Gesellschaftlich verantwortliche Hochschulen

Die Bedeutung von "Third Mission" im akademischen Bereich und warum ihr Stellenwert in Zukunft immer höher werden wird

ISABEL ROESSLER, BRUNO JASCHKE
vom 08.06.2022

Vor zehn Jahren bewarb sich das deutsche gemeinnützige CHE Centrum für Hochschulentwicklung beim deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) um Fördermittel für das Projekt FIFTH. Darin ging es um Facetten und Indikatoren für Forschung und "Third Mission" an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Damals war Third Mission noch ein recht unbekanntes und unbedeutendes Thema im DACH-Raum. Heute ist das anders: So stand der April-Workshop der Österreichischen Forschungsgemeinschaft ÖFG unter dem Titel: "Die dritte Mission von Universitäten: Transfer und Wissensaustausch mit der Gesellschaft" - und ich durfte als Referentin in das Thema einführen.

Den Begriff Third Mission gibt es seit rund vierzig Jahren. Damals entwickelte sich ein Bewusstsein, dass die Leistungen von Hochschulen weit über ihre Kernmissionen "Lehre und Forschung" hinausgehen: Sie inkludieren etwa Weiterbildung, Technologietransfer, Wissenstransfer, soziales oder gesellschaftliches Engagement. Sie setzen sich für Demokratisierung und gesellschaftlichen Wandel ein, bieten Kinderuniversitäten und Kulturangebote in Form von Konzerten des Uni-Orchesters und Ausstellungen. Eine Hochschule im Osten Deutschlands unterhält sogar eine Feuerwehr, weil es in der Region keine gibt.

Diese ganzen Aktivitäten und Engagements sind im Begriff Third Mission gebündelt. Third Mission sind somit die Aktivitäten, Resultate und daraus entstehende Folgen, die von Hochschulen unmittelbar in die Gesellschaft und Wirtschaft hineinwirken -im Idealfall sogar zu gesellschaftlichen Weiterentwicklungen führen, sowie Strömungen aus der Wirtschaft und Gesellschaft, die ihrerseits in die Hochschulen hineinwirken.

Was, fragten Wissenschaftler*innen, ist Third Mission?

Bis vor relativ kurzer Zeit waren nicht sehr viele Menschen im universitären Bereich mit dem Begriff "Third Mission" vertraut. Als wir 2014 in unserem Projekt Professor*innen die Frage stellten: "Was machen Sie im Bereich Third Mission?", bekamen wir meistens riesengroße Fragezeichen als Antwort. Sie kannten den Begriff nicht. Als ich den Zugang änderte und fragte: "Was machen Sie den ganzen Tag?", sah ich keine Fragezeichen, sondern fast beleidigte Gesichter.

Dann sprudelten die Interviewten los: "Ich bin in der Kinderuniversität.""Ich habe ein umfassendes Netzwerk aus Kitas aufgebaut und erkläre die wichtigsten Faktoren frühkindlicher Bildung.""Ich habe den deutschen Weiterbildungspreis gewonnen." Hinterher habe ich ihnen gesagt: "Sie machen viel Third Mission." Jahre später kam eine Professorin auf mich zu und bedankte sich, weil wir ihr für das, was sie tut, einen Begriff gegeben haben. Mit diesem Begriff konnte sie zu ihrem Hochschulrektor gehen und sagen "Ich lehre nicht viel, ich forsche nicht viel, aber ich mache Third Mission, und das ist ebenso viel wert!"

Third-Mission-Aktivitäten sind weltweit unterschiedlich. In Lateinamerika sind Third-Mission-Aktivitäten vor allem auch Demokratisierungs-und Teilhabe-Aktivitäten, während sie im DACH-Raum viel stärker im Zeichen des Wissenstransfers stehen. Neben großräumigen regionalen Unterschieden gibt es aber auch Unterschiede auf regionaler Ebene: Eine kleine Hochschule im ländlichen Raum hat oft gar nicht die Möglichkeit, mit Industriepartnern zu kooperieren, weil es diese schlicht nicht gibt. Da richtet sich der Fokus dann auf zivilgesellschaftliche Partner.

Third-Mission-Aktivitäten brauchen Personal Vielfach wird Third Mission mit Transfer gleichgesetzt. Third Mission ist aber viel breiter. In unseren Projekten greifen wir die Breite auf und zeigen: Für Third Mission bedarf es Vorbedingungen. Man braucht Personal, das das überhaupt kann, man braucht Geld. Eine Hochschulleitung, die es den Wissenschaftler*innen ermöglicht, mehr zu machen als Forschung und Lehre. Dann haben wir die Aktivitäten, die realisiert werden. Der Transfer kommt hinzu und in der Folge habe ich Resultate. Das ist auch die Wissenschaftskommunikation: Wissenschaftliche Erkenntnisse so aufbereiten, dass sie zum Beispiel auch medial an andere Zielgruppen als die wissenschaftliche Community adressiert werden kann. Aus diesen Resultaten entstehen Folgen. Nämlich dann, wenn sich etwas verändert.

Beispielsweise wurde von einer Hochschule eine App entwickelt, mit der demenzkranke Personen mit ihren Angehörigen kommunizieren können. Dadurch verändert sich der Umgang miteinander erheblich. Die App führt zu einer sogenannten Sozialen Innovation, einer Innovation, die das Handeln und die Praxis in einer bestimmten Gruppe von Menschen verändert. Soziale Innovationen gehören für uns ebenfalls zu Third Mission. Doch sie werden immer noch nicht ausreichend wertgeschätzt. Als Folge gilt die wissenschaftliche Publikation vielen Forschenden noch immer als höchstes Gut.

Um das zu ändern, muss sich in der Einstellung etwas ändern - seitens der Einzelnen, aber auch seitens der Hochschulleitungen. Es ist eine Frage der Wertschätzung, Anerkennung und Wahrnehmung, Third Mission wirklich zu einer dritten Mission neben Lehre und Forschung zu machen.

In Deutschland haben wir die leistungsorientierte Mittelvergabe, in die verschiedene Indikatoren eingerechnet werden, also zum Beispiel wissenschaftliche Publikationen, Zitationen, Promotionen, Drittmittel, die eingeworben wurden. Das sind Standard -Parameter. Nicht aber zum Beispiel: Wie viele Messen wurden besucht? Auf wie vielen Veranstaltungen von Praktikern wurde referiert? Oder wie viele Zeitungsartikel wurden publiziert? Das spielte im Regelfall keine Rolle. In Österreich ist es etwas anders, weil Aktivitäten im Third-Mission-Bereich auch in den offiziellen Dokumenten nachgefragt werden: in den Wissensbilanzen, den Leistungsvereinbarungen und Entwicklungsplänen.

Stark in Richtung Third Mission profilieren sich die Hochschulen für angewandte Wissenschaften respektive die Fachhochschulen. Sie haben verstanden: Man kann sich auch ein Profil aufbauen, indem man viel Transfer oder viel Weiterbildung macht. In Deutschland wird seit einigen Jahren über das Förderprogramm "Innovative Hochschule", grundsätzlich ein reines Third-Mission-Projekt, eine große Menge Geld, nämlich 550 Millionen Euro, in die Hochschulen für angewandte Wissenschaften gesteckt. Insbesondere Transferaktivitäten stehen hier im Fokus. Darüber hinaus fordert das BMBF seit Neuestem bei sämtlichen Projekten aktive Wissenschaftskommunikation als Bestandteil eines Projekts ein. Das ist eine indirekte Förderung, sprich: Dir wird das Projekt nur bewilligt, wenn du auch Wissenschaftskommunikation betreibst und damit eine Facette der Third Mission bedienst. Mit diesen Maßnahmen hat Third Mission in Deutschland einen starken Schub erhalten: Wenn viel Geld im Raum steht, interessieren sich auf einmal sehr viele Leute dafür, was Third Mission bedeutet -und möchten es selber "machen".

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