschungsnetzen wenig repräsentiert sind, wie etwa die Biowissenschaften, die technischen Wissenschaften oder die Rechts-und Wirtschaftswissenschaften.

Erforschung von Kultur mit weitem Blickwinkel

Als neues Forschungsparadigma muss die kulturelle Produktionsforschung den Blick so weit öffnen, dass er nicht nur die künstlerische Performance, sondern auch die Technik, die Fertigungsstätten und das Handwerk, den Transport und sogar die Entsorgung erfasst. Diese Bereiche, ohne die Kulturproduktion meist nicht möglich wäre, werden üblicherweise außer Acht gelassen.

Forschung über die Grenzen von Disziplinen hinweg ist mir ein grundsätzliches Anliegen. 1998 hatte ich ein APART-Stipendium der Akademie der Wissenschaften bekommen. Unter den Bewerber*innen war ich eine von elf Stipendiat*innen, die einzige Geisteswissenschaftlerin unter Forschenden wie einem Astrophysiker, einer Theologin oder einem Mediziner. Wir hatten interdisziplinäre Workshops zu absolvieren und es dabei geschafft, uns auszutauschen und zu verständigen. Das hat mich so beeindruckt, dass zurück an der Universität mein unbedingter Wunsch war, ein interdisziplinäres Forschungszentrum aufzuziehen. "Metamorphischer Wandel in den Künsten" hat das geheißen. Mittlerweile arbeite ich als Forscherin und Dozentin an der Universität Salzburg in den Fachgebieten Anglistik, Literaturwissenschaft, Kulturtheorie, Cultural Studies, Production Studies, Komparatistik, Ideengeschichte und Ästhetik und bin Autorin und Herausgeberin zahlreicher Fachpublikationen.

Es war 2011 beim Wissenschaftstag der Österreichischen Forschungsgemeinschaft ÖFG, als ich an eine eigene ARGE dachte, die Kulturwissenschaft sehr breit auffächert. Nicht nur im herkömmlichen Sinn der kulturwissenschaftlichen Fächer, wie sie weitgehend institutionell verankert sind. Es sollten auch Disziplinen miteinbezogen werden, die nicht kulturwissenschaftlich arbeiten, ohne die man aber Kulturwissenschaften nicht denken kann. Im Jahr darauf wurde die ARGE "Kulturelle Dynamiken" gegründet. 2013 fand die erste Tagung statt.

Ein Bündel an unterschiedlichen Disziplinen

Die ARGE besteht aus Forschenden unterschiedlicher Literaturwissenschaften, der Geschichte, Anthropologie, Ethnologie, Medizingeschichte und -ethik, aus Philosophie, Wissenschaftstheorie und Theologie. Wir verstehen uns gut, weil alle kulturwissenschaftlich arbeiten, selbst wenn sie unterschiedliche Forschungsgegenstände und auch unterschiedliche Ansätze haben. Das Erkenntnisinteresse der ARGE Kulturelle Dynamiken richtet sich an sieben Forschungsclustern aus, die eng miteinander verbunden sind:

Memorialisierung: Erforschung von Formen und Methoden der Archivierung von Kultur im historischen und politischen Kontext

Theatralisierung: Erforschung der Übertragung theatraler Effekte und Strategien auf unterschiedliche Bereiche der Lebenswirklichkeit

(Trans-)Medialisierung: Erforschung, wie neue Medien neue Realitäten erzeugen und wie Kultureinrichtungen diese für sich nutzbar machen

Visualisierung: Erforschung der Verbildlichung von Lebensrealitäten

Hybridisierung: Erforschung von Interferenzen künstlerischer Gattungen, Interkulturalität und Akkulturation

(De-)Lokalisierung: Erforschung, wie die Ausdehnung des menschlichen Handlungsradius kulturellen Austausch und Transfer ermöglicht

Kommodifizierung: Erforschung der wirtschaftlichen Verwertung kultureller Produktion

Die Arbeit der ARGE am Beispiel Visualisierung

Ich möchte als Beispiel für die Arbeit der Forschungscluster die Visualisierung anführen, weil sich hier eine besondere historische Dynamik zeigt, die unter wechselnden gesellschaftlichen, technischen und soziologischen Voraussetzungen immer neue Formen angenommen hat und annimmt.

Es beginnt bei der Höhlenmalerei und führt, getrieben von technischen Entwicklungen, zur Frühmoderne, da optische Theorien hinzukommen und die Illustration, ein Anschaulichmachen von Wissensinhalten, an Bedeutung gewinnt.

Im 19. Jahrhundert wird eine wahre Bilderflut ausgelöst. Das hat mit der verbesserten Drucktechnik zu tun, die eine billigere Reproduktion von Bildern, auch farbigen, möglich macht. Was im Übrigen auch die große Zahl an Kinderbüchern aus dieser Zeit erklärt.

Gleichzeitig entsteht im 19. Jahrhundert in der Wissenschaft ein Misstrauen gegenüber Bildern. Für Bilder werden Kunstmuseen gebaut, Gegenstände kommen in Heimat-oder andere Museen wie etwa Technische. So werden Geschichte und Bild getrennt. In unserer Zeit hingegen gelten bildgebende Verfahren als Um und Auf in der Naturwissenschaft, ihnen wird ein diagnostischer Wert zugesprochen, und es wird erforscht, wie Inhalte über visuelle Mechanismen effizienter vermittelt werden können. Das Bild hat nun eine enorme Bedeutung in der Wissenschaft.

Kulturelle Dynamiken im Roman "Alice im Wunderland"

Die kulturellen Dynamiken spiegeln sich in der kulturellen Produktion wider, ganz besonders in der Literatur. Ein Paradebeispiel ist "Alice im Wunderland". Dieser Roman lässt sich in unserem Forschungsprogramm gut entschlüsseln. Im Bereich der Visualisierung spielt eine Rolle, dass das Buch in der Zeit geschrieben wurde, als die Fotografie aufkam -der Autor Lewis Carroll war Fotograf. Außerdem, dass kaum ein Text öfter und prominenter illustriert wurde. Hinzu kommt der Stellenwert des Bildes im Text, wenn Alice sagt, ein Buch sei langweilig, weil keine Bilder drin sind. Wie im Traum Bilder entstehen, ist Forschungsgebiet der Neuroforschung. Mit Topoi wie Mensch-Tier-Wesen, die Alice trifft, kommt die Hybridisierung hinzu. Das lässt sich mit dem in dieser Zeit aufkommenden Darwinismus verbinden, aber auch mit den vermenschlichten, beseelten Tieren der aufkommenden Kinderliteratur. Die Theatralisierung zeigt sich in Wunschfantasien und Ängsten, die inszeniert werden, der Weltenwechsel von Alice ist ein Beispiel für die Delokalisierung. Dem Bereich Kommodifizierung fällt zu, was für ein Verkaufsschlager "Alice im Wunderland" ist: Disneyland-Attraktion, ein Magnet für Film und Fernsehen, adaptiert für Computerspiele, Theater und Oper und in der Popkultur ein Thema, was in den Bereich der Transmedialisierung führt. Ein Stoff, der unterschiedlich medial realisiert wird und dabei immer wieder neue Transformationsformen, auch neue Inhalte annimmt. Dieses Beispiel zeigt, wie man kulturelle Dynamiken nutzbar machen kann, um Kunstwerke aufzuschlüsseln.

Veranstaltungen der ARGE Kulturelle Dynamiken

Die ARGE ist kein Forschungsprojekt im traditionellen Sinne mit eigenen Projektstellen. Viel eher strahlt der Impuls, den sie liefert, in unsere Forschung und die von Nachwuchswissenschaftler*innen hinein. Dazu setzt die ARGE drei Schwerpunkte. Einmal gibt es Haupttagungen mit einem Schwerpunktthema im Zeichen eines unserer Forschungscluster. Dazu kommt ein Habilitationsforum: Hier wird jedes Jahr im Anschluss an das Thema der Haupttagung mit einer kulturwissenschaftlichen Institution aus deren Schwerpunktsetzung heraus ein Thema entwickelt. Alle größeren Universitäten Österreichs werden hier einbezogen und spezifische Projekte entwickelt. Den dritten Schwerpunkt bildet das Doktorandenforum (SEAS). Es findet jährlich synchron mit den Osterfestspielen in Salzburg statt und wird international ausgeschrieben. Dabei wird aus einer Oper ein Thema herausgefiltert, das mit unseren Forschungsclustern zusammenhängt.

Zu den Tagungen der ARGE werden Forscher und Forscherinnen mit sehr breitem Hintergrund eingeladen, die lateral denken. Wenn man in vielen Bereichen gearbeitet hat, stößt man auch immer auf andere Bereiche, und es ergeben sich Andockungspunkte. Doch nur wenn man stark in einer Disziplin verortet ist, kann man über deren Grenzen hinausschauen, zuhören und Verbindungen herstellen.

Wichtig ist bei solchen Forschungsprogrammen, ob sich Synergien mit dem nächsten Forschungscluster bilden. Zum Beispiel referierte bei der ersten Tagung im Zeichen der Memoralisierung der Museumsforscher Krzysztof Pomian, der den Begriff Semiophorik geprägt hat. Damit meint er alles, was in einem Museum steht, das keinen Tauschwert mehr hat, aus dem ökonomischen Kreislauf herausgenommen wird und für etwas anderes steht. Eine Rattenfalle dient also nicht mehr zum Rattenfangen, sondern steht möglicherweise für eine historische Rattenplage oder eine technische Entwicklung. Pomians Semiophorik, über die ich viel gearbeitet habe, hat dann als zentraler "Trigger" für die Theaterforschung gedient. Das ist kulturelle Produktionsforschung, wie ich sie mir vorstelle. Die Theaterwissenschaft ist stark vom textlastigen Begriff des Semiotischen geprägt, Theater aber ist dreidimensional, Körper, Raum. Mit dem Semiophorischen kann man das Theater in seiner räumlichen Ganzheit begreifen -gerade jetzt, nach eineinhalb Jahren Lockdown, ist es dieses Körperhafte, was uns abgeht. Ein Beispiel, wie ein Konzept in einem neuen Forschungsbereich fruchtbar wird und zu einer Theoriebildung führt.

Die Pandemie hat auch gezeigt, wie notwendig es ist, Kulturwissenschaftler*innen in den öffentlichen Diskurs einzubeziehen. Die Tatsache, dass kein Theater offen war, bedeutete ja nicht nur, dass die Österreicher*innen nicht mehr ins Theater gehen konnten. Es fehlt uns viel mehr. Nicht nur für Tourismus und Wirtschaft ist es eminent wichtig, dass kulturell produziert wird. Es ist auch von großer Bedeutung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Das Sichaussetzen dem Neuen, Unerwarteten, Herausfordernden, das die Kultur ja wesenhaft forciert, auch das Loslassen und Heraustreten aus alltäglichen Belangen ist für die Qualität unseres Lebens immens wichtig: Den Begriff des "Cultural Stimulans" haben nicht die Kulturwissenschaften geprägt, sondern die Life Sciences.

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