STÄDTEBAUFORSCHUNG

Bauen mit 3-D-Drucker und Hanfplantagen

Neue Formen des Bauens in Stadt und Land sollen zu nachhaltigeren Ergebnissen führen

SABINE EDITH BRAUN
vom 28.09.2022

Ist nachhaltiges Bauen eher ein Thema für die Stadt oder für das Land? Eva Schwab, stv. Leiterin des Instituts für Städtebau an der TU Graz, plädiert dafür, die beiden Begriffe nicht zu trennen. "Dynamik in Form des Zuzugs in die Städte und Zentralgebiete wird es weiterhin geben. Man sollte sich daher eher an Siedlungsstrukturen und Mobilität orientierten", sagt sie. Was derzeit wachse, seien weniger die Stadtkerne als vielmehr die Speckgürtel. "Urbanes Leben ist eine Frage des Mindsets und weniger eine Frage, wo ich wirklich bin."

Diesem neuen Denken hat sich ein Netzwerk von Forschenden aus 18 Instituten der TU Graz verschrieben. Sie wollen das Bauwesen in seiner Gesamtheit neu denken und Umwelteinwirkungen verringern.

Ein Hohlkörper zur Treibhausgaseinsparung Center-Sprecher Stefan Peters, Leiter des Instituts für Tragwerkentwurf, erklärt anhand seines eigenen Forschungsbereichs, was nachhaltiges Bauen bedeuten kann. Fest steht, dass dabei die "Vielfalt des Bauens" beibehalten werden soll. "Wir propagieren kein bestimmtes Material, sondern überlegen, wie wir Material rausnehmen und das Ganze ewas leichter machen können."

Beim Tragwerk hat die Decke die meiste Masse. Die Idee war daher, bei gleicher Deckenstärke weniger Beton zu verwenden -durch hohle Aussparungskörper aus Beton. Aber wie stellt man diese emissionsarm und kostengünstig her? Der Schalungsprozess ist teuer. "Wir machen die Hohlkörper selbst -mit dem 3-D-Drucker", sagt Peters. Der Drucker wurde im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts konstruiert. Ein Copyright darauf gibt es nicht. "Mir wäre es wichtig, kopiert zu werden!" Die gedruckten Hohlkörper entstehen binnen Minuten. Durch einen Schnellhärter ist die Aushärtezeit kurz. Eine deutsche Baufirma hat schon einen Betondrucker. Bei einer Tiefgarage in Nördlingen konnten so 35 Prozent CO2 und Geld gespart werden. "Das ist angewandte Wissenschaft", sagt Stefan Peters. Zeit zum Verschnaufen hat der Betondrucker kaum: Für das nächste Projekt, einen Werkstoffhof in Bludenz, werden gleich 640 Hohlkörper benötigt.

Vom Hanfstängel zum nachhaltigen Ziegel Der Südtiroler Baustoffproduzent Werner Schönthaler stellt einen speziellen Werkstoff her: Ziegel aus Hanf. Hanf wächst fünfzigmal schneller als Holz, und die Teile der Pflanzen, die Schönthaler verarbeitet, nämlich die hölzernen Stiele, sind eigentlich ein Abfallprodukt. Das ergibt eine negative CO2-Bilanz. Die Hanfmasse wird mit Naturkalk im Kaltluftverfahren zu Ziegeln gepresst, drei bis vier Wochen müssen diese dann trocknen. "Wir wollen so regional wie möglich wirtschaften - das erzwingt allein schon das Produkt", sagt Schönthaler. Der Hanf stammt aus Österreich, Deutschland und Frankreich. Die fertigen Steine exportiert er in die Nachbarländer, nach Deutschland, Luxemburg und sogar bis Israel. " Hempcrete", so der Name des Produkts, ermöglicht Bauen ohne Dämmung. Sechs bis 38 Zentimeter dick sind die Hanfziegel. Sie erinnern ein wenig an Ytong-Steine, sind aber viel weicher. Der Zuwachs und die Akzeptanz seines Produkts sind zuletzt extrem gestiegen. "Vor allem am Anfang war es schwierig, aber sobald die Leute das Produkt sehen und die Fakten kennen, passt es. Da steckt auch viel Informationsarbeit dahinter."

www.tugraz.at/institute/ite www.hanfstein.eu

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