Drei Prozent von Österreich...

sollen laut Plan wieder Wildnis werden. Gegenwärtig halten wir bei 0,03 Prozent

TEXT: LISA SCHÖTTEL
vom 18.05.2022

Wilde Konik-Pferde auf Wiesen, Seeadler am Himmel und Damwild in Wäldern: In der Region Flevoland, nur zwei Stunden von Amsterdam entfernt, liegt das größte von Menschen geschaffene Wildnisentwicklungsgebiet Europas: Oostvaardersplassen. Der Landstrich, mühsam dem Meer abgerungen, war für industrielle Zwecke bestimmt. Stattdessen überzeugten Biolog*innen die niederländische Regierung, auf den 5.000 Hektar Neuland eine Wildnis entstehen zu lassen, wo Natur vom Menschen unbeeinflusst wieder ihren Lauf nehmen kann.

Das Projekt wurde stark diskutiert, hat die Natur doch ihre eigenen Launen: Ein harscher Winter führte zu Nahrungsknappheit, plötzlich tauchten in den Medien Bilder von verhungerten Tieren auf. Typisch Wildnis. Doch die niederländische Regierung zog die Reißleine, beschloss eine Obergrenze von 1.500 Stück großer Weidetiere und schuf weitere Wald-und Sumpfgebiete, damit die Tiere mehr Schutz finden. Manch einer spricht davon, dass der Traum von der sich selbst regulierenden Wildnis durch das Experiment in den Niederlanden zu Grabe getragen wurde. Das Projekt setzte aber in ganz Europa eine "Rewilding"-Bewegung in Gang mit der Idee, Europa wieder wilder zu machen.

Die Wildnisidee aus dem Wilden Westen

Ihren Ursprung hat die Wildnisidee in Nordamerika: Während spanische und englische Eroberer das Bild des "Wilden Westens" kreierten, entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine Art Gegenbewegung zum Schutz der Wildnis. Diese führte 1924 zur Einrichtung des ersten Wildnisgebiets in den USA, 1964 wurde mit dem "Wilderness Act" die gesetzliche Grundlage eines nationalen Wildnisprogramms geschaffen. Mittlerweile erstreckt sich das Wildnisgebiet auf eine Gesamtfläche von 43,8 Millionen Hektar (fünfmal die Fläche Österreichs).

Trotzdem, so Biodiversitäts-und Landnutzungsexperte Christoph Plutzar, sei der Begriff "Wildnis" mehr ein Konzept als ein allgemeingültiger Begriff: "Was Wildnis ist und was nicht, ist sehr subjektiv -oder wie der US-Historiker Roderick Nash meinte: "Des einen Wildnis ist des anderen Picknickplatz neben der Straße."

In den 1970er-Jahren ist im englischsprachigen Raum die Idee vom "Wilderness Continuum" aufgekommen. "Die Frage, ob etwas Wildnis ist, ist demnach keine Ja-/Nein-Entscheidung, sondern in einem Kontinuum zu betrachten. Das Zentrum einer Stadt gilt nicht als Wildnis. Doch je kontinuierlicher der menschliche Einfluss abnimmt, umso mehr erreiche ich einen wildnishaften Zustand", erklärt Plutzar das Konzept. In Europa und Österreich spreche man daher weitgehend von "Wildland" statt von "echter Wildnis"."Die Idee von Wildnis als unberührtem Land ist ohnehin irreführend. In Europa gibt es keinen Flecken, der vom Menschen unberührt ist, und sei es über die Immissionen durch den Regen", erklärt er. Die Idee der Wildnis sei mehr Botschaft als Realität, meint Thomas Wrbka, Professor für Botanik und Biodiversität an der Universität Wien: "Wir wissen, wir haben zu wenig Natur und daher ein großes Artensterben. Um der Natur wieder Raum zu geben, ist das Konstrukt Wildnis eine Möglichkeit."

Mit Rewilding Europe kommen die Bisons zurück

Der Natur mehr Raum zu geben, hat sich die Initiative "Rewilding Europe" zum Ziel gesetzt, eine 2011 in den Niederlanden gegründete Non-Profit-Organisation. Bis 2030 soll die Anzahl der verwilderten Landschaften in Europa von zehn auf 15 wachsen und auf insgesamt 500.000 Hektar aktives "Rewilding" kommen. Fabien Quétier, Ökologe und Head of Landscapes bei Rewilding Europe: "Wir helfen dabei, bestimmte Landschaftsareale wieder wilder werden zu lassen und Ökosysteme zu erstellen, die sich weitgehend frei von menschlichen Eingriffen selbst regulieren."

Gleichzeitig möchte man bei allen "Rewilding-Projekten" auch die lokale Bevölkerung miteinbinden und so strukturschwache Regionen durch Umweltschutz und Naturtourismus stärken. "Uns ist es wichtig, das Konzept von Wildnis als etwas Positives in den Köpfen der Menschen zu etablieren", erklärt Quétier. So erzählt er vom Zentralapennin in Italien, wo die NGO sogenannte Bear Smart Communities errichtete. "Der Braunbär breitete sich immer weiter über die Grenzen der Nationalparks aus", erzählt Quétier. "Darum versuchen wir den Menschen zu vermitteln, wie sie mit den Bären im Einklang leben und von deren Existenz profitieren können."

Durch "Rewilding"-Bemühungen habe man es außerdem geschafft, dass erstmals seit dem Mittelalter hundert europäische Bisons frei durch die Südkarpaten in Rumänien wandern. Das locke den Naturtourismus in diese Regionen. "Die Menschen merken, dass sie für Safaris nicht mehr weit reisen müssen, sondern dass es auch in Europa faszinierende Wildnisgebiete zu besichtigen gibt", sagt Quétier.

Nicht immer passiert das Erwünschte

Manchmal birgt das Konzept von "Rewilding" auch praktische Probleme, erklärt Thomas Wrbka: "Der Klimawandel schafft neue Rahmenbedingungen. Wir beobachten aber auch das Problem der invasiven Arten: Wenn man eine Fläche völlig außer Nutzung stellt und sich selbst überlässt, können bestimmte Arten in diesem Gebiet dominant werden." Wo sich Wildnis hinentwickle, sei nicht immer planbar. Er sehe das Konzept von "Rewilding" eher funktional. "Wichtig ist der sogenannte Prozessschutz, also das Zulassen eines natürlichen Gestaltungsprozesses der jeweiligen Landschaft, indem die menschliche Nutzung auf null reduziert wird." Als Beispiel nennt er die Donau und die Donauauen: "Mittlerweile hat man die Abdämmungen der Seitenarme der Donau zurückgebaut, damit bei Hochwasser einströmendes Wasser die Auen wieder gestalten kann."

Prozessschutz bedeute auch, Muren und Lawinen im Gebirge zu tolerieren und Wildtieren Platz zu geben. "In diesem Zusammenhang ist der Wolf ein wichtiges Beispiel, weil er für natürliche Verhaltensweisen bei Wildtierarten sorgt. Im Nationalpark Yellowstone wanderten durch die Ausrottung des Wolfes Bisons weniger und überweideten Flächen. Erst als der Wolf wieder im Park auftauchte, konnte das System in ein natürliches Gleichgewicht gebracht werden."(Siehe auch Seite 18.)

Die geplanten "Rewilding"-Projekte in Österreich

Im dicht besiedelten Europa ist nur ein Prozent der Landfläche geschützte Wildnis -in Österreich sind es nur mehr 0,03 Prozent. Dazu gehören das Wildnisgebiet Dürrenstein und die Sulzbachtäler im Nationalpark Hohe Tauern. Die nationale Biodiversitätsstrategie 2030+ sieht vor, drei Prozent der Fläche in Österreich für komplett wildnishafte Entwicklung zu schaffen und zehn Prozent der Fläche unter Schutz zu stellen.

Die Schutzziele orientieren sich dabei an den IUCN-Kategorien: Ia gilt als strenges Naturreservat, Ib als Wildnisgebiet mit reguliertem öffentlichen Zugang. "Durch die vielen Bergregionen gibt es in Österreich ein enormes Potenzial für neue Wildnisgebiete", bestätigt auch Christoph Plutzar. Das Karwendelgebirge und das Tote Gebirge seien immer wieder im Gespräch.

Allerdings werde dieses Thema auch politisch heiß diskutiert. "Die Frage nach Wildnis ist stark mit Eigentumsrecht und Nutzungsrecht verbunden", erklärt Plutzar. "Wenn Wildnis die Aufgabe von Nutzung bedeutet, dann hat das natürlich enorme Konsequenzen für die Menschen vor Ort, die von der Fläche leben müssen." Die Zugänge zu diesen neuen Wildnisgebieten müssten auch gesellschaftlich neu ausverhandelt werden.

"Die Sulzbachtäler liegen teils so abgelegen, dass es schwierig ist, diese zu betreten, dort kommen nicht viele Tourist*innen hin. In den amerikanischen Wildnisgebieten wiederum gilt eine strenge ,Leave no trace'-Regel."

Es brauche also auch hier klare Regeln, wie mit diesen Gebieten umgegangen werde. Trotz dieser Fragen, so Thomas Wrbka, müsse man die Ziele für neue Wildnisgebiete schnellstmöglich umsetzen. "Nur so können wir die Diversitätskrise ernsthaft bekämpfen."

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