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FLORIAN FREISTETTER
vom 01.12.2021

"Ich würde gern mehr über die Entwicklungen in der Wissenschaft lernen." 35 Prozent der Menschen in Österreich sagen, dass sie dieser Aussage nicht zustimmen; bei 14 Prozent ist die Ablehnung besonders stark. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat also nicht nur kein Interesse an Wissenschaft sondern macht sich sogar die Mühe, das Desinteresse in einer Umfrage explizit zu bekunden.

Die Studie, in der das festgestellt wurde, ist das aktuelle "Eurobarometer" zum Thema Wissenschaft. Nun wissen wir: Wir sind Spitzenreiter, was Wissenschaftsignoranz angeht, und selbst wenn wir uns auf die Menschen konzentrieren, die in der Umfrage angegeben haben, sich durchaus für Forschung zu interessieren, wird die Lage nicht besser. Da landen wir mit 41 Prozent gemeinsam mit Kroatien auf dem letzten Platz.

Die Eurobarometer-Umfrage hat noch sehr viel mehr Daten erhoben. Österreich schneidet so gut wie überall schlecht ab. Mehr als die Hälfte der Menschen hierzulande denkt, dass es nicht wichtig für das eigene Leben wäre, über Wissenschaft Bescheid zu wissen. Damit liegen wir europaweit auf Platz drei jener Länder, die Wissenschaft für unwichtig halten. Angesichts der Coronapandemie oder der Klimakrise ist diese Ignoranz erstaunlich.

Wir scheinen eine tiefsitzende Abneigung gegenüber der Wissenschaft zu haben. Das Wort "ehrlich" halten nur 47 Prozent der Menschen für passend, um Forschende zu beschreiben. Auch hier sind wir, einen Prozentpunkt vor Deutschland, die Schlusslichter in Europa. Der Wert der Wissenschaft scheint sich uns nicht zu erschließen. "Das Interesse junger Menschen für Wissenschaft ist wichtig für unsere Zukunft" - nur in Rumänien findet man noch weniger Menschen, die dieser Aussage zustimmen, als in Österreich. Zählt man nur diejenigen, die sie explizit ablehnen, sind wir ein weiteres Mal Spitzenreiter.

Österreich und die Wissenschaft scheinen ein Problem miteinander zu haben. Das dringend gelöst werden muss, wenn wir nicht im Sumpf von Provinzialität und Populismus versinken wollen. Die Wissenschaftskommunikation muss sich neue und bessere Strategien ausdenken, um die österreichische Ignoranz zu durchbrechen.

MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS. DE/ASTRODICTICUM-SIMPLEX

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