Schwarzes Gold und grünes Paradox

"Raus aus Öl" ist keine rationale Wirtschafts-und Klimapolitik, der Rohstoff braucht eine Zukunft

TEXT: DANIELA SCHUSTER
vom 26.10.2022

Sehr wenig. So lautet die Antwort auf die Frage, wie viel Öl, Gas und Kohle wir noch verbrennen dürfen, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen. Nach Modellrechnungen britischer Wissenschaftler*innen müssten fast neunzig Prozent der derzeit verfügbaren Kohle-und sechzig Prozent der Öl-und Gasvorkommen bis 2050 unangetastet bleiben. Andernfalls werde das verbleibende Kohlenstoffbudget überschritten.

Die Studienautor*innen rund um Dan Welsby vom University College London halten diese Reduktion für "machbar, sofern der politische Wille da ist." Ansätze zur Nachfragedämpfung gibt es einige: Die Klimapolitik setzt etwa auf international handelbare CO2-Zertifikate und Steuern auf Emissionen. Das EU-Parlament hat das Aus des Verbrennungsmotors beschlossen. Ein Ölheizungsverbot ist angekündigt. Nachgedacht wird auch über einen Übergang von der Wohnsitzland-zur Quellenbesteuerung von Kapitaleinkünften, um den Umtausch von Bodenschätzen in Finanzanlagen für deren Eigentümer unattraktiv zu machen. Zugleich soll die Subvention klimaneutraler Energieformen Substitutionsprozesse weg von Öl und Gas in Gang setzen.

Fast alle Maßnahmen bringen jedoch noch nicht gelöste Herausforderungen mit sich: "Das fängt bei der Konkurrenz von Biotreibstoffen mit Lebensmitteln um landwirtschaftlich nutzbare Flächen an und hört bei der ,Nichtlagerfähigkeit' von Strom noch lange nicht auf", sagt Franz Wirl, emeritierter Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Wien. Er hat sich im Rahmen eines FWF-Projekts mit den Herausforderungen beim Übergang zu nachhaltiger Energiewirtschaft beschäftigt. Zudem wirken die Maßnahmen nur zeitverzögert. "Energienachfrage und -angebot sind sehr träge, was auch die aktuellen Preisspitzen erklärt."

Ein weiteres Problem: "Die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen müsste global eingedämmt werden", sagt Wirl. Doch ist ein multinationaler Klimaklub wie bei FCKW für fossile Energie "mangels kostengünstiger und entsprechend skalierbarer Größenordnung" bislang gescheitert.

Was wäre mit einer partiellen Verzichtspolitik für am Weltmarkt gehandelte Brennstoffe? Sie ist kontraproduktiv. Die Gründe dafür hat der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Hans-Werner Sinn 2008 in seinem Buch "Das grüne Paradoxon" beschrieben: Einseitige Abkommen machen fossile Rohstoffvorräte durch Nutzungsverbote wertlos(er). Langfristig führt die Verringerung der Nachfrage zu einem Preisverfall. Bedrohte Ressourcenbesitzer fördern ihre Bodenschätze nur noch rascher und verkaufen lieber zu Dumpingpreisen, statt auf einem wertlosen Ölvorrat sitzenzubleiben. Niedrige Preise machen Öl für Länder, die sich die Energiewende nicht leisten können oder wollen, attraktiver. Es lohnt sich für sie, zur Deckung ihres wachsenden Energiebedarfs fossile Brennstoffe zu nutzen, statt auf teurere (oder teure) Alternativen zu setzen. Die Folge ist ein "Rush to burn". Statt also den CO2-Ausstoß und damit den Klimawandel zu bremsen, beschleunigen wir ihn durch umweltpolitische Maßnahmen und unseren einseitigen Verzicht auf fossile Brennstoffe.

Zwei Drittel der UN-Klimakonferenz-Expert*innen sehen im "Rush to burn" ein drohendes Problem. Wie man ihn vermeiden kann, blieb bis dato aber weitgehend offen. Ein radikaler Vorschlag stammt vom norwegischen Umweltökonomen Bård Harstad: Länder mit großen Öl-und Gasvorkommen sollen dafür entschädigt werden, ihre Vorkommen im Boden zu belassen. Diese Lösung würde die globale Gemeinschaft jedoch viele Milliarden kosten. Gleiches gilt für einen Aufkauf der Vorräte, um sie in Europa einzulagern und zu versiegeln.

Einen möglichen Lösungsansatz liefert jetzt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen (MPI) und der Universität Bergen. "Der Grundgedanke ist, Methoden zu fördern, um Gas und Öl nutzbringend zu verwenden -für klimaneutrale oder -freundliche Produkte", erklärt Kai Konrad, Wirtschaftswissenschaftler und MPI-Direktor. "Die fossilen Rohstoffe blieben wertvolle Güter. Selbst wenn sie nicht mehr als Energieträger eingesetzt werden, könnten Rohstoffländer damit rechnen, ihre Vorkommen auch nach 2040 noch für gutes Geld verkaufen zu können."

Im Idealfall würden Öl und Gas langfristig so wertvoll für klimafreundliche Nutzungsformen und damit so teuer, dass sie heute nicht mehr verschleudert und verbrannt werden. Höhere Gas-und Ölpreise würden zudem auch alternative Energieträger konkurrenzfähiger machen und das wirtschaftliche Umfeld für Innovationen verbessern. "Damit wäre erreicht, was bislang nicht gelungen ist: die Dekarbonisierung der Energieerzeugung und eine Marktdynamik, die nachhaltige Konzepte fördert."

Für Gas liegen solche Nutzungskonzepte bereits vor. Im Kern geht es um die Gewinnung von grauem, blauem und - noch interessanter -türkisem Wasserstoff mittels katalytischer Pyrolyse. Bei diesem Verfahren wird die Freisetzung von CO2 vermieden und neben Wasserstoff auch reiner Kohlenstoff gewonnen, teils in Form wertvoller Nanomaterialien (CNTs)."Aus CNTs gefertigte Karbonprodukte könnten im Fahrzeugbau, in der Luft-und Raumfahrt und im Bauwesen Stahl, Aluminium oder Beton ersetzen, die üblicherweise mit einem erheblichen CO2-Fußabdruck hergestellt werden", erläutert Konrad. Die Erforschung nachhaltiger Nutzungsformen von Öl ist nicht ganz so fortgeschritten. "Beispiele sind Kunstfasern, Dämmstoffe, Kosmetika, Medikamente oder Produkte aus Plastik. Quantitativ spielen diese heute noch eine eher untergeordnete Rolle", sagt Konrad. Das ließe sich aber ändern. Entscheidend sei, dass Subventionen nicht mehr nur in die Förderung der Erforschung von Ölsubstituten aus nachwachsenden Ressourcen fließen. "Denn das verstärkt den ,Rush to burn', weil sie der klimaneutralen Nutzung fossiler Brennstoffe die Nachfrage entziehen."

Apropos Nachfrage: Plastik zu vermeiden, befeuert den "Rush to burn" ebenfalls. Stattdessen sollte auch Plastik eine Perspektive bekommen, denn es kann zum Klimaschutz beitragen. "Der Weg von Plastik in die Meere oder Verbrennungsanlagen ist kein Naturgesetz", sagt Konrad. "Wenn ausgedientes Plastik in der Erde deponiert wird, dort, wo der Rohstoff fürs Plastik herkommt, treten negative Umweltwirkungen der Nutzung nicht ein." Kunststoffe würden zu einer Verwendung, die Rohöl wertvoll macht, es der CO2-intensiven energetischen Nutzung entzieht und fossile Kohlenwasserstoffe klimaneutral bindet.

Bis zur großtechnischen, klimaneutralen Nutzung von Öl ist es noch ein weiter Weg. "Fraglich ist auch, ob wir jemals so viele Produkte produzieren oder brauchen werden, um die fossilen Bestände auszuschöpfen. Mir fiele da nichts Skalierbares ein", meint Franz Wirl. Es sei nicht entscheidend, dass klimafreundliche Verwendungsmöglichkeiten von Öl bereits jetzt zur Verfügung stehen, hält Konrad dagegen. "Die gleichgewichtstheoretische Analyse intertemporaler Zusammenhänge in Märkten für erschöpfbare Rohstoffe zeigt: Ein Zukunftsversprechen auf solche Nutzungsoptionen reicht, um den Ausverkauf zu stoppen." Weitere Vorteile des Ansatzes: Wir müssen nicht auf kollektive Vereinbarungen warten. Die Lösung reduziert den CO2 Ausstoß schon heute, löst das Kollektivgutproblem, ist kostengünstig und nutzt statt Subventionen und staatlicher Verbote die Kräfte des Marktes für eine Klimawende.

Dafür braucht es aber eine Politik, die Innovationen von klimafreundlichen Produkten aus Öl, Gas und Kohle fördert. Wenn wir Öl eine Zukunft geben wollen, um eine Zukunft zu haben, wird es entscheidend sein, dass Investor*innen und Forschende auf "versprochene" Rahmenbedingungen und Investitionssicherheit vertrauen können. Genau hier sehen Konrad und Wirl auch die größte Hürde. "Regierungen können sich nicht langfristig verpflichten", sagt Wirl. "Was sich aktuell etwa gegenüber Covid-19-Impfstoffentwicklern zeigt, die mit einer Übergewinnsteuer bedroht werden, nachdem sie Hunderte Millionen in der Forschung bereits verbrannt haben."

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