WAS AM ENDE BLEIBT

Ohne Sense

ERICH KLEIN
vom 01.12.2021

Frühe Schreibversuche aus den 1950er-Jahren wolle er nicht mehr publiziert wissen, meinte der Autor und Architekturhistoriker Friedrich Achleitner (1930-2019) einmal. Amüsiert erinnerte er sich an die Reaktion des Redakteurs, dem er seine Texte vorgelegt hatte. "Was Sie mir da zeigen", beteuerte der Mann, "ist entweder noch keine Dichtung oder es ist keine Dichtung mehr."

Im Wien der Nachkriegszeit fand Achleitner rasch seinen Weg in die Literatur: mittels literarischer "Montagen" und "Konstellationen" und vor allem durch eine neue Sprache, die eigentlich eine ganz alte war, Dialekt: "oa moe / oa moe richdög /oa moe richdög schaissn // auf an boisdaddn brödl / auf an boisdaddn."

Er war Teil der "Wiener Gruppe". Sie löste sich ebenso schnell wieder auf, wie sie zusammengefunden hatte, der Architekt wechselte zu Architekturkritik und -geschichte, 1973 erschien "quadratroman", da war die Jahrzehnte später abgeschlossene Arbeit an der Geschichte der "Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert" schon in Angriff genommen. Von der literarischen Qualität, die sein vierbändiges Opus magnum, auch besitzt, wollte der Autor wenig wissen.

Explizit zur Literatur kehrte Achleitner mit über siebzig und Kurzprosa zurück. Die fünf Bände von "einschlafgeschichten"(2003) bis "wortgesindel"(2015) gehören zum Besten, was während der letzten Jahrzehnte in Österreich geschrieben wurde. Wortwitz aus dem Geist von Lichtenberg und Nestroy. Achleitners Texte, die sich immer an Norm und Regeln gehalten hatten, begannen nun im Dschungel der Sprache zu wildern. Besonders trifft das auf die "innviaddla liddanai" und die späten Kurzgedichte mit dem Titel "ohne sense" zu. Der Untertitel letzterer ("mach keine sprüche") wird geflissentlich missachtet, wenn es da heißt: "träume nicht /von niedren zwecken / du endest sonst / beim eierpecken". Die Texte bewegen sich, spektakulär ob ihrer unaufgeregten Abgründigkeit, am Rand zum Verschwinden: "gib acht /es ist bald neun". Und es geht noch kürzer: "eimer für alle". Form und Inhalt werden in sich verdreht: "fröhlichkeit ist nur ein schutz / gegen schlanz und schlonz und schlutz". Fast war es, als träfe der ratlose Befund vom Anfang jetzt tatsächlich zu. Darauf Achleitner: "tut mir leid / das ist mir z'gscheit".

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