KLIMATECHNOLOGIE

Windbeutel

CHRISTOPH PONAK
vom 29.09.2021

Würden Sie den Kommentar lesen, wenn er mit "Der Weltklimarat veröffentlichte " begonnen hätte? Zu vertraut klingt dieser Start einer Kolumne, auf paradoxe Weise akut und repetitiv zugleich.

Das Problem ist bekannt, das Tempo, mit dem es auf uns zukommt, die Schwere, Häufigkeit und teils auch die Natur der bereits eingetretenen und noch zu erwartenden Folgen werden laufend angepasst. Entscheidungsträger*innen sind flexibel: Jedes Mal, wenn wir fünf Jahre später dran sind, um entschieden gegen den Klimawandel vorzugehen, werden auch unsere Ambitionen um den entsprechenden Betrag ambitionierter.

Unter anderem in Österreich stellt man sich zu einem großen Teil hinter einen Aspekt der Technik, der allen Österreicher*innen Absolution verspricht, was ihren eigenen Lebensstil betrifft: erneuerbare Energieformen.

Das Erneuerbaren-Ausbau- Gesetz sieht vor, dass 27 TW h/a zusätzlich erneuerbar bereitgestellt werden - und das bis 2030. 10 TWh/a davon sollen aus Windkraft stammen. Das entspricht bei ca. 2.000 Volllaststunden einer Leistung von etwa 5.000 MW und damit knapp 1.700 Windrädern - mehr als der heutige Bestand in Österreich. Und nur unter der Annahme, dass die durchschnittliche Leistung der neu gebauten Anlagen bei drei MW liegt. Bei der momentanen Ausbaurate (74 Anlagen sind 2021 geplant, sieben Anlagen wurden 2020 gebaut) würde man dafür 23 Jahre benötigen, mit dem Ausbautempo von 2020 240 Jahre.

Die Zahlen weisen eine enorme Divergenz zur Realität auf. Es ist nicht absehbar, dass die Ambitionen Wirklichkeit werden, wenn die Ernsthaftigkeit, mit der ihre Umsetzung erfolgt, nicht massiv ausgebaut wird. In einem größeren Kontext geht es jedoch darum, dass 27 TWh Erneuerbare ein netter Beitrag wären, jedoch weder der Größenordnung des Problems noch den Möglichkeiten Österreichs entsprechen. Wir können es uns nicht leisten, selbst sehr niedrig gesteckte Ziele zu verfehlen.

Technik und Innovation werden ihren Beitrag liefern müssen, darunter auch Erneuerbare. Wir sind jedoch so tief in der Krise, dass es Disruptionen technischer Lösungen und einen begleitenden Systemwandel braucht. Gefährlich ist, wenn wir uns auf einzelne Lösungen als "silver bullets" konzentrieren und das Problem des fortschreitenden Klimawandels schon als durch sie gelöst betrachten.

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