GASTKOMMENTAR

Die Ziele der Studienförderung in Österreich

ALEXANDER MARINOVIC
vom 01.12.2021

"Reiche Eltern für alle? Stipendien & Beihilfen ausbauen!" Wer vor der ÖH-Wahl im Mai die Dreiecksständer mit den bunten Wahlplakaten wahrnahm, kam an dem Thema nicht vorbei. Auch die aktuelle ÖH-Vorsitzende sieht "das Thema Studienförderung und damit soziale Durchlässigkeit als eines der wichtigsten in der Hochschulpolitik. Mit einer gut funktionierenden Studienförderung hat man die Mittel in der Hand, dass auch wirklich alle studieren können, die studieren wollen."

Der Staat investiert jährlich eine Viertelmilliarde Euro in Stipendien. Vor fast sechzig Jahren, als mit dem Studienbeihilfengesetz 1963 erstmals ein Rechtsanspruch auf Studienförderung geschaffen wurde, lagen die Beweggründe für das neue Gesetz im Wirtschaftswachstum und in der damit verbundenen Vollbeschäftigung -für viele junge Menschen ein Anreiz, attraktive Berufsangebote anstelle eines Studiums zu wählen. Um das wirtschaftliche Niveau zu halten, benötigte man mehr junge Menschen mit Hochschulabschluss. Unter dem Schlagwort "Ausschöpfung der Begabungsreserven" sollten neue Bildungsschichten jenseits des Mittelstandes erschlossen werden, insbesondere durch die Heranführung von Arbeiter-und Bauernkindern ans Hochschulstudium.

In Zeiten eines postsekundären Bildungssystems mit tausend Studienrichtungen hat sich die Problemstellung verschoben. Der Zugang zur Bildung ist zwar kein Privileg mehr, die Finanzierung im Einzelfall jedoch sehr oft. Hier springt die Studienförderung ein, die sich auf das 1969 erstmals erlassene Studienförderungsgesetz stützt. Vollzogen wird es von der Studienbeihilfenbehörde, die vor genau fünfzig Jahren gegründet wurde. 1969/70 bezogen 8.514 Studierende eine Studienbeihilfe, im letzten Studienjahr waren es 45.740; vor 50 Jahren gab es zwei Stipendienarten, die Studienbeihilfe und das Begabtenstipendium, mittlerweile existieren elf verschiedene Förderinstrumente.

Normalerweise hängt die Höhe der Studienförderung vom Einkommen der unterhaltspflichtigen Eltern ab. Eine markante Ausnahme ist das elternunabhängige Selbsterhalterstipendium, auf das Studierende Anspruch haben, wenn sie ihren Lebensunterhalt mindestens vier Jahre lang aus eigenem Einkommen finanziert haben.

Ihre Flexibilität haben Studienförderungssystem und Studienbeihilfenbehörde auch in der Coronakrise bewiesen. Höhere Stipendien gleichen automatisch sinkende Elterneinkommen aus; und eine Corona-Verordnung hat das problematische Sommersemester 2020 zum neutralen Semester erklärt, also alle Fristen entsprechend verlängert.

So läuft die Studienförderung auch nach fast sechzig Jahren noch gut (nicht zuletzt dank dem "Motor" Studienbeihilfenbehörde). Reparatur-und Wartungsarbeiten werden aber auch in Zukunft nicht ausbleiben.

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