WASAM ENDE BLEIBT

Mutlosigkeit?

ERICH KLEIN
vom 27.10.2021

Das Gerücht, anstelle des unfertigen zweiten Turms des Stephansdomes werde ein Minarett gebaut, war ein Studierendenscherz. Die Aufregung demonstrierte die Dummheit der Empörer, nicht weniger aber jene derer, die es so weit hatten kommen lassen. Also unsere!

Ein Diskurs der säkularen Gesellschaft über die Wiederkehr der Religionen fand bei uns nicht statt. Auf gut Wienerisch soll eine Politikerin zur Zeit der ersten Erregung über Islamismus gesagt haben: Zum Glück ist der Kopftuchstreit an uns vorübergegangen.

Schnee von gestern? In diesem Zusammenhang sei an ein Projekt erinnert, das in den 1990er-Jahren beim Umbau des alten AKH zum Campus der Universität Wien von einem Architekten angeregt wurde. Friedrich Kurrent, Pionier der modernen Architektur der Zweiten Republik und als Ordinarius für Sakralbau an der TU München ein ausgewiesener Fachmann, schlug einen Platz der monotheistischen Religionen vor. Christen, Juden und Muslime sollten am Campus einen Ort bekommen.

Zwischen Madrid, Rom und München wurden gerade architektonisch spektakuläre Synagogen und andere Sakralbauten errichtet, warum nicht in Wien - das islamische Zentrum von Baumeister Lugner in Ehren -dasselbe versuchen? Es wäre gestritten worden. Und wie!

Was beim Umbau des AKH fast beschlossene Sache war, wurde im letzten Moment, so Friedrich Kurrent, abgebrochen. Die Verantwortlichen beriefen sich auf die Trennung von Wissenschaft und Religion. Kurz, man bekam kalte Füße. Es war eine vertane Chance, die vorauseilende Kapitulation einer Institution, die an durchaus prominenter Stelle ein neues Narrativ, wie es heute heißen würde, erfinden hätte können.

Der Mut, sich mit der eigenen Vergangenheit in barbarischen Zeiten auseinanderzusetzen, hatte die Institution spät überkommen. In unübersichtlicher werdenden Zeiten ein Statement gegen Populismus und Richtung Zukunft wäre zu viel des Guten gewesen. Wie dem auch sei, die "okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen", wie das der Großmeister kommunikativer Handlungstheorie, Jürgen Habermas, in seinem Opus maximum nannte, hat bis heute ihre Spuren hinterlassen. "Sapere aude" gilt dabei noch immer, auch in der Welt von Fake News, und vor allem in alle Richtungen.

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