ENERGIEFORSCHUNG

Das Geheimnis erfolgreicher Windenergieprojekte

Projektentwicklern von Windkraft droht ein Konfliktsiebenkampf. Wie man ihn gewinnen kann, beschreibt eine neue Masterarbeit der TU Wien

ROGER HACKSTOCK
vom 28.09.2022

Als der Bauer seinen Traktor am Feldrand wendete, sah er ein Fahrzeug langsam näherkommen. Er erkannte einen Lieferwagen, aus dem zwei Männer stiegen und sich an der Heckklappe zu schaffen machten. Sie hoben Stangen, Bohrgeräte und technische Ausrüstung aus dem Wagen und breiteten alles neben dem Wagen aus. Als sie ihn entdeckten, winkten sie ihm kurz zu und setzten ihre Arbeit fort. Der Bauer fuhr wieder aufs Feld und setzte die Aussaat fort.

Als er einige Stunden später wieder an der Stelle vorbeikam, stand in einiger Entfernung ein etwa hundert Meter hoher Stahlmast, der alle paar Meter schmale Ausleger mit technischen Geräten aufwies. Von dem Lieferwagen und den Männern war keine Spur mehr zu sehen. Der Bauer schüttelte den Kopf, fuhr den Traktor auf die Straße und trat den Heimweg an.

Während der Fahrt grübelte er, was der Mast wohl zu bedeuten hätte. Das Feld, auf dem der Mast aufgestellt war, gehört seinem Nachbarn. Hatte der nicht letztens erwähnt, die Landwirtschaft bringe ihm nicht mehr genug ein und er werde sich um andere Einnahmenquellen umsehen, wenn das so weitergeht? War das Feld vielleicht in Bauland umgewidmet worden, ohne dass es wer mitbekommen hatte? Oder soll dort nach Öl gebohrt werden? Oder geht es vielleicht um einen Windpark, von dem er im Wirtshaus gehört hat? Die heimliche Aktion am Feld des Nachbarn bedeutete jedenfalls nichts Gutes. Da musste man auf der Hut sein, dachte der Bauer bei sich.

Wie man Konflikten bei Windenergieprojekten begegnet So wie in dieser Geschichte beginnen Windenergieprojekte, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Wo Informationen fehlen, entstehen Gerüchte, die rasch in Widerstand umschlagen können. Eine transparente Vorgangsweise von Anfang an ist daher eine der wesentlichen Grund bedingungen für das Gelingen der Projekte.

Wird zu Beginn eine Informationsveranstaltung organisiert, wo alle Bürger geladen sind und das Vorhaben in seiner Gesamtheit präsentiert wird, können Zweifel und Gegenstimmen frühzeitig adressiert werden, bevor sie sich gegen das Projekt formieren. Die Schaffung solcher Räume für Partizipation und offenen Austausch ist für lokale Vorhaben von großer Bedeutung.

Dies ist eine der Erkenntnisse der Masterarbeit "The Conflict Heptagon: Understanding local wind energy conflicts in Germany", die im Lehrgang Renewable Energy Systems an der TU Wien im Frühjahr 2022 fertiggestellt wurde. Der Autor Raphael Thurn-Valsassina hat versucht, die Frage zu beantworten, mit welchen Maßnahmen man zur Konfliktvermeidung bei lokalen Windenergieprojekten beitragen kann, um ihre Umsetzung zu erleichtern.

Die Masterarbeit baut auf Erfahrungen mit Windenergieprojekten in Deutschland auf, die Erkenntnisse sind jedoch auf Österreich übertragbar. Thurn-Valsassina hat einen sozialwissenschaftlichen Ansatz gewählt, der nicht in der Tradition von Sozialverträglichkeitsstudien steht, die Betroffenen oft egoistische Motive unterstellen, zwar grundsätzlich für die Energiewende zu sein, aber nicht vor der eigenen Haustür, sondern versucht, Wesen und Charakter von Energiekonflikten tiefer zu verstehen.

Als theoretischer Rahmen dient ihm die Diskurstheorie, die allen Argumenten innerhalb eines gesellschaftlichen Diskurses wertneutral begegnet und sie grundsätzlich ernst nimmt. Auf dieser Basis entwickelt er ein Modell, das sieben Dimensionen von Argumenten aufzeigt, die bei lokalen Windenergiekonflikten eine Rolle spielen.

Der Konfliktsiebenkampf bei Windkraftprojekten Der demokratische und transparente Prozess zu Beginn der Projektentwicklung ist eine der Dimensionen, die in der Masterarbeit betrachtet werden. Wird keine Möglichkeit des Mitwirkens für Betroffene geschaffen, kann das im Lauf des Projekts zu intensiven Konflikten führen. Eine weitere Dimension ist die Beteiligung der Gemeinde und möglichst vieler Bürger am Profit des Projekts. Ob die zentralen Akteure des Projekts als ehrlich, glaubwürdig, kompetent und fair wahrgenommen werden, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Das Kriterium des "Vertrauens" zu den handelnden Akteuren ist eine oft unterschätzte Dimension. Eine wichtige Dimension sind auch die Gesundheitsbedenken der Anwohner, die von Schallemissionen über Schattenwurf bis zu Eisabwurf der Rotorblätter reichen.

Alle diese Bedenken haben ihre Berechtigung und müssen im Prozess offen angesprochen werden, sind jedoch durch gesetzliche Auflagen strikt geregelt. Bei Projekten wie Windparks spielt besonders die ökologische Auswirkung eine Rolle. Windkraftgegner führen häufig ins Feld, dass Windparks für Vögel und Fledermäuse gefährlich seien, da diese den rasch laufenden Rotorblättern nicht rechtzeitig ausweichen können. Um dieses Risiko zu minimieren, wird die Standortplanung üblicherweise mit Naturschützern abgestimmt, um die Aufstellung von Windrädern in Vogelzugrouten zu vermeiden.

Die Statistik zeigt überdies, dass Hunderte Millionen Vögel jedes Jahr durch Kollisionen mit Autos und Glasfenster (hundert Millionen allein an Glasfassaden) sterben, durch Windkraftanlagen dagegen "nur" 100.000 Vögel pro Jahr getötet werden (Zahlen für Deutschland). Auch wenn jeder dieser Fälle traurig macht, zählen Windräder in keinem Fall zu den Hauptverursachern für den Vogeltod im Land.

Gegner lokaler Windparkprojekte stellen gern die Sinnhaftigkeit lokaler Maßnahmen für die Eindämmung der Erderwärmung in Frage. Auch die Unzuverlässigkeit des Windes und die Notwendigkeit von Förderungen werden als Argument angeführt, um Projekte in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Projektgegner verweisen dabei auf Alternativen wie Atomkraft und Wasserstoff, die ihrer Meinung nach besser zu Lösung des Klimaproblems beitragen.

Um diesen Argumenten zu begegnen, schlägt Thurn-Valsassina vor, regelmäßige Energieworkshops in den Gemeinden abzuhalten, um in einem partizipativen Prozess ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu schaffen und mit den Menschen kommunale Energie-und Klimaschutzpläne zu erarbeiten. Die letzte Dimension ist der Respekt vor lokalen Identitäten und Heimatverbundenheit, wobei es vor allem um das Landschaftsbild geht. Windräder sind aufgrund ihrer Höhe von Weitem sichtbar und verändern das gewohnte Bild der Landschaft, in der die Anrainer aufgewachsen sind. Die ästhetischen Bedenken müssen ernst genommen werden und dürfen keinesfalls leichtfertig vom Tisch gewischt werden.

Zu einem transparenten Projektentwicklungsprozess gehört daher, in Bürgerdialogen über lokale Identitäten und Vorstellungen zu diskutieren und professionelle Visualisierungen des geplanten Windparks zu zeigen, die mit verschiedenen Perspektiven und Aufstellungsorten arbeiten.

Worauf Projektentwickler unbedingt achten sollten Nicht alle sieben Dimensionen sind in der Praxis von gleicher Wichtigkeit, wie die Masterarbeit zeigt. Für Projektentwickler am wichtigsten: zu Beginn für gut organisierte demokratische Verfahren, finanzielle Beteiligungsmöglichkeit und vertrauensvollen Beziehungen zwischen allen involvierten Akteuren zu sorgen. Diese drei Konfliktdimensionen haben sich als entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung lokaler Windenergieprojekte erwiesen.

Wenn dies gut organisiert und gepflegt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen Konfliktdimensionen wie gesundheitliche und ökologische Belange oder allgemeine Debatten über Klimawandel und erneuerbare Energien nicht stark ins Feld geführt werden. Projektentwicklern soll die Masterarbeit helfen, die richtigen Prioritäten in der Projektgestaltung zu setzen und mit geeigneten Maßnahmen zur Konfliktvermeidung beizutragen. Dieser Anspruch bedeutet eine hohe Praxisrelevanz.

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