TRINKWASSERVERSORGUNG

Im Klimawandel beginnt unsere Wasserkrise

Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wir schon. Können wir uns Trinkwasserknappheit überhaupt vorstellen?

MONA SAIDI
vom 27.04.2022

In Österreich wird der Trinkwasserbedarf aus Grund-und Quellwasser gedeckt, die Qualität des Wassers anhand von Richtlinien der Trinkwasserverordnung geprüft. Wassermessungen in geklärten Gewässern weisen häufig Spuren von Mikroplastik, Medikamenten, Polyesterfasern, Glitzerstaub, flüssigen Kunststoffen, künstlichen Süßstoffen und Unkrautvernichtern auf. Einige Partikel sammeln sich im Klärschlamm, der verbrannt oder aufs Land und in den Boden gebracht wird. Damit landen die Partikel früher oder später im Grundwasser. Jene, die nicht gefiltert werden konnten, fließen in ein Flusssystem und so ins Grundwasser. Ein Wasserversorgungsunternehmen pumpt dann durch seine Brunnen Grundwasser an die Oberfläche und leitet es an Haushalte weiter.

Damit haben wir Stoffe in unserem Trinkwasser, die wir nicht wollen. Die Ursache dafür ist unser Lebensstil: etwa Haarkuren und Duschgels mit flüssigen Kunststoffen als Weichmacher. Die meisten Produkte enthalten Stoffe, die von Herstellern selten auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden. Nicht nur Kosmetikartikel, auch Arzneimittel hinterlassen Spuren im Wasser: In Deutschland wurde das Schmerzmittel Diclofenac nachgewiesen. "In der Wiener Donau haben wir auffällig hohe Reste einiger Arzneimittel, darunter auch mehrere Antibiotika, gemessen", berichtet Thilo Hofmann, Professor für Umweltgeowissenschaften an der Universität Wien. Am häufigsten wurde der Stoff Carbamazepin aus Medikamenten für Epilepsie und Depressionen gemessen. Um Arzneimittel in Kläranlagen herauszufiltern, wäre eine vierte Klärstufe zu den bestehenden drei notwendig.

"Die in österreichischen Grundund Trinkwässern vereinzelt nachgewiesenen Gehalte liegen in Konzentrationsbereichen, die keine toxikologischen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben", schreibt das Infoportal Trinkwasser. Ärzt*innen wissen oft nicht, welche Umweltschäden Medikamente auslösen. Daher bestimmt in Stockholm eine Kommission jährlich eine "Kloka listan", auf der Medikamente zur Behandlung von häufigen Krankheiten empfohlen werden. Die Kriterien bei der Auswahl: Wirksamkeit, Sicherheit, pharmazeutische Zweckmäßigkeit, Kosteneffizienz und Umweltverträglichkeit. Die Liste macht implizit deutlich, dass Medikamentenrückstände in Gewässern das Risiko bergen, Auswirkungen auf Wasserorganismen und Fische zu haben oder eine Resistenzentwicklung bei Menschen zu fördern.

Die Pharmaindustrie ist nur eine von vielen, die unser Trinkwasser beeinflussen. Auch die Getränkeindustrie mischt mit. Der synthetisch hergestellte Süßstoff Acesulfam-K wird in Softdrinks als Zuckerersatz verwendet und kann im menschlichen Körper nicht abgebaut werden. So kommt der Stoff in den Wasserkreislauf. Laut Süßstoffverband in so geringen Mengen, dass er für die menschliche Gesundheit unproblematisch sei: "Man müsste täglich 630.000 Liter Wasser trinken, um an die Grenze seines ADI-Wertes (Acceptable Daily Intake) zu kommen -selbstredend ist das schlichtweg unmöglich."

Ähnlich ist es beim Gehalt von Pestiziden oder Pflanzenschutzmitteln im Trinkwasser. Landwirtschaftlichen Betrieben werden in der Trinkwasserverordnung Höchstgehalte an Pestizidrückständen vorgeschrieben.

Trotzdem projektiert das Land Oberösterreich mit GRUNDWasser 2020 eine Verbesserung der Wasserqualität im Bereich der Landwirtschaft. Dazu "gehört die Durchführung von Bodenuntersuchungen zur gezielteren Steuerung des Nährstoffeinsatzes sowie das Verbot der Herbizidwirkstoffe Metolachlor, Chloridazon, Terbuthylazin, Metazachlor und Bentazon auf Soja, Mais, Zuckerrübe und Raps, da diese in der Vergangenheit punktuell Probleme für die Grundwasserqualität verursachten."

Das Landwirtschaftsministerium definiert in "Gemeinsam Agrarpolitik" neun Hauptziele für mehr Nachhaltigkeit in den Bereichen Umwelt, Klima, Markt, Wirtschaft, Gesellschaft und ländlicher Raum bis 2027. Die Maßnahmen im Bereich Ackerbau sollen auf Boden und Gewässer fokussieren. "Gezielte Reduktion von Pflanzenschutz-und Düngemitteln schützt Oberflächengewässer und Grundwasser", erklärt das Ministerium.

Für viele Menschen ist schwer vorstellbar, mit Wasserknappheit zu kämpfen. Doch auch in Österreich könnten die verfügbaren Grundwasserressourcen bis 2050 um bis zu 23 Prozent sinken. Die Wasserspeicher hier sind die Gletscher. Sie haben laut dem Gletscherbericht 2019/2020 des Alpenvereins innerhalb eines Jahres im Schnitt 15 Meter Länge verloren. Das Gletschermessteam des Alpenvereins hat 92 Gletscher österreichweit neu vermessen. 85 davon, das sind 92,4 Prozent, haben sich im Zeitraum 2019/2020 weiter zurückgezogen. Sieben, das sind 7,6 Prozent, sind mit einer Längenänderung von weniger als einem Meter stationär geblieben.

"Wir rechnen damit, dass Ende des Jahrhunderts nur mehr etwa zehn Prozent der Fläche der Alpengletscher übrig sein werden, in den Ostalpen noch etwas weniger. Diese vom anthropogenen Klimawandel getriebene Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten. Wir müssen also versuchen, die Situation genau zu beobachten, damit wir Probleme frühzeitig erkennen können. Das ließe sich am einfachsten bewerkstelligen, wenn wir alle drei bis fünf Jahre eine Laservermessung der Oberfläche durchführen könnten", sagt Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck.

Durch das klimawandelbedingte Abschmelzen werden die Gletscher langfristig immer weniger Wasser speichern können. Kurzfristig zeigt sich das im Verlauf eines Jahres so: Im Winter sammelt sich am Gletscher Schnee an, der durch die Kälte liegen bleibt und erst im Sommer freigegeben wird.

Aber wenn die Gletscher verschwinden, fehlt im Sommer das Wasser, das derzeit durch die Schneeschmelze zustande kommt. In Hinblick auf die Zukunft würde das bedeuten, dass es im Sommer nur mehr Wasser gibt, wenn es regnet. Die Trockenphasen werden dadurch immer länger und heftiger. Einen kleinen Vorgeschmack davon gab es bereits dieses Jahr im Waldviertel.

"Das sich verändernde Klima wirkt sich unter anderem auf Niederschläge aus: Intensität, Dauer und Verteilung über die Jahreszeiten hinweg verändern sich. Dies wiederum beeinflusst die Menge und Qualität des Trinkwassers", warnt UNICEF.

Weltweit haben heute schon rund 2,2 Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

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