Wie glaubwürdig ist Wissen?

Die Medizinhistorikerin Mariacarla Gadebusch Bondio über die Bedeutung von "Evidenz"

CLAUDIA STIEGLECKER
vom 23.06.2021

Als im Dezember 2019 die ersten Ansteckungen mit einer unbekannten Infektionskrankheit im chinesischen Wuhan registriert wurden, hatte niemand eine Vorstellung von den folgenden weitreichenden Auswirkungen. Schon im folgenden Jänner wurde der erste Fall in Europa gemeldet, als die Krankheit Ende Februar schließlich auch Österreich erreichte, hatte sie bereits einen offiziellen Namen: Covid-19, ausgelöst durch den Erreger SARS-CoV-2. Mit ihrer rasanten Ausbreitung und der steigenden Anzahl von Infizierten sahen sich die Menschen weltweit unvermittelt mit Lockdowns, Maskenpflicht, Schulschließungen, überlasteten Spitälern und nicht zuletzt persönlichen Tragödien konfrontiert.

Gewissermaßen über Nacht wurde damit auch Evidenz zum großen Schlagwort: Überall soll sie als Basis für Entscheidungen dienen. "Evidenz ist aber durchaus ein schwieriger Begriff", sagt die Medizinhistorikerin und Philosophin Mariacarla Gadebusch Bondio. Sie leitet das "Institute for Medical Humanities" der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und ist Mitglied der ÖFG-Arbeitsgemeinschaft "Kulturelle Dynamiken":"Die kulturellen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit und die Medikalisierung des Lebens, aber auch die Kontakt-und Friktionszonen, in denen die Grenzen zwischen künstlerischem Schaffen und Wissenschaft durchlässig werden, sind darin zentrale Austauschmomente."

Mit verlässlichen Methoden gesicherte Ergebnisse erreichen

Gadebusch Bondio beschäftigt sich damit, wie Evidenz im Kontext entsteht, wie sie eingesetzt wird, welche Wirkung sie hat. Der Begriff Evidenz geht zurück auf das lateinische "evidentia" beziehungsweise das griechische "energeia" und stammt aus der Rhetorik. Anfangs war er ein Stilmittel, das Klarheit und Überzeugungskraft ausdrücken wollte, heute wird in der deutschen Sprache mit Evidenz Anschaulichkeit und Offensichtlichkeit verbunden. Das englische "evidence" wiederum ist im Deutschen gleichzusetzen mit Beweis oder Beleg. Ein kleiner, aber feiner Unterschied: "In unserer Sprachkultur hat der Begriff Evidenz eine lange Geschichte. Das Attribut 'evident' wird im Allgemeinen für etwas verwendet, das so offensichtlich ist, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf", erläutert sie.

In der Wissenschaft wird unter Evidenz dagegen ein nachgewiesener Zusammenhang verstanden: "In der Grundlagenforschung sind 'robust results' gefragt: Mit verlässlichen Methoden sollen gesicherte Ergebnisse erreicht werden." Sichere Erkenntnisse und Ergebnisse -das ist zusammengefasst das, was gemeinhin unter Evidenz verstanden wird: "Im täglichen Leben verbinden wir Evidenz mit Wissenschaft." Wer sich etwa bewusst ernähren möchte, wird beim Einkaufen auf Fertiggerichte verzichten und zu frischen Lebensmitteln greifen. "Die Entscheidung in diesem Beispiel wird geprägt durch das, was wir denken, von der Wissenschaft über gesunde Ernährung mitbekommen zu haben", sagt Gadebusch Bondio. "Die Wissenschaft spielt in fast jedem Bereich unserer Entscheidungen eine zunehmende Rolle." Das gilt nicht nur für individuelle, sondern auch für politische Entscheidungen. Alle demokratisch strukturierten Gesellschaften seien heutzutage auch Wissensgesellschaften, meint Gadebusch Bondio.

Der Druck der Politik, sich an Expert*innen zu wenden, sei daher groß und habe sich in den vergangenen Jahrzehnten noch verstärkt: "Besonders wichtig wird Wissenschaft dann, wenn man konkret von einer Erkenntnis abhängig ist. Bei einem Reaktorunfall etwa zieht man zuerst einen Nuklearphysiker zurate, bevor eine weitreichende Entscheidung getroffen wird", betont sie. "Das Flankieren durch Wissenschaftler*innen ist fundamental geworden."

Plötzlich wollten sich alle evidenzbasiert verhalten

Obwohl wissenschaftlich erzeugte Evidenz schon vor der Coronakrise stark in Entscheidungsprozesse integriert war, wurde diese Tatsache erst mit Ausbruch der Pandemie speziell hervorgehoben. Gemeinsam mit einer schwedischen Kollegin hat Gadebusch Bondio Reden und Stellungnahmen von Repräsentanten und Repräsentantinnen unterschiedlicher Nationen am Anfang der ersten Coronawelle untersucht. "Es ist auffallend, dass plötzlich wirklich alle wiederholt garantieren wollten, sich evidenzbasiert zu verhalten", meint sie. "Mit Beginn der Pandemie beginnt auch die Betonung von Evidenz in der Öffentlichkeit."

Gadebusch Bondio führt diese Hervorhebung auf die Ungewissheit zurück, die in Bezug auf das Coronavirus herrschte. Der Übertragungsweg war anfangs unklar, Risikofaktoren nicht deutlich zu erkennen, mögliche Langzeitfolgen unbekannt, eine Impfung in weiter Ferne: "Die Betonung von Evidenz sollte das Gefühl vermitteln, dass trotz dieser Unsicherheiten alles unter Kontrolle ist." Eine Herausforderung - auch für die Wissenschaft, die sich unversehens im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wiederfand. "Von einem Tag auf den anderen standen plötzlich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Rampenlicht", sagt sie. "Da hat sich in der Öffentlichkeit viel Unbeholfenheit gezeigt."

Die öffentliche Diskussion um ein "Evidenz-Fiasko"

Auch in Wissenschaftskreisen sorgt die Evidenz unvermittelt für Diskussionen. Im März 2020 publizierte etwa der Epidemiologe JPA Ioannidis einen Artikel, in dem er sich kritisch über das bisherige Krisenmanagement äußert: Die "drakonischen Gegenmaßnahmen", die viele Länder gegen das Virus verordnet hätten, seien ein "Evidenz-Fiasko". Robuste Daten, die ein solch massives Vorgehen rechtfertigten, gebe es nicht. "Der Einwand der fehlenden Daten war zu diesem Zeitpunkt zwar tatsächlich berechtigt. In einer Situation, in der in überfüllten Krankenhäusern Menschen am Coronavirus starben, war er aber absurd", betont Gadebusch Bondio. "Unter solchen Umständen sind Kompromisse gefragt, denn das Erzeugen von Evidenz braucht Zeit und ein genaues Studium."

Der Umgang mit der Erkrankung forderte aber nicht nur erhöhten Einsatz von Wissenschaft und Politik, sondern auch von der Bevölkerung, die sich mit immer neuen Gegebenheiten arrangieren musste. Im Lauf der Pandemie wandelten sich die Erkenntnisse und die daraus resultierenden Maßnahmen -manche waren nach kurzer Zeit wieder hinfällig und wurden von neuen Feststellungen abgelöst. So wurde etwa das Für und Wider von Schutzmasken kontrovers diskutiert, die Tragepflicht wiederholt verschärft oder zwischenzeitlich sogar ganz abgeschafft. "Im Grunde kann man in der Pandemie 'science in the making' beobachten", meint Gadebusch Bondio. "Viele wissen allerdings nicht, wie Wissenschaft funktioniert und was es heißt, sich zu korrigieren. Das wird dann als ungenügend und ungut interpretiert und führt zu Missverständnissen und Unsicherheiten."

Die allmähliche Bildung von Verschwörungstheorien

Die ständigen Veränderungen und Einschränkungen waren für manche Menschen so belastend, dass sich bestehendes Unverständnis sogar in der Bildung von Verschwörungstheorien kanalisierte. Das Internet ermöglicht zwar generell einen leichten Zugang zu Wissen, die Informationen sind in ihrer Fülle allerdings diffus und Quellen schwer zu bewerten. Automatisierte Systeme, die eine Informationsauswahl aufgrund der persönlichen Vorlieben treffen oder Suchergebnisse entsprechend modifizieren, lassen alternative Informationsflüsse entstehen, die sich verselbstständigen. "Das Eintauchen in 'alternative Kanäle' kann in richtiggehende Parallelwelten führen", sagt Gadebusch Bondio.

Die Pandemie habe gezeigt, dass die mit ihr einhergehende Komplexität oft nicht verkraftet werde, betont sie: "Die aktuelle Krise ist aber auch eine Wissenschaftskrise." Statt Zusammenhänge zu verdeutlichen, sei versucht worden, Komplexität auf möglichst simple Botschaften zu reduzieren -für sie nicht der richtige Weg. "Man sollte versuchen, diese Handlungsweise zu ändern und Missverständnisse tatsächlich aufzulösen. Komplexe Sachverhalte müssen erklärt werden, nur so lässt sich evidenzbasiert entscheiden."

Wie lassen sich wissenschaftlich komplexe Themen vermitteln?

Wie man Komplexität verständlich machen kann, ist daher für die "Medical Humanities" als Schnittstelle zwischen Medizin und Geisteswissenschaften ein großes Thema: "Wir untersuchen zum Beispiel die Wirkung von Bildern, Narrativen und anderen künstlerischen Wegen, um Menschen besser zu erreichen." Interessant sei dabei unter anderem, wie Patienten und Patientinnen über ihr Kranksein berichten: "Was für Fragen stellen Menschen? Welche Erfahrungen machen sie, welche Aussagen treffen sie über das Krankheitserlebnis?" Auch im Hinblick auf die Langzeitfolgen von Corona liefere diese Sichtweise wichtige Anhaltspunkte, um Betroffene besser verstehen und gegebenenfalls helfen zu können: "Die klinische Evidenz für Long Covid, also lang anhaltende Symptome nach einer überstanden Infektion, fehlt uns bis jetzt, obwohl es aktuell immer mehr Menschen betrifft."

Letztendlich habe die Coronakrise wie ein Brennglas gewirkt und viele Baustellen aufgedeckt, so Gadebusch Bondio. Sowohl aufseiten der Wissenschaft als auch der Gesellschaft hat die Pandemie Unsicherheiten und die Schwierigkeit, diese zu handhaben, aufgezeigt: "Es reicht nicht, Evidenz im Sinne von gesicherten Erkenntnissen zu erzeugen. Man muss auch lernen damit umzugehen, Unsicherheiten zu verkraften und zu kommunizieren." Essenziell dafür sei eine Grundhaltung der Wissenschaft, die ihre Grenzen erkenne und durch Transparenz Fehlern und falschen Erwartungen vorbeuge: "Denn Forschung ist ein komplexes Unterfangen und die dadurch erzeugte Evidenz entsteht immer in einem historischen Kontext."

In dieser Hinsicht empfindet Mariacarla Gadebusch Bondio ihre Arbeit im Rahmen der ARGE als große Bereicherung: "Sie bildet eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kultur, indem sie das Wissenschaftliche auch als etwas Kulturelles, als kulturelles Gut versteht." Nach mehreren Jahren Forschung findet die Arbeitsgemeinschaft im Mai 2022 ihren Abschluss: "Ich war von Anfang an dabei, leider kann man nicht ewig weitermachen", bedauert sie und ergänzt: "Wie Kultur und Wissenschaft miteinander gekoppelt sind, haben 'Kulturelle Dynamiken' an vielen Fallbeispielen gezeigt. Sie haben auch gezeigt, wie kulturell geprägt die Wissenschaft ist und wie produktiv kulturelle Phänomene sich auf die Wissenschaft beziehen."

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