WAS AM ENDE BLEIBT

Billy Wilder

ERICH KLEIN
vom 29.09.2021

Calista, eine junge Griechin, lernt Mitte der 1970er-Jahre beim Trampen durch Amerika zufällig Billy Wilder kennen. Der englische Romancier Jonathan Coe lässt in "Mr. Wilder und ich" die mittlerweile verheiratete Komponistin aus einem Abstand von fünf Jahrzehnten die unwahrscheinliche Begegnung und das darauffolgende lebensentscheidenden Engagement beim Film rekapitulieren. Das verführerische Genre der Nonfiction-Novel ist mit Witz durchsetzt, als stammte sie vom Großmeister der Hollywoodkomödie selbst. "Sunset Boulevard","Das Appartement", oder "Manche mögen's heiß" hatten Wilder nach dem Krieg berühmt gemacht, doch der Bedarf an Kunst, große Fragen in scheinbar läppische Unterhaltungsfilme zu verpacken, ist mittlerweile im Abklingen begriffen.

Die Dreharbeiten zu " Fedora", einer vertrackten Geschichte um eine einstige Filmdiva, bekommen erst Brisanz, als ein Teil der Dreharbeiten in Deutschland stattfindet, jenem Land, aus dem der gebürtige österreichische Jude Billy Wilder einst vor den Nazis floh. Er hatte unmittelbar nach Kriegsende im Auftrag der US-Army eine Dokumentation über die Gräuel der Konzentrationslager gemacht und sich später in einer Reihe von Komödien mit der deutschen Frage und den Nazis auseinandergesetzt. Als ihm aber eine Journalistin die Frage stellt, wie es für ihn sei, den neuen Film in Deutschland zu drehen, folgt eine bis heute wuchtige Antwort: "Ich bin jetzt wohl in einer Winwin-Situation.""Wie meinen Sie das?", fragt die Journalistin. "Ich meine", sagt Billy, "dass ich mit diesem Film nichts zu verlieren habe. Wenn es ein großer Erfolg wird, ist es meine Rache an Hollywood. Wenn es ein Flop wird, ist es meine Rache für Auschwitz."

Das Zitat ist authentisch, doch der Autor Jonathan Coe erlaubt sich darüber hinaus die scheinbare Aufkündigung aller politischen Korrektheit. Auf meisterhafte Weise wird die Frage nach Schmerz und Ironie, nach Kunst und Kommerz sogleich an Leserin und Leser weitergereicht. Allein, diese ist nur durch Urteilskraft zu beantworten, deren Voraussetzung nach Kant bekanntlich "Mutterwitz" ist. Oder würde in diesem Fall auch altmodische Herzensbildung reichen?

Jonathan Coe, Mr. Wilder und ich, Folio Verlag 2021

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