Verhungernde? Nicht hinschauen!

Bis zu 811 Millionen Menschen hungern. Medien nehmen davon nur am Rande Notiz

TEXT: LADISLAUS LUDESCHER
vom 27.04.2022

Laut dem Welternährungsbericht der Vereinten Nationen ist die Zahl der chronisch Hungernden im Jahr 2020 weltweit auf 720 bis 811 Millionen Menschen gestiegen. Mit rund 418 Millionen gibt es die meisten chronisch Hungernden in Asien, gefolgt von Afrika mit 282 Millionen sowie Lateinamerika und der Karibik mit 60 Millionen. Damit hungert etwa jeder zehnte Mensch auf der Welt.

Mehr Menschen sterben hungers als an Aids, Malaria und TBC zusammen

Über zwei Milliarden Menschen leiden an Mangelernährung. Alle dreizehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger. Das sind pro Jahr fast 2,5 Millionen Kinder. Das World Food Programme der Vereinten Nationen macht deutlich, dass jährlich mehr Menschen "an den Folgen des Hungers sterben [ ] als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen."

Diese Tatsache wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen oder medial thematisiert. So auch in der Nachrichtensendung mit der größten Reichweite im deutschsprachigen Raum, der Hauptausgabe der deutschen "Tagesschau" um 20 Uhr, die im Jahr 2020 im Mittel täglich von fast 12 Millionen Menschen gesehen wurde. Im gesamten Jahr 2020 griffen lediglich neun der insgesamt über 3.000 ausgestrahlten Beiträge (ohne Sport und Wetter) das Thema Hunger auf. Zum Vergleich: Mit der Coronapandemie beschäftigten sich im selben Zeitraum fast 1.300 Beiträge. Die Berichte zum Thema Hunger sind häufig nicht nur sehr kurz, sondern werden in der Regel auch nur in der zweiten Sendungshälfte ausgestrahlt.

Dabei hat sich die Situation weiter zugespitzt. Die Auswirkungen der Sars-CoV-2/Covid-19-Pandemie haben die Zahl der Hungernden ansteigen lassen. Die Welthungerhilfe sprach von einer "stillen Tragödie", die immer mehr in den Hintergrund rücke. Der Exekutivdirektor des World Food Programme warnte in einer medial wenig beachteten virtuellen Sitzung des UN-Sicherheitsrates vor einer "Hungerpandemie" im Schatten der Coronapandemie. Am 13. Juli 2020 verwiesen die Vereinten Nationen in ihrem Welternährungsbericht auf die drohende Zunahme der Zahl der Hungernden um 130 Millionen Menschen.

Entgegen der Dramatik der Lage berichtete die deutsche "Tagesschau" darüber in einem 35 Sekunden langen Beitrag. Der Bericht über die Auszeichnung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen mit dem Friedensnobelpreis am 9. Oktober 2020 wurde als letzter von insgesamt acht Beiträgen ausgestrahlt.

Es handelt sich hierbei um keinen Ausnahmefall, die Vernachlässigung des Themas hat Routine. Denn ebenso verhielt es sich bereits im Jahr 2011, als eine Hungersnot am Horn von Afrika in Somalia fast 260.000 Menschenleben forderte, unter denen die Hälfte Kinder unter fünf Jahren waren. In den wichtigsten Medien wie der "Tagesschau" wurde hierüber nur am Rande berichtet. Im kollektiven Gedächtnis des Westens ist dieses dramatische Ereignis nicht existent.

Nahezu jedem ist die Kernreaktorkatastrophe von Fukushima bekannt, die sich ebenfalls 2011 ereignete, aber kaum jemand verbindet mit diesem Jahr auch den Hungertod von über einer Viertelmillion Menschen am Horn von Afrika. Noch nie ist der globale Hunger in den politischen Talkshows wie "Anne Will","Hart aber Fair", "Maybrit Illner" oder "Maischberger" zum Diskussionsthema gemacht worden, obwohl jeden Tag Millionen von Menschen hiervon betroffen sind.

Der Hungertod von Tausenden Menschen täglich nicht berichtenswert?

Fast scheint es, dass der Hungertod von Tausenden Menschen, der sich tagtäglich ereignet, für alltäglich genommen wird und daher seinen Status als "berichtenswert" verloren hat. In der "Tagesschau" übertrifft die Sendezeit für Sportergebnisse diejenige für den Globalen Süden ohne die sogenannte MENA (Middle East &North Africa)-Region.

Wie eine Studie mit dem Titel "Vergessene Welten und blinde Flecken" zeigt, spielt der Globale Süden in sogenannten Leitmedien kontinuierlich eine sehr untergeordnete Rolle. Die fortgesetzte Langzeituntersuchung, die mittlerweile rund 5.500 Sendungen der "Tagesschau" aus den Jahren 2007 bis 2021 sowie andere sogenannte Leitmedien ausgewertet hat, gelangt zu dem Schluss, dass der Globale Süden in diesen massiv vernachlässigt wird.

Während der Coronapandemie ist der Globale Süden in der Aufmerksamkeit noch weiter in den Hintergrund gerückt. In den Jahren 2020 und 2021 berichtete die "Tagesschau" in lediglich etwa vier Prozent ihrer Sendezeit, die sich mit den Auswirkungen der Pandemie beschäftigte, über die Lage in den Ländern des Globalen Südens. Von den insgesamt 54 Staaten, die in der "Tagesschau" im Jahr 2021 kein einziges Mal erwähnt wurden, gehören 52 zum Globalen Süden.

Obwohl es nicht an negativen Ereignissen in Bezug auf die globale Hungersituation mangelte (so beispielsweise im Zusammenhang mit der katastrophalen Ernährungslage in Syrien, Afghanistan, Madagaskar oder im Jemen), schaffte es das Thema Hunger nicht in die Topmeldungen.

Die aktuelle Hungersituation ist zweifelsfrei besorgniserregend, aber besonders aufwühlend erscheint, dass es sich hierbei um ein durchaus lösbares Problem handelt. In der Tat bezeichnet das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Hunger als "das größte lösbare Problem der Welt". So gehen Schätzungen davon aus, dass die aktuellen Rekordernten ausreichen würden, um bis zu 14 Milliarden Menschen zu ernähren.

Die Kosten des größten lösbaren Problems der Welt

Die Berechnungen, wie viel Geld notwendig wäre, um den Hunger auf der Welt zu besiegen, divergieren und richten sich auch nach den jeweiligen konkreten Zielsetzungen.

Laut dem International Institute for Sustainable Development (IISD) werden global jährlich zwölf Milliarden Dollar zur Hungerbekämpfung ausgegeben. Zusätzliche 14 Milliarden Dollar pro Jahr könnten, so einer im Jahr 2020 vorgestellten Berechnung des kanadischen Instituts in Kooperation mit dem International Food Policy Research Institute (IFPRI) und der Cornell University zufolge, bis 2030 rund 500 Millionen Menschen aus Hunger und Fehlernährung befreien.

Der ehemalige deutsche Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der Hunger wiederholt als Mord bezeichnete, bezifferte die notwendige Summe zur Beendigung des Hungers bis zum Jahr 2030 auf 40 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Er machte deutlich, dass Hunger ein Skandal sei, da sowohl das Wissen wie auch die Technologie zur Verfügung stehen, um alle Menschen auf der Welt zu ernähren.

Mag diese Summe auch hoch erscheinen, verblasst sie doch neben den vom schwedischen Friedensforschungsinstitut SIPRI auf 1.984 Milliarden Dollar geschätzten globalen Militärausgaben im Jahr 2020. SIPRI wies darauf hin, dass die Ausgaben trotz Pandemie gegenüber dem Vorjahr um 64 Milliarden Dollar gestiegen sind und einen Höchststand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1988 markieren.

Die Medien könnten durch eine konsequente Berichterstattung das öffentliche Bewusstsein für die Problematik schärfen und sie in den Fokus des gesellschaftlichen Diskurses bringen. Denn wie lange könnte sich die internationale Politik der Lösung des "größten lösbaren Problems der Welt" verweigern, wenn der globale Hunger zu einem Topthema in den Medien und damit auch in der Öffentlichkeit gemacht werden würde? Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Geld uns eine Welt ohne Hunger wert ist. Es geht vor allem auch darum, wie viel unserer medialen Zeit und Aufmerksamkeit wir dafür einsetzen.

Die vollständige Studie "Vergessene Welten und blinde Flecken" über die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens, eine Videozusammenfassung, eine Unterschriftenpetition sowie Informationen zu einer auf der Untersuchung beruhenden Poster-Wanderausstellung können kostenlos eingesehen beziehungsweise heruntergeladen werden auf: WWW.IVR-HEIDELBERG.DE

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