KLIMAWANDELLITERATUR

Der Dalai Lama und Greta Thunberg über "Kreisläufe des Klimawandels"

Der Energieexperte und Autor Roger Hackstock über die literarische Kollaboration von Greta Thunberg und dem Dalai Lama

ROGER HACKSTOCK
vom 01.12.2021

Fast eine Million Zuseher*innen waren am 10. Jänner dieses Jahres dabei, als Seine Heiligkeit der Dalai Lama, das 86-jährige Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, in einem Onlinelive-Gespräch mit der 18-jährigen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg diskutierte. Im Zentrum standen die Erderwärmung und Klima-Feedback-Loops, welche die Erwärmung des Planeten von selbst weiter verstärken. Der Dialog der beiden Berühmtheiten ist nun in Buchform erschienen, wobei auch Klimawissenschaftler*innen zu Wort kommen.

Die Rückkopplungsschleifen des Klimas sind seit Langem bekannt und werden auch vom Weltklimarat IPCC in seinen Berichten immer wieder betont. Daher erscheint die Beschwerde von Greta Thunberg etwas seltsam, dass ihrer Meinung nach niemand über die Klima-Feedback-Loops spricht, wenn es um Lösungen für das Problem des Klimawandels geht. Im Buch jedenfalls sind die Feedback-Loops einfach und verständlich erklärt sowie mit anschaulichen Grafiken untermalt.

Leider haben sich in diesem Buch der beiden Medienprofis einige fachliche Fehler eingeschlichen, die das Lesevergnügen trüben. So wird etwa von "wärmespeichernden Gasen" wie Kohlendioxid, Methan und Stickstoffoxid gesprochen, mit denen wir die Atmosphäre anfüllen, außerdem auch von "natürlichem Erdgas"(letzteres ist offenbar einer schlampigen Übersetzung des englischen "natural gas" geschuldet).

An anderer Stelle wird erklärt, dass diese Gase die "Energie abprallender Sonnenstrahlung" aufnehmen und damit die Erde erwärmen würden. Diese Behauptung ist Unsinn, da diese Gase weder Wärme speichern noch reflektiertes Sonnenlicht aufnehmen, sondern Wärmestrahlung absorbieren und wieder abgeben, die von der Erdoberfläche abgestrahlt wird.

Besonders bizarr wird es, wenn im Buch über die Kreisläufe des Klimawandels kategorisch gegen das Fällen von Bäumen gewettert wird. Bäume entziehen über die Fotosynthese der Atmosphäre Kohlendioxid und binden es in Blättern, Ästen und im Holz. So weit, so gut.

Daraus den Schluss zu ziehen, Wälder nicht mehr anzutasten, damit sie "ihre Arbeit machen können, Kohlenstoff aus der Luft zu entfernen", ist eine sehr kurzsichtige Sichtweise. Holz wird als Ersatz für treibhausgasintensive Materialien wie Zement und Stahl beim Bau von Häusern benötigt, wo Treibhausgase nicht nur bei der Produktion vermieden, sondern Holzgebäude auch als langfristiger Kohlenstoffspeicher genutzt werden.

Auch das Heizen mit Holz als Ersatz für fossiles Öl, Gas und Kohle wird verdammt, weil "beim Verbrennen von Holz mehr Kohlendioxid entsteht als beim Verbrennen von Kohle".

Dies ist ein altbekanntes Argument aus der Ecke der Klimaleugner*innen, die gegen die Klimawissenschaft argumentieren und dabei absichtlich Äpfel mit Birnen vergleichen. Sie behaupten korrekt, Holz habe eine geringere Energiedichte als Kohle, weshalb pro Energieeinheit eine größere Brennstoffmenge verbrannt werden muss, um denselben Output zu erzielen. Sie verschweigen aber, dass der Kohlenstoff der Kohle aus der Erdkruste stammt und bei Freisetzung den Kohlendioxidanteil der Luft erhöht, wogegen die Emissionen von Holz Teil des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs in der Atmosphäre sind. Wieso dieses Argument in einem Buch über Kreisläufe des Klimawandels auftaucht, ist verwunderlich.

Trotz der fachlichen Schwächen leistet das Buch einen wichtigen Beitrag, um Menschen das Thema der Klima-Feedback-Loops näherzubringen. Dass dafür die Bekanntheit der beiden Gesprächspartner*innen genutzt wird, hilft bei der Verbreitung. Der Dalai Lama und Greta Thunberg sind überzeugt, dass wir uns den Problemen, die mit der Klimakrise auf uns zukommen, bewusst werden müssen, um vom Reden ins Tun zu gelangen. Das Buch endet in der Hoffnung, dass wir einen "Weg in eine Zukunft finden, die wir lieben und auf die wir stolz sein können".

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