TECHNOLOGIE UND KLIMAWANDEL

Erfolgreiche Technologie braucht Verbote

Technologie soll uns im Klimawandel retten -aber sie verlangt eben auch einen Systemwandel, Einschränkungen und Verzicht

JOHANNES SCHMIDL
vom 29.09.2021

Der neue Bericht des Weltklimarates IPCC stellt klar: Um die Erde nicht einer Erhitzung von über 1,5 °C auszuliefern, müssen die globalen CO2 Emissionen -gemessen an denen von 2010 - bis 2030 um 45 Prozent sinken und 2050 bei null landen. Dazu muss ein seit 200 Jahren etabliertes System der Nutzung fossiler Energie durch ein anderes ersetzt werden, das auf Sonne, Wind und Wasser, Bioenergie und Geothermie basiert.

Die Utopie vom guten Leben durch Technologie Der Begriff "Utopie" bezieht seinen Namen vom kommunistischen Verzichts-und Gleichheitspamphlet "Utopia" des Thomas Morus aus 1516. Es gibt aber noch einen zweiten Strang utopischen Denkens, der auf Francis Bacons Schrift "Nova Atlantis" von 1627 zurückgeht. Deren Prinzip lautet: Wissen ist Macht, die Nutzung der Naturwissenschaften durch Technik wird uns allen materiellen Überfluss bescheren.

Diese Idee war historisch wirkmächtiger als jene von Morus. Sie hat sich seit der industriellen Revolution durch technologische Entwicklungen erfüllt und den Menschen in den industrialisierten Ländern Wohlstand beschert. Ihre wichtigste Basis sind Technologien zur Nutzung fossiler Energieträger.

Angesichts ihres historischen Erfolges ist es nicht verwunderlich, dass man auch die Lösungen für die Klimakrise von neuen Technologien erwartet. Politiker*innen werden nicht müde, deren entscheidende Rolle zu betonen. Im politischen Diskurs wird fallweise ein Scheinwiderspruch zwischen technischen Erfindungen und den Rahmenbedingungen konstruiert, die diese für die Marktentwicklung benötigen. Man wolle keine Einschränkungen und Verbote, keine verordnete Askese, sondern Innovation und Technologie, heißt es dann gern.

Diese Aussage beruht auf einem grundsätzlichen Missverständnis. Denn Technologien bestehen nicht nur aus technischen Entwicklungen und Innovationen, sondern wesentlich auch aus einer ermöglichenden Infrastruktur, aus Gesetzen, Regulierungen und, ja, Verboten.

Um das Auto zu einem dominierenden Verkehrsmittel zu machen reichte die Erfindung des Diesel-oder Ottomotors nicht. Es brauchte mehr: Man baute Straßen, schuf das Verkehrsrecht, verbot das Fahren unter zu viel Alkoholeinfluss und mit zu hoher Geschwindigkeit, baute Straßenbahnnetze zurück und scheute für den Straßenbau nicht einmal Enteignungen. Verbote und Zwangsmaßnahmen für das Auto und seine Infrastruktur schränkten die Freiheit der Menschen ein, ermöglichten zugleich aber vielen auch ein Gefühl von Freiheit.

Erfolg der Fotovoltaik auch durch Zwangsmaßnahmen Die Fotovoltaik, um zu einer Technologie des Klimaschutzes zurückzukehren, die man seit dem 19. Jahrhundert als physikalisches Phänomen kennt, wurde ab den 1950er-Jahren auf Satelliten eingesetzt. Dort war es egal, wie viel sie kostete: ein schachbrettgroßes Element viele Millionen Dollar. Dann folgten Taschenrechner und Armbanduhren, Spielzeug und netzferne Standorte auf Almhütten -alles ohne energiewirtschaftliche Relevanz.

Erst die "deutsche Energiewende" ließ ab der Jahrtausendwende viele Akteure einen stabilen Markt erwarten. Nun stiegen Industrie und Gewerbe weltweit in die Herstellung und die Installation der Module ein. Dazu kam ein gesetzlicher Rahmen, der Monopole aufbrach, Wirtschaftlichkeit durch verordnete Einspeisetarife ermöglichte usw. Ohne diese "Zwangsmaßnahmen" würden heute nicht weltweit Solarkraftwerke gebaut, die man vom Weltall aus sehen kann.

Strom aus fotovoltaischen Großkraftwerken ist wie der aus Windkraftwerken heute günstiger als der aus Kohlekraftwerken -lauter "alte" Technologien. Ihnen ist auch gemein, dass ihnen erst maßgeschneiderte Rahmenbedingungen einen Markt für ihr Wachstum schufen. Technologien brauchen sichere Rahmenbedingungen, die den Akteuren in der Wirtschaft einen Markt versprechen. Bei der Verbreitung innovativer Technologien einen Gegensatz zwischen technischer Innovation und Regelungen und Verboten zu konstruieren, verkennt die Komplexität von Technologiediffusionen.

Die Hoffnung, innovative Technik würde unsere Probleme ohne begleitende Verhaltensänderungen und Rahmenbedingungen lösen, erfüllt sich nur in Utopien. Utopisten aller Zeiten haben ideale Welten beschrieben, dabei aber wenig Aufwand betrieben, um zu zeigen, wie man dorthin gelangt: Die utopische Welt ist immer schon fertig. Ignoriert man Begleitmaßnahmen und Rahmenbedingungen für den Übergang in die bessere Welt, kommt man dort nie an, sondern bleibt in der Utopiefalle stecken.

Dem australischen Coal Institute gelang es 2006, mit einem utopischen Technologieversprechen die Regierung von Regulierungen abzuhalten: Bis 2020, hieß es, würde etwa ein Viertel der CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken durch Carbon-Dioxid-Removal -Technologien gesammelt und sicher in der Erdkruste gelagert werden. Kohle würde irgendwann klimaneutral, wenn man von Zwangsmaßnahmen gegen die Kohleindustrie absehe. Es waren dann 2020 statt dem versprochenen Viertel symbolische 0,2 Prozent: Politik in der Utopiefalle der Kohleindustrie.

Keine Zeit mehr, auf das Rettende zu warten Wir müssen bekannten und vielfach bewährten Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energie und der Energieeffizienz so schnell wie möglich den Weg in den Markt eröffnen. Dafür braucht es entsprechende Gesetze und Verordnungen, Finanzierungsund Unterstützungsregime, begleitende Ausbildungs-und Beschäftigungsprogramme -und Verbote.

Natürlich wird es neue technische Entwicklungen geben, die CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernen (Carbon Dioxid Removal) und im Laufe des 21. Jahrhunderts das 1,5°C-Szenario unterstützen. Doch für die Ziele, die wir bis 2030 erreichen müssen, kommen sie zu spät. Noch stammen 79 Prozent der weltweit verbrauchten Energie aus Kohle, Öl und Erdgas, die fossilen Energieträger erzeugen 87 Prozent der CO2-Emissionen. Wir haben keine Zeit mehr, auf rettende Innovationen zu warten. Daher ist ein Systemwandel notwendig.

Mehr aus diesem HEUREKA

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!