: FREIHANDBIBLIOTHEK

BUCHEMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

vom 18.05.2022

Beim Nürnberger Prozess spielten die Richter nicht mit

Der Nürnberger Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof 1945/46 ging in die Geschichte ein. Der amerikanische Hauptankläger Robert Jackson wollte Verbrechen gegen den Frieden bestraft sehen. Dass die drei westlichen Richter mit ihrer Mehrheit gegenüber dem sowjetischen Mitglied aus dem Prozess etwas ganz anderes, nämlich einen Mordprozess, gemacht hatten, wurde erst erkennbar, als die Strafen verkündet wurden. Butterweck weist nach, dass mit einer Ausnahme ausschließlich die Schuld oder Mitschuld am Tod von Menschen über die Strafen entschied.

Hellmut Butterweck: Der Nürnberger Prozess, Czernin Verlag, 2022

Eine weitgehend Unbekannte mit imponierender Persönlichkeit

Die 1892 geborene Bibiana Amon wird als Kind sexuell missbraucht, ihre frühen Versuche, traditionelle Rollenklischees zu durchbrechen, gelingen nur ansatzweise. Für Egon Schiele steht sie Modell, mit Anton Kuh ist sie verlobt, mit Peter Altenberg reist sie nach Venedig, bei Franz Werfel taucht sie als Romanfigur auf, 1939 veröffentlicht sie in Paris den Roman "Barrières". Die akribische Recherche Walter Schüblers verdichtet die bruchstückhaften biografischen Quellen zu der weitgehend Unbekannten zum Bild einer imponierenden Persönlichkeit.

Walter Schübler: Bibiana Amon. Eine Spurensuche, Edition Atelier, 2022

Handke denkt über Einsamkeit und Schönheit nach sowie über gerade entstehende Bücher

Eine Erinnerung des Vierundsiebzigjährigen steht am Anfang: "Der Dreikönigstag, das Fest der Epiphanie heute, als der Tag der Besinnung, an die winterliche Rückkehr vom Dorf seinerzeit, vor über sechzig Jahren, in die Fremde der Fremden, des Internats; verzehrt von Heimweh?" Handke denkt über Einsamkeit und Schönheit nach sowie über gerade im Entstehen begriffene Bücher. Und liest seine Hausgötter: Tolstoi, Goethe, Stifter, Doderer oder die Apostelgeschichte. Einer der "inneren Dialoge":"Der Butz in dem Rinnstein da, bist das du?" - "Ja!"

Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern. 2016-2021, Jung und Jung, 2022

Warum sind große Werke näher an schlechten als routinierte Kunst?

Ende 2014 fragt die in Paris lebende Autorin und Übersetzerin Anne Weber ihren Wiener Kollegen Thomas Stangl: "Warum ist gute -große -Literatur oft näher an der schlechten, misslungenen als an der soliden, perfekten, routinierten?" Inwiefern gute oder schlechte Literatur für die Leser*innen eine Rolle spielt, ist nur eine der Fragen des über sechs Jahre andauernden Briefwechsels. Eine andere: Ist Kunst eine Frage der Moral, der Form oder ist ihr zentrales Element ein Geheimnis? Selbstredend geht es auch um der beiden Autoren eigene und fremde Bücher.

Thomas Stangl, Anne Weber: Über gute und böse Literatur, Matthes &Seitz, 2022

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