Sich ihrer Sache sicher sein

... sollten Wissenschaftler*innen, ehe sie mit ihren Aussagen in die Öffentlichkeit gehen, fordert Eva Schernhammer

CLAUDIA STIEGLECKER
vom 08.06.2022

Welche Bedeutung hat für die Menschen eigentlich der Begriff Wissenschaft, Frau Schernhammer?

Eva Schernhammer: Ich denke, die meisten Menschen gehen ganz unspezifisch davon aus, dass hier "Wissen geschaffen" wird. Wie der eigentliche Wissenschaftsprozess aussieht -Laborarbeit, Formulierung von Hypothesen, Durchführung von Analysen - ist jedoch nicht so offensichtlich und hat ein bisschen den "Schleier des Obskuren". Für viele hat Wissenschaft außerdem keinen konkreten Praxisbezug und ist gleichbedeutend mit Theorie. Das zeigt auch eine Umfrage zur Wahrnehmung der Wissenschaft aus dem vergangenen Jahr: Mehr als neunzig Prozent der befragten Personen würden eine Praxisorientierung der Wissenschaft begrüßen.

Wie könnte man die Praxisorientierung der Wissenschaft denn ausweiten?

Schernhammer: Es kommt natürlich immer auf die konkrete Fragestellung an, inwieweit es möglich ist, verstärkt in die Praxis zu gehen und auch Lai*innen mehr einzubinden. Mir fallen da sofort Bewegungen wie Open Science ein, bei der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsdaten und Erkenntnisse nicht nur mit ihren Kolleginnen und Kollegen, sondern auch mit der Öffentlichkeit teilen. Oder auch Citizen-Science-Projekte, bei denen Bürgerinnen und Bürger etwa durch Datensammlungen oder Messungen aktiv zur wissenschaftlichen Arbeit beitragen -die Biodiversität eignet sich dafür zum Beispiel sehr gut. Die Einbeziehung in Projekte kann dabei durchaus bis hin zu einer echten Zusammenarbeit gehen, beispielsweise zwischen einem Ingenieur und einem Wissenschaftler, die ihr theoretisches und praktisches Wissen teilen und davon gegenseitig profitieren.

Hat die Corona-Pandemie etwas in der Wahrnehmung der Wissenschaft verändert?

Schernhammer: Während der Corona-Pandemie war gut zu erkennen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Augen von Lai*innen häufig weltfremd wirkten. Ich habe zum Beispiel oft den Satz gehört: "Ihr hört uns nicht zu." Das muss man ernst nehmen und darauf reagieren: Hinhören, den Austausch fördern. Dialog hat hier einen zentralen Stellenwert, zum Beispiel im Rahmen von Bürgerforen. Dabei ist es wichtig, herauszufinden, wen genau man ansprechen will und soll. Auf die Pandemie bezogen ist etwa interessant, was Menschen, die bevorzugt an Verschwörungstheorien glauben, ausmacht. Gibt es bestimmte Eigenschaften oder Lebensumstände, die alle teilen, und lassen sich daraus Gruppen ableiten, die man gezielt adressieren kann? Was das angeht, stehen wir aber noch ganz am Anfang.

Durch die Corona-Pandemie haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler generell mehr Aufmerksamkeit erfahren: Von der Tatsache, dass es sie überhaupt gibt, bis hin zu den Dingen, die sie in der Pandemie tun. Das ist grundsätzlich positiv. Als problematisch haben sich allerdings die plötzlich sichtbaren Widersprüche in der Wissenschaft erwiesen. Plötzlich sagt ein Wissenschaftler dies, eine andere Wissenschaftlerin jenes -das hat teilweise zu Verwirrung geführt.

Konträre Meinungen und Widersprüche sind an sich im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess etwas ganz Normales. Gewöhnlich wird eine Studie aber erst dann veröffentlicht und öffentlich über sie kommuniziert, wenn solche Unklarheiten aufgelöst und die Ergebnisse evidenzbasiert, also abgesichert sind. In einer laufenden Pandemie ist eine derart solide Datenbasis aber noch gar nicht vorhanden, man ist noch mitten drin im wissenschaftlichen Prozess mit all seinen Gegensätzlichkeiten -das ist natürlich für Lai*innen nicht ganz so leicht nachvollziehbar.

Noch dazu haben diese konträren Meinungen, die ja noch zu widerlegen sind, in den Medien sehr viel Gewicht bekommen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurden da auch häufig zu Aussagen gedrängt.

Wie sollte sich Wissenschaft präsentieren, um eine positive Grundstimmung zu fördern?

Schernhammer: Treten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Öffentlichkeit, sollten sie sich in der Sache sehr sicher sein, ehe sie Stellung beziehen. Das habe ich in den USA gelernt, wo ich jahrelang tätig war und wo Medienpräsenz von Wissenschaft etwas ganz Normales ist: Erst kommen die Fakten, dann die Medienpräsenz. Trotzdem habe ich mich zum Beispiel im letzten Sommer hinreißen lassen und im TV für heuer das Ende der Pandemie vorhergesagt. Ich weiß eigentlich selbst nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, jedenfalls war das ein Fehler. Es gibt genug Sensationsmedien -man muss sich daher genau überlegen, was man sagt. Das ist wirklich eine Aufgabe, mit der viel Verantwortung einhergeht, denn man kann mit einer unbedachten Aussage unter Umständen bestehendes Vertrauen ganz schön durcheinanderbringen.

Trotzdem halte ich es für wichtig, dass Wissenschaft mehr in die Öffentlichkeit geht und verstärkt in den Medien präsent ist. In Österreich ist das nicht ganz so leicht wie in den USA, wo es für jedes Forschungsgebiet eine Expertin oder einen Experten gibt, die oder der sich im Idealfall auch noch gut präsentieren kann. In Österreich finden sich nur schwer ausreichend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für jedes Fachgebiet, die Wissen und Inhalte gut und verständlich vermitteln können.

Dennoch fände ich hierzulande zusätzliche populärwissenschaftliche Formate, die Wissen transportieren, sinnvoll. Wie etwa die Sendungen mit dem Internisten Siegfried Meryn, der im Fernsehen Gesundheitsfragen dokumentiert, mit Expertinnen und Experten darüber diskutiert und auch konkrete Fragen beantwortet. Was meiner Meinung nach ebenfalls fehlt, ist wesentlich mehr und breiterer Wissenschaftsjournalismus.

Der Zugang zu Informationen ist heutzutage sehr einfach. Welchen Einfluss hat das auf die Grundstimmung zur Wissenschaft?

Schernhammer: Die Menschen sind viel besser informiert als früher. Sie haben das Interesse und mit dem Internet auch die Möglichkeiten, sich Grundwissen und Grundverständnis anzueignen. Informationsquellen, die Falsches verbreiten, bergen dabei natürlich eine gewisse Gefahr, denn sie sind schwer zu erkennen und zu unterscheiden.

Generell verstehen die Menschen aber tatsächlich mehr -wer wusste zum Beispiel vor der Pandemie schon, was eine Sieben-Tages-Inzidenz ist? Manchmal fehlt trotz aller Information aber das letzte Quäntchen Wissen. Hier gilt es, das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken und auf die verschiedenen Gruppierungen in der Gesellschaft gezielt zuzugehen. Prinzipiell halte ich es für gut, dass die Menschen mehr wissen: Das stärkt nicht nur das Eigenbewusstsein, sondern auch eine positive Grundstimmung.

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