HORT DER WISSENSCHAFT

Red Flag Act

MARTIN HAIDINGER
vom 28.09.2022

Typisches Stadtkind, bin ich als kleiner Bub wenigstens an den Wochenenden und in den Ferien in jener ländlichen Wiener Randgegend im 22. Bezirk teilaufgewachsen, in der ich noch immer nebenansässig bin. Dominierendes Fortbewegungsmittel in Wien-Essling war zu Anfang der 1970er-Jahre neben einer dahinbummelnden Straßenbahn und danach dem Autobus 26A das Automobil - wie sonst hätte man in die entlegenen Gartensiedlungen gelangen sollen? Radlfahrer waren damals vor allem in Gestalt ältlicher Damen mit rustikalen Kopftüchern wahrnehmbar, die ob ihrer Gebrechlichkeit nicht mehr zu Fuß von zuhause zum Greißler oder zur Grabpflege auf den Friedhof gehen konnten und daher das Zweirad wie einen Rollstuhl benutzten. Auch betagte Herren geigelten hin und wieder auf ihren Waffenrädern ins Wirtshaus und wieder zurück.

Dazwischen flitzten wir jungen Leute auf unseren Kinderradeln hin und her, doch wer das 16.Lebensjahr erreicht hatte, stieg in der Regel auf die "Reibm", das "Mopperl", also das Moped, um und blieb der Motorkutsche, ob zwei-oder vierrädrig, bis zum Tode treu. Radfahren war eine Randerscheinung.

Das hat sich grundlegend gewandelt. Die sonntägliche Radlinvasion in der Lobau ist eine Sache, der Berufsverkehr auf dem Drahtesel eine weitere. Bis zur U-Bahn-Station in der Seestadt braucht man mit dem Fahrrad von der Stadtgrenze zu Großenzersdorf wenig mehr als 13 Minuten. Ist man in den Steinbezirken angelangt, stellt sich die Situation noch einmal anders da. Bis vor wenigen Wochen war das so gut wie aufgelassene ORF-Funkhaus auf der Argentinierstraße in Wien 4 für 32 Jahre mein innigst geliebter Arbeitsplatz. Das ist leider vorbei. Nach wie vor dient allerdings die abschüssige lange Argentinier-Gerade als Rennstrecke für besonders eilige Velozipedisten jederlei Geschlechts.

Wenn ich notorischer Fußgänger wieder einmal den Sausewind so eines Tieffliegers im Nacken spüre, denke ich nicht nur an den Literaten Karl Kraus, der 1936 nächtens von einem Rad angefahren und zu Tode gebracht wurde, sondern auch an den "Red Flag Act" im England des 19. Jahrhunderts. Dieses Gesetz sah vor, dass vor jedem Automobil, das mit mehr als 6,4 km/h unterwegs war, ein Fußgänger mit einer roten Warnflagge einherzugehen habe, auf dass keinem Passanten ein Leid geschehe. Vielleicht sind im Rathaus vom 1. Mai für die hurtigsten Radler noch ein paar rote Fähnchen übrig? Natürlich nur für die Stadt. Auf dem Land, in Essling, sind wir ohnehin gemütlicher unterwegs. Ob auf dem Rad oder im kontemplativen Autobus.

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