: WAS AM ENDE BLEIBT

Europuher

vom 18.05.2022

Als Mitte der 1980er-Jahre der letzte deutsche Baum starb, war man in mitteleuropäischen Breiten entsetzt. "No, apocalypse -not now!" hieß die Losung. Ewiger Friede sollte herrschen, nie wieder Krieg, die Wiesen sollten lachen. Pazifismus, das galt auch für die Natur. Au-und Baummördern wurde der Kampf angesagt.

Ein Land wie die Ukraine gab es damals nicht. Erst mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl tauchte es in der westlichen Wahrnehmung auf, um sogleich wieder vergessen zu werden. Die Politik der Gefühle fand in diesem Teil der Sowjetunion bestenfalls Bestätigung. Auch der Fall des Eisernen Vorhangs änderte daran nichts. Kiew blieb selbst für sogenannte Russland-Experten bloß drittgrößte Stadt "Russlands", ein "vergessenes Territorium" laut dem ukrainischen Autor Juri Andruchowytsch. Das flächenmäßig größte Land Europas: Heimat von Oligarchen und Korruption, Billigpreisland und Imperium der Arbeitsemigration nach Ost und West.

Ukraine-Reisende wunderten sich über ein Kaiser-Franz-Joseph-Denkmal in Czernowitz und eines für Katharina die Große im einst von ihr eroberten Odessa. Kommunistische Denkmäler wurden gestürzt und durch Sympathisanten der Nazis ersetzt. Symbolpolitik vor Sonnenblumenfeldern, woran die "orangene Revolution" nichts und die "Revolution der Würde" 2013/14 einiges änderte. Die Annexion der Krim durch Russland in der Folge wurde fast als Selbstverständlichkeit hingenommen.

Seit Beginn des von Russland entfachten Kriegs scheint alles anders: Die Ukraine ist Zentrum Europas. Trotz anfänglicher Orientierungsprobleme waren gewohnte Gefühlparadigmen umzukehren. Was bedeutet es aber, wenn über die Vernichtung von Mariupol gesagt wird, im Zentrum Europas herrsche Krieg; wenn angesichts der Bilder von Zerstörung und Kriegsverbrechen von "Genozid" die Rede ist? Die Hochrüstung der Worte macht überzeugte Pazifisten zu Befürwortern von Waffenlieferungen -wer versucht, dagegen zu argumentieren, wird als "Putin-Versteher" denunziert. So sehr Politiker*innen auch beteuern, man wolle nicht in den Krieg hineingezogen werden - längst ist das Gegenteil der Fall. Ist es möglich, dass trotz aller Hilfsbereitschaft die Ukraine abermals vergessen wird? Eines ist klar: Europa will lachende Wiesen.

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