FORSCHERPORTRÄT

Von Echnaton bis Beethoven

Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann erhält den Wissenschaftspreis 2020 der Österreichischen Forschungsgemeinschaft

SABINE EDITH BRAUN
vom 23.06.2021

Jan Assmann ist einer der bedeutendsten Geistes-und Kulturwissenschaftler unserer Zeit. Die Theorie des kulturellen Gedächtnisses, welche er gemeinsam mit seiner Frau Aleida entwickelt hat, ist nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis der Wissenschaft wegzudenken, ebenso wie seine Forschungen zum biblischen Monotheismus, der neben dem einen "wahren" nur "falsche" Götter kennt.

Die Liste der Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen und seiner Ehrungen ist lang, ebenso wie die der Publikationen. Nach dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den er 2018 zusammen mit seiner Frau Aleida erhalten hat, bekam Jan Assmann 2020 den Wissenschaftspreis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft zugesprochen. Die feierliche Verleihung des Preises wird im Herbst 2021 nachgeholt.

Ein österreichischer Forschungspreis, so der Ausnahmewissenschaftler, bedeute ihm besonders viel, da es mit Österreich eine große Verbundenheit gebe: "Seit es uns 1971 gelang, eine alte Mühle am Traunsee als Familien-Ferienquartier zu erwerben, verbringen wir dort jeden Sommer und nicht selten auch Oster-, Herbst-oder Weihnachtsferien", verrät er. Dies und auch mehrere Forschungsaufenthalte von ihm sowie seiner Frau am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien hätten zu zahlreichen österreichischen Kontakten und Freundschaften geführt.

Mit seiner Frau befindet er sich seit vielen Jahren in einer Forschungsgemeinschaft. Wie kann man sich Wissenschaft zu zweit überhaupt vorstellen?"In unserem Fall funktioniert Wissenschaft, indem jeder neben der Arbeit an gemeinsamen Projekten auch sein eigenes Fachgebiet betreibt und den eigenen Interessen nachgeht", sagt Assmann. Letzteres sind in seinem Fall Ägyptologie, Religionswissenschaft und Musik, im Fall seiner Frau Literaturwissenschaft und Erinnerungskultur. "Das heißt aber nicht, dass sich nicht jeder von uns auch lebhaft für die Themen des anderen interessiert und an der Entstehung der entsprechenden Arbeiten teilnimmt" - siehe ihre Theorie des kulturellen Gedächtnisses.

Warum wird man überhaupt Ägyptologe, was fasziniert heute an Kleopatra & Co.?"Das Faszinierende an der Ägyptologie ist, dass sie sich nicht in Spezialgebiete wie Archäologie, Philologie und Geschichte ausdifferenziert hat, sondern eine Kulturwissenschaft im eigentlichen Sinne geblieben ist, indem sie sich mit der altägyptischen Kultur in all ihren Ausdrucks-und Erscheinungsformen beschäftigt."

Damit sei sie, so Assmann, zu einem Vorreiter des "cultural turn" in den Geisteswissenschaften geworden. Eine ganz andere als die eigene Kultur zu kennen, sei nicht nur generell wichtig, im speziellen Fall der Ägyptologie bedeute es auch noch, "den Weg zu kennen, den die eigene Kultur genommen hat und der sich über Rom, Griechenland und Israel bis nach Ägypten verfolgen lässt".

Auch wenn es "Hieroglyphisch - Wort für Wort" als Kauderwelsch-Reiseführer-Büchlein gibt -für alle Freunde von Fremdsprachen-Crashkursen hat der Ägypten-Spezialist schlechte Nachrichten: "Hieroglyphen mehr oder weniger flüssig lesen zu können, ist einerseits eine Sache von zwei Jahren, vier Semestern, in denen man ein ordentliches Grundwissen erlernen kann, andererseits eine lebenslange Aufgabe, die nie an ein Ende kommt."

Apropos Ende. Irgendwann wird die Corona-Pandemie hoffentlich ein Ende haben. Es stellt sich die Frage, ob auch sie ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses werden wird, und wenn ja, in welcher Form. Jan Assmann verweist in diesem Zusammenhang auf die Spanische Grippe, die mindestens das Zehnfache an Toten gefordert hat -und dennoch nicht Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden ist. Er fügt hinzu: "Die Corona-Pandemie wird sicher eine Weile im kollektiven Gedächtnis bleiben, aber um Teil unseres kulturellen Gedächtnisses zu werden, braucht es ihre Darstellung und Bearbeitung in kulturellen Werken wie Texten, Bildern und Kompositionen, die in den Kanon eingehen."

Einer, der definitiv in den Kanon eingegangen ist, feiert heuer seinen 250. Geburtstag: Ludwig van Beethoven. Mit dem Buch "Kult und Kunst - Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst" hat auch Jan Assmann seinen wissenschaftlichen Beitrag zum "Beethoven-Jahr" geleistet. Was macht diesen Komponisten auch noch nach einem Vierteljahrtausend so populär? "Beethoven ist vielleicht neben Händel der erste Komponist, der neben seinen kammermusikalischen Werken wie Klaviersonaten, Streichquartetten etc. bewusst für eine große Öffentlichkeit komponiert hat. Das macht gerade seine öffentliche Musik, Sinfonien vor allem, so populär", ist Assmanns Erklärung.

Dass in einem aktuellen Fernsehwerbespot ein Getränk aus einer rot-blauen Dose Beethoven aus einem kompositorischen Durchhänger rettet, ist dennoch kein Alleinstellungsmerkmal. Das beweisen Mozartkugeln, Goethe-&-Schiller-Salz-und-Pfefferstreuer

und vieles weitere. "Dieses Schicksal der Verkitschung bleibt wohl keinem so Hochberühmten erspart", resümiert Assmann, der sich der Musik nicht nur passiv, sondern auch aktiv widmet: Klavier, Cembalo und Blockflöte spielt er. Woran er wissenschaftlich gerade arbeitet, verrät er nicht. Gemeinsam mit seiner Frau und einer Handvoll Wissenschaftler*innen ist er an einem Projekt über den "Gemeinsinn" beteiligt sowie gemeinsam mit vier Nachwuchswissenschaftler*innen an einem mit dem Titel "Das Gedächtnis der Stadt".

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