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Wie man Rotkehlchen glücklich macht

Mit Animal-Aided Design sollen Wildtiere ein Zuhause in der Stadt finden

CHRISTINA RADEMACHER
vom 18.05.2022

Was haben Braunbrustigel, Breitflügelfledermaus und Bergmolch gemeinsam? Es sind Wildtiere, die auch in der Stadt leben können, wenn man sie denn lässt. Doch weil wir immer mehr Wohnraum beanspruchen, weil unsere Städte immer voller und zugleich aufgeräumter werden, haben Tiere dort immer weniger Platz.

Aus Grünspecht-Bruthöhlen in alten Bäumen und Igelquartieren in Reisighaufen werden Mehrfamilienhäuser aus Ziegel und Beton, in denen sich kein Unterschlupf mehr findet. Das ist auch schlecht für die Menschen, die auf dem Balkon dann keine Kohlmeisen mehr, sondern nur noch Autos hören und vom Lärm der Zivilisation gestresst sind, statt sich in unmittelbarem Kontakt zu wildlebenden Tieren entspannen zu können. Wie also schaffen wir es, zumindest ein bisschen Wildnis in unseren wild wachsenden Städten zu erleben?

Mehr Lebensqualität für Wildtiere und Menschen in der Stadt

Animal-Aided Design heißt eine Methode, die der Biologe Wolfgang W. Weisser und der Landschaftsarchitekt Thomas E. Hauck dafür entwickelt und schon in einigen Projekten in Städten wie München und Hamburg angewendet haben. Ihr Ziel ist es, den Schutz und die Förderung von wild lebenden Tieren mit der Stadtplanung in Einklang zu bringen -sei es bei neu entstehenden Wohnanlagen, sei es bei Sanierungen von Gebäuden oder in Parks.

"Bislang haben wir die Tiere in unseren Planungsprozessen ignoriert. Deshalb weiß man auch erstaunlich wenig darüber, warum hier eine Amsel vorkommt und dort nicht. In einer zunehmend verdichteten Stadt können wir uns aber nicht mehr darauf verlassen, dass die Tiere einfach da sind. Wenn wir nicht für die Tiere planen, dann planen wir extrem gegen sie", sagt Wolfgang Weisser, der den Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TU München leitet. Dabei könnten in der Stadt viel mehr Arten leben, als man denkt. "Wo es auch nur den kleinsten Strauch gibt, hat man schon Tiere. Wir können durch unsere Gestaltung unglaublich viel beeinflussen."

Doch es geht nicht nur um den Schutz der Arten, die bereits in der Stadt leben, sondern auch um jene, die in der Stadt leben könnten. "Es ist eine Methode, die den Naturschutz ergänzt", erklärt Thomas Hauck, Professor für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TU Wien. Wenn eine Fläche bebaut wird, herrschen dort hinterher ja oft ganz andere Standortbedingungen als vorher. Was beispielsweise die Feldlerche zum Leben braucht, findet sie nicht mehr, nachdem die Äcker bebaut wurden. Aber der neue Ort lässt sich zumindest so gestalten, dass möglichst viele vorhandene und auch neue Arten dort einen Lebensraum finden. "Animal-Aided Design erlaubt uns zu sagen, dass wir gerne Rotkehlchen hätten. Wir fragen uns, was wir tun müssen, damit ein Rotkehlchen bei uns glücklich ist", sagt Weisser.

Für das Glück von Rotkehlchen und anderen Wildtieren definieren die Wissenschaftler Zielarten und schauen sich deren Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod an. "Wie der Mensch braucht der Vogel Platz zum Wohnen, Nahrung und eine Möglichkeit, über den Winter zu kommen. Die meisten Tiere bleiben ja auch über den Winter bei uns. Wenn etwa die Raupe eines Schmetterlings im Boden oder an einer Pflanze überwintert, darf man die Pflanze nicht schneiden, bis die Raupe geschlüpft ist", erklärt der Biologe. Genau das Grün für eine neue Wohnanlage auszusuchen, das bestimmte Arten brauchen, sei ein Riesenfortschritt im Vergleich dazu, einfach Kirschlorbeer im Baumarkt zu kaufen.

Glasfassaden töten 100 Millionen Vögel jährlich in Deutschland

Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung erklärt, dass durch die Verwendung großer Glasscheiben etwa 100 Millionen Vögel pro Jahr in Deutschland sterben. Ein architektonischer Entwurf ohne solche Gefährdungen sei die notwendige Voraussetzung für Animal-Aided Design, sagt Hauck. "Wir können ja nicht die Tiere anlocken und gleichzeitig in den Tod treiben." Gruben wie Kellerschächte, aus denen ein Frosch nicht wieder herauskommt, sind daher ebenso tabu wie das Fällen alter Bäume.

Auf diese Weise wachse auch auf der menschlichen Seite etwas, das Hauck Umweltgerechtigkeit nennt. Denn wenn wir die Städte immer weiter verdichten, hätten Menschen, die aus körperlichen oder finanziellen Gründen nicht hinaus in die Wildnis eines Nationalparks fahren können, keine Möglichkeit mehr, Natur zu erleben. "Doch auch diese Menschen haben ein Recht darauf, Vögel singen zu hören."

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