Der Sinn von sozialem Träumen

Warum wir utopisches Denken und Handeln im Klimanotstand brauchen

TEXT: MATHIAS THALER
vom 27.04.2022

In der öffentlichen Debatte hat der Klimanotstand zwei Reaktionen hervorgerufen: entweder Resignation, Trauer und Depression oder ein selbstbewusstes, ja arrogantes Vertrauen in die Fähigkeit innovativer Wissenschaft und Technologie, unsere Spezies vor sich selbst retten zu können.

Aber wie Donna Haraway zu zeigen vermochte, wird uns keine dieser Reaktionen weiterbringen. Gefragt ist indessen eine realistische Auseinandersetzung mit jenen politischen und sozialen Herausforderungen, die noch vor uns liegen; eine Auseinandersetzung, die auf der anderen Seite Raum für die "begriffene Hoffnung"(Ernst Bloch) schafft, dass unsere Zukunft noch nicht vorherbestimmt ist. Zur Erreichung dieses Zieles sind utopische Denk-und Handlungsformen von größter Bedeutung.

Welche Rolle könnten Utopien im Umgang mit dem Klimanotstand spielen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein Missverständnis hinsichtlich des Zwecks von Utopien aus dem Weg räumen. Viele werden vermuten, dass die utopische Vorstellungskraft ungeeignet erscheinen muss, um die Realitäten einer Welt im Klimawandel zu beleuchten. Aus diesem Blickwinkel betrachtet kommt das utopische Handeln und Denken einem Eskapismus gleich, den wir dringend zu vermeiden haben, sofern wir es mit den auf uns zukommenden Herausforderungen ernst meinen.

Der Vorwurf, dass Utopien verführerische Alternativen konstruieren, ohne jedoch zu klären, wie man diese realisieren könnte, besitzt eine philosophische Vorgeschichte. Schon Karl Marx und Friedrich Engels attackierten die sogenannten utopischen Sozialisten aufs Schärfste, weil diese dem revolutionären Subjekt, dem Proletariat, im Übergang zum Kommunismus viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass die Autoren des "Kommunistischen Manifests" das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft, welches die utopischen Sozialisten anstrebten, keineswegs in Frage stellten. Es ging Marx und Engels viel eher darum aufzuzeigen, dass der alleinige Fokus auf den ersehnten Endpunkt der Geschichte einer radikalen Politik im Weg stünde.

Marx und Engels hatten bis zu einem gewissen Grad recht. Es gibt viele Arten von utopischen Visionen, die nichts als Trost spenden. Sie machen eine schwierige Situation ein wenig erträglicher, indem sie uns auf magische Weise in eine wunderbare Zukunft transportieren. Solche Utopien lassen nicht nur die zentrale Frage des Übergangs von der Gegenwart in die Zukunft unberührt, sie schränken auch die Freiheit derer ein, die dazu aufgerufen sind, sich in diese schöne neue Welt hineinzuversetzen - ein Einwand, der von liberalen Denkerinnen und Denkern verschiedener Couleur, von Karl Popper bis Raymond Aron, gegen den gewalterzeugenden Aspekt des Utopismus erhoben wurde.

Doch nicht alle Utopien verabsäumen es, darüber zu reflektieren, was praktisch zur Überwindung gegenwärtiger Hindernisse getan werden sollte. Nicht-perfektionistische Entwürfe sind sich der Gefahren utopischer Visionen bewusst. In den Worten Miguel Abensours besteht ihr Ziel darin, unser Begehren nach anderen Seins-und Lebensweisen zu erziehen und kreativ in bestimmte Richtungen zu lenken.

Der Interpretationsfehler, den Kritiker*innen begehen, besteht darin, dass sie diese Erziehungsfunktion von Utopien ausschließlich im Sinne von perfekten und statischen Repräsentationen anderer Welten deuten. Die pädagogischen Interventionen des Utopismus können jedoch auch anders vollzogen werden. In den 1970er-Jahren etwa begannen Science-Fiction- Autorinnen wie Ursula K. Le Guin, Marge Piercy oder Octavia Butler in ihren eigenen Vorstellungen der Zukunft den kollektiven Wunsch nach sozialer Transformation kritisch zu hinterfragen. Zweifel und Konflikt sind in diesen komplexen Erzählungen allgegenwärtig. Das utopische Wunschdenken entpuppt sich dadurch als das komplette Gegenteil eskapistischer Fantastereien.

Die kreative Erziehung unseres Verlangens nach alternativen Seins-und Lebensweisen stellt ein kompliziertes Unterfangen dar, das stets Gefahr läuft, in totalitäre Unterdrückung umzuschlagen. Obwohl Utopien zweifelsohne problematische Auswirkungen haben können, bedeutet das gerade nicht, dass wir sie auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgen sollten. In der jetzigen Situation überwiegt das Risiko, sich nicht auf soziales Träumen einzulassen, bei Weitem: Wie der jüngste Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zu verschiedenen Klimaszenarien festhält, wird jeder Versuch, in diesem Moment äußerster Notlage am Business as Usual festzuhalten, mit Gewissheit einen noch katastrophaleren Zusammenbruch des planetaren Ökosystems zur Folge haben.

Welche Lehren könnte die eben genannte Lesart von Utopien für unsere Welt im Klimawandel bereithalten? Ich schlage vor, zwischen drei fundamentalen Mechanismen utopischen Denkens und Handelns zu unterscheiden: verfremden, mobilisieren und warnen. Utopien zielen darauf ab, ihre Kritik am Status quo mittels dieser Funktionen auszuüben. Dies kann durch einen Blick auf Debatten in der politischen Theorie veranschaulicht werden, die sich direkt mit den vielfältigen Facetten des Klimawandels auseinandersetzen.

Beginnen wir mit dem Mechanismus der Verfremdung. Wenn Utopien das Außergewöhnliche normal und alltäglich erscheinen lassen, versuchen sie, unseren gesunden Menschenverstand auszuhebeln, und eröffnen so Möglichkeiten zur individuellen und gesamtgesellschaftlichen Transformation. Dementsprechend besteht eine Lesart von Bruno Latours Gaia-Konzept darin, dieses als eine utopische Figur zu entschlüsseln, welche anthropozentrische Sichtweisen des Planeten entzaubert. Latour entwirft eine politische Ökologie, die den binären Gegensatz von Natur und Kultur vollkommen außer Kraft setzt. Daraus entwickelt sich eine andere, zutiefst seltsame Vorstellung der Erde, in der die menschliche Handlungsfähigkeit durch andere Lebensformen permanent in Frage gestellt wird.

Mobilisierende Theorien bemühen andere utopische Visionen. Diese beschreiben radikale Alternativen mit dem Zweck, optimistische Perspektiven auf die Zukunft freizulegen. Im zeitgenössischen Umweltdiskurs bringt der "Ökomodernismus" diese Strategie zum Einsatz, vor allem aufgrund der provokativen These, dass innovative Wissenschaft und Technologie eine "Entkopplung" menschlicher Bedürfnisse von natürlichen Ressourcensystemen beschleunigen könnten. Ein Vertreter dieser Ansicht ist etwa Steven Pinker, der sich zuletzt verstärkt um eine Rehabilitierung des Erbes der Aufklärung bemühte.

Schließlich warnen uns Theorien, die auf einem düsteren Urteil beruhen: Sollten wir unsere eingefahrenen Seins-und Lebensweisen nicht vollständig umstellen, so diese Sichtweise, wird sich die Apokalypse nicht abwenden lassen. Dystopische Geschichten verfolgen diese Argumentationslinie, indem sie gefährliche Trends ausloten, welche gegenwärtig noch verborgen bleiben. Kommentatoren wie Roy Scranton oder David Wallace-Wells stellen etwa die Behauptung auf, dass wir so gut wie nichts zu tun vermögen, um den planetaren Zusammenbruch und den endgültigen Untergang unserer Spezies aufzuhalten.

Diese drei Beispiele zeigen, dass die utopische Vorstellungskraft der öffentlichen Debatte über den Klimawandel Wichtiges hinzuzufügen hat. Beim Erforschen von Alternativen geht es freilich nicht nur um die Modellierung neuer Seins-und Lebensweisen, sondern auch um das Anspornen widerständiger Handlungsperspektiven. Soziales Träumen beschränkt sich somit nicht auf abstrakte Gedankenexperimente, es beabsichtigt auch eine Umstrukturierung des menschlichen Verhaltens und erweist sich dadurch als zutiefst praktisch.

Der Klimanotstand hat unter anderem eine Krise der Vorstellungs-und Handlungskraft ausgelöst. In diesem Zusammenhang und trotz berechtigter Sorgen über die problematischen Aspekte des sozialen Träumens können wir es uns heute nicht leisten, die von Utopien erzeugten Effekte der Verfremdung, der Mobilisierung und der Warnung einfach zu ignorieren.

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