KOMMENTAR

Argumente muss man auch wollen

vom 08.06.2022

Das Vertrauen in die Wissenschaften gerät in die Krise, sobald der ihr zugrunde liegende "rationale Diskurs", die Argumentation, an Stellenwert verliert. Dies geschieht, wenn Argumentation die Chance einbüßt, überhaupt stattfinden zu können. Die jüngst erlebten Debatten rund um die Corona-Pandemie illustrieren, was gemeint ist: Je länger und je heftiger sie ausfielen, desto öfter wurde der Punkt erreicht, an dem die meisten Beteiligten wussten, dass Argumentieren nun keinen Sinn mehr mache, dass vielmehr die Stunde der blanken Emotionen geschlagen habe. Die besseren Argumente schienen nicht nur abhanden gekommen zu sein, es gab sie schlicht nicht mehr, ja es konnte sie gar nicht mehr geben. Nur noch entschlossenes Schweigen legte sich nahe, um derartigen Auseinandersetzungen zu entrinnen.

Dass an diesem Punkt gerade auch die Wissenschaften nur mehr wenig zu melden hatten, kann nicht überraschen. Zum einen vermochten sie nicht den Eindruck zu zerstreuen, dass die Ergebnisse ihrer Argumentationen auf schwachen Beinen standen. Für die Wissenschaften lag dies in der Sache begründet, mussten sie doch immer wieder eingestehen, nichts Verlässlicheres sagen, sondern "nur" Vermutungen oder Wahrscheinlichkeiten in Anspruch nehmen zu können. Angesichts der Erwartungen, die seitens der Öffentlichkeit in sie gesetzt wurden, war dies entschieden zu wenig, kam jedenfalls nicht gut an. Zum anderen standen plötzlich wissenschaftliche Prognosen als Gewissheiten im Raum, die nicht auf objektivierbaren Argumentationen basierten, sondern außerwissenschaftlichen Wünschen - vor allem politischer und wirtschaftlicher Natur -entwuchsen. Als sie sich als trügerisch erwiesen, konnte dies nur mit einem Showdown der wissenschaftlichen Argumentationen enden.

Einmal mehr erhärtet sich die Einsicht, dass Argumentation nicht von allein stattfindet, sondern dass sie zu wollen sei bzw. dass es eines Entschlusses bedürfe, sie zu führen. Wer sich auf sie einlässt, muss nicht nur bestimmte Verfahrensregeln einhalten, sondern zugleich ethische Implikationen respektieren. Tut man dies, erachten sich alle, die sich an einer Argumentation beteiligen, gegenseitig als fähig und willens, diese im Sinne ihrer Erfindung einzugehen -bereit, ihr Ergebnis zu akzeptieren, unabhängig davon, ob es bestimmten Wünschen oder Erwartungen entsprechen mag.

Damit verpflichtet man sich nicht "nur" der sogenannten Wahrheit, sondern grundsätzlich zur gegenseitigen Anerkennung des Menschenrechts auf die freie Meinungsäußerung.

Selbst der Wissenschaftsfeindlichkeit, wo immer sie auftreten sollte, wird deshalb am effektivsten dadurch entgegengewirkt, dass diese mit aller Argumentation einhergehende Tugend bewusst und zur persönlichen Handlungsmaxime wird. Eine zweifellos weitreichende pädagogische Herausforderung. Dieses Magazin der ÖFG möge dazu beitragen, auf sie weiterhin hinzuweisen.

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