Wir essen zu viel Fleisch

Das schadet unserer Gesundheit, unserer Lebenserwartung, dem Klima und den Tieren

TEXT: JOCHEN STADLER
vom 27.04.2022

Es gibt viele Menschen, die glauben, es sei ungesund, sich ohne Fleisch zu ernähren", sagt Martin Schlatzer vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) in Wien. "Wir essen in Österreich und den anderen Industriestaaten zwei Drittel mehr Fleisch, als es für die Gesundheit verträglich wäre. In Österreich rund 65 Kilogramm pro Person und Jahr. Weltweit sterben durch diese Art der Ernährung pro Jahr elf Millionen Menschen vorzeitig". Covid-19 verursachte 5,5 Millionen Todesfälle in zwei Jahren. "Es geht mir nicht darum, die Zahl der Covid-Toten zu relativieren, noch will ich die Ernährungsproblematik dramatisieren." Der Vergleich soll verständlich machen, warum Wissenschaftler*innen von einer "stillen Pandemie" sprechen, die eine auf tierische Lebensmittel ausgerichtete Ernährungsweise verursacht. "Fünf Millionen Menschen würden pro Jahr weniger sterben, wenn sie nur ein-bis zweimal pro Woche eine kleine Portion Fleisch oder Wurstprodukte konsumieren."

"Es gibt mittlerweile genügend harte Daten, die zeigen, dass ein hoher Fleischkonsum der Gesundheit nicht zuträglich ist", erklärt auch Kurt Widhalm, Leiter des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin (ÖAIE) in Wien. Er erhöht die Risiken und Fallzahlen der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, für erhöhten Blutdruck, Krebs und neurologische Probleme. "Studien zeigen, dass Menschen, die weniger Fleisch essen, eher nicht dazu neigen, dement zu werden."

Unser Fleischkonsum verstärkt auch den Klimawandel

Es ist mittlerweile auch unumstritten, dass die Fleischerzeugung maßgeblich zur globalen Erwärmung beiträgt. "Die Ernährung verursacht 25 bis 30 Prozent aller klimarelevanten Emissionen in Österreich", bezieht sich Schlatzer auf eine Studie von ihm. Rindfleisch verursacht pro Kilogramm Lebensmittel bis 30 Tonnen CO2, Schweinefleisch bis zehn Tonnen und Geflügel bis sieben Tonnen. Käse bis zu 13 Tonnen CO2 pro Kilogramm. Zum Vergleich: Bei Gemüse beträgt sie 0,2 Tonnen und bei Getreideprodukten 0,7 Tonnen pro Kilogramm.

Laut Berechnungen von Schlatzer und seinem Kollegen Thomas Lindenthal emittiert eine Person in Österreich durchschnittlich eineinhalb Tonnen CO2 pro Jahr durch fleischlastige Ernährung. Zwei Drittel weniger Fleisch und Wurst würde sie um 28 Prozent verringern, bei Bio-Kost sogar um 41 Prozent. "Biologische Landwirtschaft bewirkt bei den meisten Lebensmitteln eine Reduktion der Treibhausgasemissionen pro Kilogramm Produkt vor allem durch das Verbot, chemisch-synthetischen Stickstoffdünger einzusetzen", erklärt Schlatzer. Eine vegetarische Kost ohne Verzicht auf Milchprodukte und Eier verursacht halb so viel Emissionen wie die derzeitige Ernährung, vegane Kost aus Bio-Anbau um 76 Prozent weniger. Auch der in Österreich exzessive Landverbrauch würde durch eine fleischärmere Ernährung eingedämmt. Derzeit nimmt jede Person für ihre Ernährung 1.832 Quadratmeter bewirtschaftete Fläche in Anspruch. Bei einer fleischreduzierten Kost wären es 1.266 Quadratmeter, bei vegetarischer 1.069, bei Veganismus 629. Damit würden in Österreich Flächen für naturnahe Strukturen wie Wälder, Wildstreifen und Erholungsgebiete frei. Widhalm verweist auf Daten aus der EAT-Lancet-Studie (siehe Seite 8), die zeigen, dass auch der Wasserverbrauch gesenkt würde. Da in Zukunft sauberes Trink-und Nutzwasser immer kostbarer wird (siehe Seite 7), wäre dies ein weiterer immenser Vorteil einer vorwiegend pflanzenbasierten Kost.

"Tierische Nebenprodukte" sind insgesamt nur nebensächlich

Nebst Fleisch, Milch und Eiern gewinnen die Menschen aus der Tierzucht auch noch sogenannte tierische Nebenprodukte: Leder für Schuhe und Kleidung, Knochen und Knorpeln (etwa von Ohren und Schweinsrüsseln) für Gelatine und Tiernahrung, Horn aus Hufen und Schweineborsten für Bürsten. Gelatine findet sich unter anderem in Gummibärchen und Tortentoppings, in Medikamentenkapseln, Shampoos und sogar auf Fotopapier wieder.

"Für Österreich und Länder des Globalen Nordens würde ich ausschließen, dass ein relevanter Teil der Tiere für solche Nebenprodukte gehalten wird", erklärt Stefan Hörtenhuber vom Institut für Nutztierwissenschaften der BOKU Wien. Daten darüber ließen sich kaum finden. Auch im Rest der Welt würde Vieh "entweder primär als Nahrungsquelle genutzt", teils als Hobby gezüchtet oder aus traditionellen bis religiösen Gründen ohne direkte Verwendung gehalten.

"Das Anfallen von Nebenprodukten wirft je nach Tierart und Region durchaus einen finanziellen Beitrag ab, der die Erzeugung billiger tierischer Nahrung stützen kann", sagt Hörtenhuber. Sie erhöhen also die Gewinnmargen der Tierhaltung für Nahrungsmittel, machen sie teilweise vielleicht erst rentabel. "Den Nebenprodukten bis hin zu Schlachtabfällen kann man wohl nur einen recht kleinen Beitrag an den CO2-Äquivalenten zuschreiben. Die weitaus größeren Umweltwirkungen kommen von Fleisch, Milch und Eiern."

Tiere sind fühlende Lebewesen mit dem Vermögen zu leiden, mit Gerechtigkeitsempfinden und Empathie. Das haben in den vergangenen Jahrzehnten Forscher wie der niederländische Biologe Frans de Waal nachgewiesen. So ist vor allem die Massentierhaltung ethisch immer eine Gratwanderung zwischen Tierleid und Nutzen für Menschen. Selbst in reichen, prinzipiell sehr gut regulierten Industrieländern wie Österreich kommt es zu Skandalen, die zeigen, dass Tierwohl meist nebensächlich ist. So lässt sich die intensive Tierhaltung ethisch kaum rechtfertigen. Auch wenn die offiziellen Regularien eingehalten werden, kann man kaum von "Tierwohl" sprechen, wenn etwa einem Schwein laut EU-Vorgabe 0,65 Quadratmeter Stallboden zustehen und die Tiere nie Sonnenlicht sehen.

Als Alternative werden von der Wissenschaft Retortenfleisch aus dem Labor und Insekten als Nahrung für Menschen genannt (siehe Seite 9)."Ich glaube aber, dass die Hemmschwelle bei beidem sehr hoch ist", meint Martin Schlatzer. Fleisch aus dem Labor sei "eher negativ assoziiert". Man hätte wohl sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, damit es in Europa in nennenswerten Mengen akzeptiert wird. Außerdem müsste man sich bei Herstellung in größerem Maßstab "die Ökobilanz genauer anschauen". Derzeit sei die Fleischzucht im Reagenzglas noch sehr energieintensiv.

Als Positiva nennt er, dass man Retortenfleisch "gesundheitlich verträglicher" gestalten könnte als herkömmliches und die Gefahr von Pandemien durch von Tier auf Mensch übertragbare Erkrankungen reduziert wird. Außerdem gäbe es bei "Fleisch aus der Laborschale" kein Tierleid, denn es werden dazu lediglich einzelne tierische Stammzellen verwendet.

Soziale Normen verhindern eine vernünftige Ernährung

Wenn es sich um eine fleischreduzierte "flexitarische", eine ovo-lakto-vegetarische oder vegane Ernährung handelt (und wenn das Fleisch aus dem Labor kommt), sprechen Expert*innen von einer Gewinnsituation in dreifacher Hinsicht: für das Klima, die Gesundheit und das Tierwohl. Man kann also zu diesen drei Bereichen etwas Positives beitragen, indem man einfach deutlich weniger Fleisch isst. Die stark reduzierten Fleischportionen auf unseren Tellern sollten außerdem aus weniger intensiver Landwirtschaft stammen. Noch ist nicht eindeutig bewiesen, dass Bio-Produkte wirklich gesünder für die Konsument*innen sind, für das Klima, die Umwelt und das Tierwohl sind die Vorteile von Biolandbau jedoch belegt.

Doch wie bringt man österreichische Schweins-Cordon-Bleu-Aficionados dazu, auf Zellerschnitzel umzusteigen? "Bei der Umstellung auf klimafreundliche Ernährung sind sie sozialen Normen der wichtigste Faktor", erklärt Sibel Eker vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg in einer Studie. Ist es in einer Gesellschaft wie der österreichischen üblich, oft Fleisch zu essen, werden es die meisten tun. Ist es verpönt, machen es die wenigsten. Es bräuchte eine Trendwende der sozialen Normen. Wer diese bewerkstelligen kann? Am schnellsten junge Leute und hier vor allem Frauen, erklärt uns die Forschung.

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