WAS AM ENDE BLEIBT

Tottaubheit

ERICH KLEIN
vom 28.09.2022

Der ukrainisch-amerikanische Dichter Ilya Kaminsky eröffnet sein großes Poem "Republik der Taubheit" provokant und spricht vom "Glück während des Krieges". Damit gemeint ist der distanzierte Zuschauer. Am Schauplatz des Geschehens selbst, in der von fremden Truppen besetzen, fiktiven Stadt Vasenka herrscht Versammlungsverbot. Ein Junge wird erschossen. Dessen Cousine, ganz Antigone, hebt zu einem Klagelied an: Ihr Schrei reißt ein Loch in den Himmel. Es folgen rasch aufeinander Szenen wie in einem Stummfilm. Die Stadt, beginnt sich zu erheben. Verhaftungen setzen ein. Immer wieder wird der tote Junge umkreist. Der Dichter zögert bei dessen Beschreibung: "Der Körper des Jungen liegt auf dem Asphalt wie eine Büroklammer." In der nächsten Zeile korrigiert er sich und verwirft die metaphorische Rede: "Der Körper des Jungen liegt auf dem Asphalt wie der Körper eines Jungen."

Wer sich dichtend am Rande von Tod und Verderben bewegt, läuft Gefahr, in Kitsch zu verfallen. Kaminsky vermeidet das durch eine Strategie der Indirektheit: Über den Todesschuss heißt es nur: "Das Geräusch, das wir nicht hören, schreckt die Möwen vom Wasser". Auch Taubheit als Symbol des Widerstandes mutet reichlich paradox an. Vor allem aber wendet sich der Dichter mit der örtlichen Nicht-Identifikation des ganzen Geschehens gegen die unbeteiligte Leserin und den distanzierten Leser! Ob er mit "Republik der Taubheit" die Besetzung der Krim, den russischen Krieg in der Ost-Ukraine oder einen anderen Krieg im Sinn hatte, bleibt offen und spielt letztlich keine Rolle. In einem Interview betonte Kaminsky, er habe sein Poem beim Einmarsch der Amerikaner in den Irak konzipiert und dann fünfzehn Jahre daran gearbeitet. Einige Szenen polizeilicher Gewalt könnten in den USA spielen oder an die leeren Straßen während der Pandemie der letzten Jahre erinnern. Wäre also alles eins?

Ganz im Gegenteil! Der erste Akt des Poems endet mit einer Art Hymnus, einer rhetorischen Frage und einer minimalistischen Antwort: "Was ist Stille? Etwas vom Himmel in uns." Im zweiten Akt nehmen surreal Bilder voller Gewalt überhand - am Ende steht abruptes Aufwachen wie aus einem Alptraum. "Wir sitzen im Publikum, reglos. Stille saust, wie die Kugel, die uns verfehlt hat." Die Dichtung bringt die Pastorale unseres Alltags gehörig ins Wanken: Der Schrecken dieser Welt ist nicht abzuschalten. Sind es nicht wir, die in einer "Republik der Taubheit" leben? Dementsprechend lautet der Schluss: "Was ist ein Mann? Eine Stille zwischen zwei Bombardements."

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