Ethik und Herzensbildung

Geistes-und Humanwissenschaften leisten ihren Beitrag zu unserem Selbstverständnis

TEXT: BRUNO JASCHKE
vom 01.12.2021

In vordem unvorstellbar kurzer Zeit sind Impfstoffe gegen eine grassierende Seuche entwickelt worden. Computergesteuerte Analysen riesiger Datenmengen geben Aufschluss über deren Verläufe. Ständig werden neue Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung gefunden, umweltschonendere Formen der Mobilität und des Individualverkehrs entwickelt und Konzepte erstellt, um die fortschreitende Erderwärmung unter Kontrolle zu bekommen: Die großen Probleme unserer Zeit scheinen den Naturwissenschaften überantwortet. Nicht gefragt dagegen sind offenbar Wissenschaften, die sich mit menschlichen Werken, Handlungen und Befindlichkeiten befassen. "Humanities" nennt sie der international gebräuchliche Anglizismus, für dessen deutsche Entsprechung sich der Terminus "Geisteswissenschaften" eingebürgert hat.

Sind die "Humanities" gleich den "Humanwissenschaften"?

Zunächst gilt es zu klären, ob diese Analogie überhaupt legitim ist. Ja, meint, so wie alle für diesen Artikel befragten Wissenschaftler*innen, Julian Reiss, Leiter des Instituts für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Linz. "Wenn auch Philosophen etwas andere, grundsätzlichere Fragen stellen als Wissenschaftler, gibt es doch viele Überschneidungen, etwa was Kausalität, Methoden oder Begriffsbildung betrifft", erklärt Reiss, der in den 1990er-Jahren an dem von Karl Popper begründeten Lehrstuhl in London Wissenschaftsphilosophie studiert hat. "In dieser Tradition intellektuell aufgewachsen, ist mir der deutsche Begriff der Geisteswissenschaften, der die Gemeinsamkeiten mit den Natur-und Sozialwissenschaften betont, sehr recht."

"Das englischsprachige 'Humanities' kann als ein allgemeinerer Begriff angesehen werden, der auch sozialwissenschaftliche Fächer umfasst", erläutert der Sprachwissenschaftler Lars Bülow vom Wiener Institut für Germanistik. "Sicher jedoch verwenden wir ,Humanities' auch als Synonym zum Begriff 'Geisteswissenschaften'. Man findet im Deutschen allerdings auch den Begriff der ,Humanwissenschaften', der die beiden Teilbereiche Geistes-und Sozialwissenschaften umfasst und dem Begriff ,Humanities' eigentlich gerechter wird."

Ethische Fragen der Gentechnik bleiben den Humanities Das Problem der Geisteswissenschaften ist gewiss nicht ihr deutscher Name, sondern dass sie keine so spektakulären Errungenschaften wie die Naturwissenschaften anbieten können. Bisweilen wird daher ihre Legitimität in Frage gestellt. "Das wird natürlich auch gern von Politik oder Wirtschaft aufgenommen und ausgenützt", bemerkt Martin Kusch, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Wien. Dennoch können große Diskurse nicht ohne Beitrag der Geisteswissenschaften auskommen. Selbst bei wesenhaft technokratischen Entwicklungen ist ihr Input gefordert. Das zeigt sich etwa bei Fragen der Gentechnik: Es ist zwar möglich, Lebewesen zu klonen, ob es auch ethisch vertretbar ist, will man aber lieber von Philosoph*innen, Theolog*innen oder Anthropolog*innen als von Gentechniker*innen behandelt wissen.

Herausforderungen solcher Art warten, wie Reiss erklärt, auf die Geisteswissenschaften in vielen Bereichen: "Nehmen wir den Klimawandel. Um zukünftige Schäden mit den heutigen Kosten von Maßnahmen vergleichbar zu machen, brauchen wir einen Diskontfaktor, das heißt, eine Art von Zinssatz, mit dem man den heutigen Wert zukünftiger Geldströme berechnen kann. Was ist ein guter Faktor? Das ist keine rein ökonomische Frage, sondern eine, die auch politische, ethische und viele andere Komponenten hat. Wegen ihrer abstrakteren und ganzheitlicheren Sicht auf die Dinge eignen sich Vertreter*innen der Geisteswissenschaften hervorragend als Moderator*innen von interdisziplinären Dialogen."

Corona ist nur zu einem Teil ein medizinisches Problem Auch die Coronakrise wirft Fragen auf, die nicht mit Wirkstoffen und statistischen Berechnungen zu klären sind. In der Pandemie sieht Kusch die Philosophie besonders gefordert. "Philosophische Arbeit hat zu einem besseren Verständnis von wissenschaftlichen Modellen für die Vorhersage, die in der Pandemie sehr wichtig sind, beigetragen. Dann gibt es vielfältige philosophische Ansätze, Phänomene wie Fake News, Unwissen, Fehlinformation, soziale Medien etc. besser zu verstehen. Philosoph*innen haben sich bemüht, die Rolle des Staates und demokratischer Institutionen in Pandemiezeiten zu analysieren."

Sprachwissenschaftler Bülow hat die öffentliche Krisenkommunikation und die darin geäußerten Geltungsansprüche im Visier: "Die Angewandte Sprachwissenschaft kann Erkenntnisse zur Verfügung stellen, wie Diskurse in unterschiedlichen kommunikativen Zusammenhängen strukturiert sind und wie man 'effektiv' kommuniziert. Wir können untersuchen, welche sprachlichen Faktoren bei der Weiterleitung von textuellen Artefakten, etwa Internet-Memes, zur Coronakrise eine Rolle spielen."

"Corona ist eben nur teilweise, und ich meine zu einem relativ geringen Teil, ein medizinisches Problem", erklärt Reiss. "Die Krise hat auch eine politische, gesellschaftliche, ökonomische, kulturelle und ethische Seite, und sie ist auch eine Krise der Bildung und Erziehung und wahrscheinlich sogar eine der nationalen Sicherheit. Vielleicht braucht es die etwas ganzheitlichere Sicht der Geisteswissenschaften, um das zu erkennen."

Weitere dringende Agenden wie Gender und Migration warten auf Antworten der Geisteswissenschaften. Und neue Herausforderungen zeichnen sich ab. "Da fällt mir spontan die Digitalisierung ein", sagt Reiss. "Auch eine extrem komplexe, alle Aspekte des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens berührende Entwicklung. Die Geisteswissenschaften sind dringend gefordert, Beiträge zu leisten, damit Chancen genutzt und Risiken abgefedert werden können."

Neue Formen der Geschichtsbetrachtung nehmen zu Was künftige Trends angeht, sieht Reiss die sogenannte Alternative History auf dem Vormarsch und in den eigenen Reihen Wiedergutmachung angesagt. "Noch in den 1960er-Jahren war es in der Geschichtswissenschaft verpönt, sich der Frage ,Was wäre, wenn ?' zu widmen: Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Diese Fragen galten als zu spekulativ für die stark positivistisch beeinflusste Geschichtswissenschaft. Heute ist man wieder spekulativer, das Genre der kontrafaktischen oder virtuellen Geschichte blüht. In meiner eigenen Disziplin ist man bemüht, vergangenes und aktuelles Unrecht zu benennen und wiedergutzumachen. So wird ein Forschungsantrag, der explizit Themen wie Rasse, Ethnizität und Rassismus behandelt, größere Erfolgsaussichten haben. Das war vor einem halben Jahrhundert kaum denkbar."

"Ein wiederkehrendes Thema ist die Frage nach den besten methodischen Zugängen in der konkreten Analyse geisteswissenschaftlicher Untersuchungsgegenstände. Unter dem Schlagwort 'Digital Humanities' wird etwa der Einsatz von computergestützten Recherchemethoden, Datenbanken etc. forciert, da diese den Vorteil quantifizierbarer, per Mausklick nachprüfbarer Ergebnisse bieten. Die exakte Beschreibung des Materials ist aber nicht das Ergebnis, sondern die Basis von Forschung", meint Bernhard Söllradl vom Institut für Klassische Philologie, Mittel-und Neulatein an der Universität Wien, der aus seinem "antiken" Forschungsgebiet eine interessante Erklärung für den (Stellen-)Wert der Geisteswissenschaften ableitet: "In der klassisch-philologischen Forschung haben wir es mit Texten zu tun, die mehrere Hundert oder gar Tausend Jahre alt sind. Wenn ich die Themen, Fragen und Probleme nachvollziehen möchte, die dort verhandelt werden, ist es notwendig, mich in Wertehorizonte und Weltanschauungen hineinzuversetzen, die mir zunächst vielleicht völlig fremd sind. Man könnte von der Notwendigkeit 'philologischer Empathie' sprechen. Von hier lässt sich der Bogen zur Gegenwart spannen: Wenn man einen Zweck geisteswissenschaftlicher Studien definieren wollte, könnte man also vielleicht von ihrem Beitrag zur Herzensbildung sprechen, die uns dazu befähigt, zeitaktuellen Problemstellungen in angemessener Weise zu begegnen."

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