Schottland soll auch Urwald werden

Nach Jahrhunderten der Abholzung führen Klimawandel und Profitinteressen zu Aufforstungen

TEXT: WERNER STURMBERGER
vom 18.05.2022

Saftige grüne Wiesen, die sich über die sanften Hügel des Hochlands legen. Nur Schafherden, die sich wie weiße Farbtupfen auf einer Leinwand ausnehmen, die grauen Bänder der Steinmauern und das Glitzern eines Flusses durchbrechen hier und da diesen Eindruck. "Die Highlands sind natürlich sehr schön anzusehen, man darf dabei aber nicht vergessen, dass es sich um eine vom Menschen geschaffene Landschaft handelt", erklärt Hubert Hasenauer, Professor für Waldbau an der BOKU Wien.

Noch vor rund 10.000 Jahren überzog der Kaledonische Urwald, abgesehen von einzelnen Bergspitzen, die gesamte Insel. Die Besiedelung Britanniens sollte das drastisch ändern. Die stetig wachsende Bevölkerung brauchte Ackerflächen und Brennmaterial, Balken, um Stollen abzustützen, Bretter für die Errichtung von Gebäuden und Planken für die Schifffahrt. Die Industrialisierung sollte zum finalen Sargnagel für Schottlands Wälder werden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sank die Waldfläche auf rund fünf Prozent. Vom ursprünglichen Urwald blieb nur etwa ein Prozent erhalten - das entspricht der gemeinsamen Fläche von Wien, Graz, St. Pölten und Klagenfurt.

Schottland 1919: Beginn der größten Aufforstung Europas

Aktuell verfügt Schottland über knapp zwanzig Prozent Waldfläche. Der Weg dahin war allerdings weit. Mit den erzwungenen "Highland Clearances" kam es zu einem Exodus, der aber keine natürliche Aufforstung nach sich zog. Kleine Farmen wurden geräumt, um große Viehzuchtbetriebe für die Versorgung der Tuchfabriken in Manchester mit Wolle etablieren zu können. Als diese unrentabel wurden, wurden sie von wohlhabenden Adeligen für die Jagd adaptiert. Schaf-, Ziegenherden und Rotwild ließen den Baumsprösslingen keine Chance. Die Highlands blieben kahl.

Das sollte im Ersten Weltkrieg zum Problem werden, nachdem beinahe alle Holzvorräte aufgebraucht worden waren. Die Reaktion darauf war 1919 die Gründung einer Forstbehörde als Auftakt zur größten Aufforstung in Europa. Intensivieren sollten sich diese Bemühungen aber erst Mitte des Jahrhunderts, um die Abhängigkeit von Holzimporten (Großbritannien ist hinter China der größte Holzimporteur) und ländliche Arbeitslosigkeit zu verringern. "In den entlegenen Gebieten Schottlands herrscht oft auch große Armut. Die Aufforstung sollte Einkommensmöglichkeiten für die Landbevölkerung schaffen", sagt Hasenauer.

So entstanden vor allem in den 1960erund 1970er-Jahren riesige Fichtenmonokulturen. "Durch die Seefahrt sammelten die Kolonialmächte Erfahrungen mit anderen Regionen der Welt und deren Vegetation. Man begann darum schon früh damit, mit schnell wachsenden Hölzern anderer Regionen aufzuforsten. In Schottland etwa mit der amerikanischen Sitka-Fichte, die dort sehr gute Wachstumsbedingungen vorfindet."

In Schottland soll künftig neuer Urwald entstehen

Unter der Regierung Thatcher wurden die Aufforstungsbemühungen mittels Steuererleichterungen und Subventionen weitgehend privatisiert: Aufforstungen wurden so rentabel, dass dafür Moore trockengelegt wurden: "Aus ökonomischer wie aus ökologischer Sicht sind diese Aufforstungen differenziert zu betrachten. Die Fichte braucht gut durchlüftete Böden, Staunässe verträgt sie nicht, wenngleich die Sitka-Fichte im Gegensatz zur heimischen Fichte nicht rotfäuleanfällig ist. Trockengelegte Moore sind für die Land-und Forstwirtschaft eher nicht geeignet." Zudem setzt die Trockenlegung von Torfmooren gigantische Mengen CO2 und das noch klimaschädlichere Lachgas (N 2 O) frei. Ein Hektar Moor speichert etwa 700 Tonnen Kohlensoff, rund sechsmal so viel wie ein Hektar Wald.

Die Kritik an dieser Praxis und der Politik, die sie hervorbrachte, wurde Ende der 1980er-Jahre zunehmend lauter. Die Regierung sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, lukrative Anlagemöglichkeiten für Reiche auf Kosten der Allgemeinheit und des Ökosystems zu schaffen. Die Monokulturen führten zur Zerstörung natürlicher Habitate und damit zu weniger Artenvielfalt. Die Debatte führte zu einem Umdenken der staatlichen Politik und verankerte den Kaledonischen Urwald als ein Naturdenkmal im öffentlichen Bewusstsein.

Mehrere Projekte versuchten fortan, die verbliebenen Gebiete zu schützen und sogar neue Urwälder zu pflanzen. "Trees for Life" kann als eines der ambitioniertesten gelten: Auf einer 25.000 Hektar großen Fläche sollen in den nächsten 250 Jahren heimische Baumarten wie Birken, Eschen, Eichen, Eiben, Wacholder, Espen und Kiefern zum Urwald von morgen heranwachsen.

Für die Sitka-Fichte ist dort allerdings kein Platz. Der Großteil aller Neupflanzungen entfällt dennoch auf sie, denn für die Forstwirtschaft ist sie unverzichtbar. Auch hier hat ein Umdenken eingesetzt: Die Forstbehörde setzt mittlerweile auf vielfältigere Wälder: Neben den Fichten sollen zunehmend auch heimische Laubbaumarten gepflanzt werden und Lichtungen erhalten bleiben. Schließlich trägt auch die Heidelandschaft der Highlands zur Artenvielfalt bei. Anfang der 2000er-Jahre begann man zudem damit, trockengelegte Moore zu renaturieren.

Die schottischen Forstbetriebe tragen diese Ziele mit, weiß Hasenauer aus seiner Erfahrung mit diesen: "Man will nicht mehr nur Wälder, in denen die Fichten in Reih und Glied stehen. Es geht darum, eine bessere Artenvielfalt zu etablieren und die Waldpflege zu verbessern. Das hat natürlich auch ökonomische Gründe, weil sich so das Betriebsrisiko minimieren lässt." Damit das klappt, berät Hasenauer schottische Forstbetriebe: "Das ist natürlich auch ein Lernprozess. Man hat noch wenig Erfahrungen mit Naturverjüngung und Durchforstungen."

Wald: Brückentechnologie und Investition für Reiche

Mit dem Klimawandel wurde auch die Debatte um Schottlands Aufforstung um eine Facette reicher: "Der Wald lässt sich quasi als Brückentechnologie nutzen: Irgendwann stirbt ein Baum und setzt das gespeicherte CO2 frei. Das dauert aber, und das verschafft mir Zeit, CO2-neutrale Technologien zu entwickeln und einzusetzen", so Hasenauer. Dafür braucht es aber Flächen, die aufgeforstet werden können. Während Österreich rund zur Hälfte bewaldet ist, gibt es in Schottland noch riesige waldlose Gebiete: 2018 übertraf man mit 11.200 Hektar Neupflanzungen sogar die eigenen Ziele. Damit kamen 84 Prozent aller in Großbritannien gepflanzten Bäume in schottische Erde. Ab 2024 sollen jährlich 15.000 Hektar Wald, rund 33 Millionen Bäume, hinzukommen. Bis 2031 will man eine Bewaldung von 21 Prozent erreichen.

Allein die Hauptstadt Glasgow will in den nächsten zehn Jahren 18 Millionen Bäume pflanzen, um den urbanen CO2-Ausstoß zu kompensieren. Auch einzelne Unternehmen kaufen bereits Flächen für die Kompensation ihrer Emissionen an. Aktuell scheinen die Neupflanzungen nicht mit dem steigenden Interesse an Wald Schritt halten zu können. Die Grundstückspreise für Aufforstungsprojekte steigen, bestehende Wälder gewinnen durch Steuervorteile und Subventionen stetig an Wert.

Investitionen zur Bekämpfung des Klimawandels könnten so dazu führen, Landbesitz in noch weniger Händen als bisher zu konzentrieren. 2019 besaßen 87 juristische Personen (Privatbesitzer, staatliche und wohltätige Organisationen) 1,7 Millionen Hektar Landfläche, mehr als ein Fünftel Schottlands. Für die ansässige Bevölkerung wird es unleistbar, lokale Forstbestände aufzukaufen und kleinteilige Besitzstrukturen zu schaffen.

Wie sich die Bekämpfung des Klimawandels auf den Wald, seine Bewirtschaftung und die dahinterstehen Besitzverhältnisse auswirken wird, ist indes noch offen. Genau wie in Österreich und der gesamten EU sucht man auch in Schottland nach Lösungen, um Rechtssicherheit für die Kompensation von CO2-Emissionen zu schaffen. Klar scheint nur, je heißer es für den Wald wird, desto hitziger werden auch Debatten um diesen. Schließlich gilt es einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen -Holzlieferant, CO2-Kompensator, Erholungsraum, Ökologie -zu finden.

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