GEDICHT

OSWALD EGGER: ENTWEDER ICH HABE DIE FAHRT AM MISSISSIPPI

vom 29.09.2021

In Oswald Eggers (Jg. 1963) Texten spricht Natur, als käme sie selbst zu Wort. Programmatisch der Titel seines neuesten Buches: "Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt" (Suhrkamp 2021)

Knochig, und zittrig pfaucht und steigt aus dem Geröllbett heißer, flimmernder Gneismassen Luft auf durch die Miragen und Flumen: Der Schutt hat sich sondiert, in feinerdige und steinige Bestandteile; die Blätter welken sich tot und verdorrten, sie knoten und verwinden und krümmen sich vor Dürre. Schuttzungen über einem Schotterbett aus eckigen Gesteinsbrocken. Die lockere und trockene Anhäufung, die Packungen der Knotten und Blöcke dagegen drehten das oft zähe Netz: Verhäufte Erde, Mulden und rundgeschliffene Granitbröckel von Faust-bis Kopfgröße liegen fest und dicht gepackt aufeinander. Ich blicke schon auf den Mississippi, dessen Rieselfläche plötzlich, kabbelig und seich, in Unruhe gerät; ich drehe mich um, sehe Fäden (etwas Ähnliches), die sich aber vor den Augen zusammenballten und als zittrige Kontur umfüllten. Inmitten Rippeln und durch die äußeren durchsichtigen Wasserlamellen durch sehe ich die zu Unmulden eingetieften cumuli ganz aufgehellter Lichtflecken. Ein Wegnetzwerk von Runsenund Uferkämmen umschließt sie mit ovalblasigen Kratern: Ringnischen-Kringel, von Moosknotenpolstern gebildete, flinserdig apere Krateröfen und Feldern: zu Grus zerfallen und nur an den Berührstellen zu gegenpolporigen Schäumringen zusammengewachsenen Löchern.

AUS: OSWALD EGGER: ENTWEDER ICH HABE DIE FAHRT AM MISSISSIPPI NUR GETRÄUMT, ODER ICH TRÄUME JETZT

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