Der unausweichliche Baum

Dem viel beschworenen "Retter unseres Klimas" ist eine Ausstellung im Belvedere Wien gewidmet

SOPHIE REYER
vom 28.09.2022

GROW . Der Baum in der Kunst" heißt die Herbstausstellung im Belvedere Wien. Ihr Kurator Miroslav Haľák erklärt das Konzept der Schau.

Herr Haľák, warum Bäume? Was ist das Spannende an ihnen und wie sie in der Kunst dargestellt werden?

Miroslav Haľák: Warum der Baum? Weil er unausweichlich ist! Die Kunst dreht sich kulturgeschichtlich um einige konstante Motive: Sonne, Sterne, Figuren und ihre Teile wie Handabdrücke, Tiere und Bäume. Sie bilden ein Basisrepertoire und sind bis heute in der Kunst präsent. Anhand dieser Motive entfaltet sich eine komplexe Geschichte der menschlichen Zivilisation. Das Thema Baum kann wie eine soziokulturelle Sonde die geistige Entwicklung unserer Gesellschaft sichtbar machen. In der Ausstellung geht es darum, den immensen Umfang dieses Themas in der Kunst relevant zu präsentieren. Dabei soll es keine formalistische Stilanalyse, aber auch keine ausufernde "Allesschau" sein.

Sehen wir uns die Gegenwart an. Heute haben wir die Achtung vor den Bäumen bis zu einem gewissen Grad verloren. Die Zellen der Bäume, dieser "Lunge der Welt", werden durch Abgase verunreinigt, es wird in Flora und Fauna eingegriffen, sie wird ausgebeutet und kapitalistisch genutzt. Was kann eine Ausstellung wie diese dazu beitragen, für dieses Thema zu sensibilisieren?

Haľák: Sprechen wir von der "Lunge der Welt", denken wir an Bäume mit all ihren organischen Funktionen, vergleichen sie aber auch mit uns selbst, wir projizieren unsere Inhalte in sie. Das heißt, wir anthropomorphisieren, also vermenschlichen Bäume. Und sehen in ihnen obendrein auch noch unsere Retter. Die Bäume sollten uns aus der Krise heraushelfen, die wir selbst verursacht haben. Die Kunst hat auf diese akute Bedrohung durch uns selbst und unseren unverantwortlichen Umgang mit unserer Umwelt sehr prompt und intensiv reagiert. Ihre äußerst prägnanten Aussagen bilden den wichtigsten Teil der Ausstellung. Anhand beispielhafter Kunstpositionen wird die Wichtigkeit des Baums als Stellvertreter für die ganze Natur deutlich gemacht. Und da jeder von uns ein Statement setzen kann, um in der Zeit des kollabierenden Klimas auf die Überlebensnotwendigkeit eines radikalen Umdenkens aufmerksam zu machen, versuchen wir das mit der Ausstellung selbst: Sie verzichtet auf herkömmliches Ausstellungsdesign. Statt plastikfoliierter Saaltexte, Poster, Blow-ups und Kunststofflabels nutzen wir Wand-und Schablonenmalerei und Samenpapier. Das Samenpapier hat dabei auch einen symbolischen Wert. Die Beschriftungen der Kunstwerke in der Ausstellung werden dadurch biologisch abbaubar -und nach Gebrauch entsorgt, das heißt eingepflanzt, kann aus ihren Samen etwas Neues wachsen -also: "GROW"!

Die Wortwurzel des Begriffes "Baum", wobei die Bezeichnung "Wortwurzel" sich hier besonders anbietet, geht auf das westgermanische "boum" zurück. Wikipedia bietet dafür die Definition "Wuchsform einer Pflanze". In der Botanik oder in der Philosophie -man denke an die sogenannten Baumstrukturen, deren hierarchische Prinzipien spätestens seit Deleuze' und Guattaris "Rhizom" kritisch beleuchtet werden -, aber auch in Märchen und Mythologie begegnen uns Bäume in allen Winkeln der Welt: Als Vorformen des Menschen etwa im "Popol Vuh" der Quiché-Indianer in Guatemala oder etwa als Fantasy-Figuren wie die baumartigen "Ents" in Tolkiens "Herr der Ringe". Was kann die Ausstellung unserer Wahrnehmung hinzufügen?

Haľák: Zu denken, eine Ausstellung könnte anhand ausgewählter Kunstwerke ein lineares Narrativ von den Totems bis zum Rhizom konstruieren, wäre falsch. Erstens, weil die Entwicklung nicht linear ist, und zweitens, weil auch die einzelnen Motive wie "Rhizom" und "Totem" im poststrukturalistischen Diskurs nicht strikt voneinander zu trennen sind. Ich gehe beim Thema Baum auch auf den Begriff des Rhizoms ein, denn ich sehe bei Deleuze und Guattari in der Ablehnung der "Wurzel" als eines historisch kontaminierten Konstrukts die größte Schwachstelle ihrer Begriffserklärung einer "antihierarchischen" Struktur. Es ist trotzdem den Versuch wert, in Baumdarstellungen eine Ordnung zu suchen. Das bedeutet, die Bäume als Zeichen zu betrachten, mit denen wir konkrete Inhalte kommunizieren. Dabei wird sichtbar, dass der Baum in der Kunst vor allem als Zeichen übernatürlicher Botschaften oder als formreiches Naturelement dient, und zwar unabhängig von Epoche, Kultur, Stil und Medium. Die "GROW"-Ausstellung will beim Verstehen der einzelnen Baumdarstellungen helfen. Sie zeigt, wie der Wandel antiker Baumsymbole durch die Moderne fortgesetzt wurde. In diesem Wandel wurden die Baumzeichen entweder um neue metaphorische Schichten ergänzt oder der metaphysischen Ebene gänzlich entzogen.

Welche Werke, die sich mit dem Baum als religiöser Chiffre befassen, präsentieren Sie in der Ausstellung?

Haľák: Spirituelle Motive sind nicht die einzigen, die den Baum zum Symbol übernatürlicher Kräfte machen, aber wohl die wichtigsten. Da wir in Österreich aus einer gegebenen kulturellen Perspektive auf die Werke blicken, ist die jüdisch-christliche Tradition ausschlaggebend, um Beispiele der Symbolwerdung des Baums zu zeigen. Diese Tradition entwickelte mehrere ikonografische Motive. Etwa den "Baum des Lebens"(arbor vitae) oder die "Wurzel Jesse"(radix jesse). Der Baum ist als Attribut mit dem Leben und Tod der Heiligen wie Sankt Christophorus oder Sankt Sebastian verbunden. Die Perspektive der jüdischchristlichen Tradition ist natürlich nicht die einzige, das Bild eines "kosmischen Baumes" ist in anderen Religionen oder Mythologien ebenfalls stark präsent. In allen diesen Fällen wird der Baum als Medium einer übernatürlichen Kraft betrachtet. Diese Kraft kann göttlichen oder dämonischen Ursprungs sein. Baumsymbole vermitteln deshalb nicht nur positive Inhalte, sondern auch den Untergang. Das zeigt sich an den zwei Paradiesbäumen: Einer gilt als "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse"(lignum sapientiae boni et mali) und ist mit der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies verbunden. Der andere ist der "Baum des ewigen Lebens"(arbor vitae), das die Religionen versprechen. Auf diese Ambivalenz beziehen sich viele Kunstwerke. Mit Waldund Baumdarstellungen wird also eine ganze Palette existenzieller Themen abgedeckt.

Es muss nicht immer christlich sein. Auch in der Antike begegnen uns Bäume in Hülle und Fülle. Schenkt man der griechischen Mythologie Glauben, werden sie von sogenannten Dryaden bewacht. Das sind nymphenartige Wesen, die sich mit Vorliebe bei Eichen aufhalten. Eine von ihnen ist Daphne, die vom Gott Apollo begehrt und verfolgt wird und sich zu ihrem Schutz in einen Baum verwandelt. Sehen Sie den "Baum" als etwas, das in unserer abendländischen Vorstellung eher mit dem Weiblichen als mit dem Männlichen assoziiert wird?

Haľák: Die geschlechtliche Positionierung des Baums ist auch eine Frage der Projektion. Oft bleibt das Symbol Baum neutral, weil es als Medium dient und erst im Kommunikationsprozess eine konkrete Identität annimmt, sei es eine feminine Nymphe oder ein maskulin erscheinender Gott des Alten und Neuen Testaments. Die Bäume selbst treten selten als Gottheiten auf. Eine Ausnahme im alten Ägypten identifiziert Bäume mit weiblichen Gottheiten, die Bedürftige mit Früchten und Schutz beschenken. Wie erwähnt, hängt die Geschlechtlichkeit der Bäume in der Kunst von individuellen Projektionen ab. Ob wir eine Birke mit einer Frau oder einen Baobab mit einem Mann identifizieren, bestimmen kulturelle Faktoren, wobei die Sprachform, also das grammatikalische Genus, schon viel Einfluss hat.

"Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen", schrieb Rainer Maria Rilke, und man ist dabei an den Querschnitt eines Stammes erinnert. Die Kreise, die der ins Wasser gefallene Assoziationsstein zieht, sind endlos. Bäume eröffnen Räume. Ein Wortspiel schließt den Kreis zum Anfang hin.

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