Längst nicht mehr nur graben

Naturwissenschaftliche Methoden und Digitalisierung bringen Dynamik in die Archäologie

TEXT: ROBERT PRAZAK
vom 01.12.2021

Die Schädel der drei Jugendlichen, die in einem Grab im Osten Kroatiens gefunden wurden und aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert nach Christus stammen, sind seltsam verformt. Diese Tradition der sogenannten Turmschädel wurde vermutlich von den Hunnen nach Europa gebracht. Nun lieferten DNA-Analysen der Knochen aber ein überraschendes Ergebnis: Die drei gemeinsam begrabenen Menschen waren unterschiedlicher Abstammung, die auffällige Schädeldeformierung dürfte demnach primär als Erkennungsmerkmal einer bestimmten Volksgruppe gedient haben.

Führt Naturwissenschaft zur Simplifizierung?

So sorgte die DNA-Analyse wieder einmal für ein unerwartetes Ergebnis. Multidisziplinäres Arbeiten ist in der Archäologie nichts Neues, doch die rasante Entwicklung naturwissenschaftlicher Methoden bringt eine große Dynamik, sagt Sabine Ladstätter, geschäftsführende Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). "Allerdings auch zu gewissen Simplifizierungen, etwa wenn Bevölkerungszusammensetzungen rein biologisch betrachtet werden sollen." Daher sei inzwischen eine Komplementärbewegung entstanden, die unter anderem wieder stärker auf kulturelle Identitäten achtet.

Peter Trebsche, Leiter des Instituts für Archäologien der Universität Innsbruck, ist ein Verfechter der neuen Methoden. Doch es liege in der Verantwortung der Archäologie, die Erkenntnislimits darzustellen. "Zudem dürfen wir uns nicht in Details verlieren, inzwischen können wir vieles auf atomarer Ebene untersuchen. Doch der Anspruch muss sein, alles wieder zu einem großen Ganzen zu vereinen."

aDNA (alte DNA) ist ein gutes Beispiel für den Grat, auf dem Archäologie derzeit wandert: Dieses Erbgut von Menschen, die vor Hunderten oder Tausenden Jahren gelebt haben, wird in menschlichen Skeletten gefunden. Neben ethischen Fragen werden auch die Schlussfolgerungen entsprechender Forschungen heiß diskutiert. "Bei Untersuchungen zur aDNA wird oft fälschlicherweise angenommen, dass kulturelle Identität mit dem Genom zusammenhängt", sagt Trebsche. Doch soziale Identität habe nicht zwingend etwas mit der Blutsverwandtschaft zu tun. "Die Archäologie ist da ein Anwender, aber wir müssen verstehen lernen, wo die Limits solcher naturwissenschaftlicher Methoden liegen bzw. wie diese mit den Geisteswissenschaften in Einklang gebracht werden können."

Nicht nur am Boden, auch aus der Luft wird heute geforscht: Als Superstar der Satellitenarchäologie gilt die US-Archäologin Sarah Parcak, Professorin für Anthropologie der Universität von Alabama. Mit Hilfe von Satellitenbildern konnte sie wichtige historische Stätten finden, beispielsweise Itj-taui in Ägypten, Hauptstadt unter Pharao Amenemhet im Mittleren Reich. Davor hatte die Suche nach der verschollenen Stadt jener nach der Nadel im Heuhaufen geglichen.

"Archäologie soll offener und zugänglicher werden", sagt Parcak, und dazu könnten neue Technologien wie der Einsatz von Satellitenaufnahmen beitragen, aber auch Kartierung mit Hilfe von Drohnen.

Auch in Österreich finden sich Beispiele für den Einsatz moderner Methoden in der Archäologie. So erkundet das Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie durch den kombinierten Einsatz von Scannern in Flugzeugen und Magnetometer-sowie Radarsystemen am Boden archäologische Landschaften. Auf diese Weise wurden beispielsweise ein Schiff sowie Grabstätten und Gebäude der Wikinger in Norwegen gefunden. Das Wiener Institut war zudem an den neuesten Erkenntnissen der Stonehenge-Forschung beteiligt, die aufgrund neu gefundener Monumente und Hausfundamente die Bedeutung des Orts als Zentrum weitreichender Beziehungen zeigt.

Digitale Technologien verändern die Archäologie Digitale Technologien tragen zum Wandel der Archäologie bei. So wird unter dem Oberbegriff der Virtuellen Archäologie etwa Virtual Reality verwendet, um reale Objekte in einer virtuellen Welt zu zeigen. Ein Beispiel ist das europäische Projekt Virtual Arch, zu dem das virtuelle, dreidimensionale Erkunden des Salzbergwerks in Hallstatt gehört. Sabine Ladstätter sieht jedoch eine Hürde: "Das ist aufwendig, und im derzeitigen System der Wissenschaften ist die Beschäftigung damit selten karrierefördernd." Man könne das aber etwa über Förderungen steuern.

Die Digitalisierung insgesamt bietet zweifellos Chancen, etwa über die Bilderkennung. Damit wird etwa die Bestimmung von Münzen erleichtert: Arbeitsschritte, die derzeit manuell durchgeführt werden, laufen automatisiert ab. Wichtiger wird darüber hinaus das Gebiet der Heritage Sciences, bei dem das kulturelle Erbe im Mittelpunkt interdisziplinärer Forschung steht. Ein Bereich, der in Österreich durchaus Aufholbedarf hat. "Einerseits sehen wir uns als Kulturnation, andererseits ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kulturerbe nicht allzu ausgeprägt", meint Ladstätter.

Neues an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen ist auch die Zusammenlegung von drei Instituten der ÖAW zu sehen: Das Archäologische Institut wurde mit dem Institut für Kulturgeschichte der Antike und jenem für Orientalische und Europäische Archäologie vereint. Die bisherigen Institutsleiter übernehmen im Wechsel die Geschäftsführung für jeweils drei Jahre, den Anfang macht Sabine Ladstätter.

Die Institute an der ÖAW sind traditionell gewachsen, der Zusammenschluss sei logische Konsequenz dieser Entwicklung. "Es sollen Synergien bei den Inhalten und der Infrastruktur genutzt werden, um die Entwicklung der Archäologie im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich zu vollziehen." Widerstand gebe es keinen, meint sie, aber gewisse Ängste. "Ich sehe da meine Rolle, in dieser ersten Fusionsphase nach innen zu arbeiten."

Das Institut hat nun 200 Mitarbeiter*innen, das entspricht zehn Prozent aller Angestellten der ÖAW. Der Standort Wien soll dadurch gestärkt werden, heißt es. "Wir wollen gemeinsam mit anderen großen Instituten zusammenarbeiten, um Wien für die Archäologie gut zu positionieren." Zwei Komponenten zeichnen Wien aus: Erstens war der naturwissenschaftliche Aspekt immer schon wichtig, nicht nur DNA-Forschung und Biologie, sondern etwa auch Materialforschung, zweitens die Verschränkung der traditionellen historischen Wissenschaften. Aber Österreich steht insgesamt in der Archäologie sehr gut da, siehe etwa Ephesos oder die Forschungsarbeit in Hallstatt.

Peter Trebsche sieht indes die schlechte Verankerung der archäologischen Denkmalpflege als Problem. "Das Bundesdenkmalamt leistet zwar sehr gute Arbeit, doch die Mittel sind begrenzt, und es fehlt vor allem die gesetzliche Verankerung des Verursacherprinzips." Soll heißen: Wenn jemand archäologische Denkmäler zerstört, müsste auch für deren Rettung bezahlt werden, so ist das beispielsweise in Frankreich geregelt. Ebenso ist die rasante Versiegelung von Flächen in Österreich ein Thema, das nicht nur Umweltschützer beschäftigt. Alle Flächen müssten vor der Verbauung zumindest archäologisch sondiert werden, fordert Trebsche. "Das könnte recht effizient mittels Luftbildarchäologie, Magnetprospektionen oder Feldbegehungen geschehen."

Die Bedeutung der Archäologie ist und bleibt nicht nur wegen der zunehmenden Vernetzung mit anderen Wissenschaften und dank neuer, teils noch zu erprobender Methoden eine der spannendsten Wissenschaften. "Das Lernen aus der Vergangenheit ist Ziel jeder Geschichtsschreibung", sagt Trebsche. Wichtig sei beispielsweise die Konfrontation mit anderen Kulturen, weil dadurch Lösungsansätze aufgezeigt werden. Und wir könnten Alternativen zu unserer jetzigen Lebensweise erkennen. "Vieles von dem, das heute diskutiert wird, wurde in Europa früher anders gelöst, etwa die Arbeitsorganisation, die Trennung von Arbeit und Freizeit oder die Nahrungsmittelproduktion."

Mehr aus diesem HEUREKA

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!