WAS AM ENDE BLEIBT

Uramerikaner

ERICH KLEIN
vom 26.10.2022

Thomas Pynchon hat in seinen Romanen Amerika dekonstruiert. In "Die Enden der Parabel" irrlichtert ein amerikanischer Soldat durchs Deutschland im Zweiten Weltkrieg; "Mason und Dixon" spielt im Amerika des 18. Jahrhunderts; "Gegen den Tag" beginnt mit der Weltausstellung in Chicago Ende des 19. Jahrhunderts und spielt stellenweise in Wien.

Jüngst erschien "Sterblichkeit und Erbarmen in Wien", das literarische Debüt des zweiundzwanzigjährigen Pynchon aus 1959, auf Deutsch. Mit der österreichischen Hauptstadt hat die Erzählung nichts zu tun. "Mortality and mercy in Vienna / Live in thy tongue and heart!" ist ein Zitat aus Shakespeares "Maß für Maß".

Der junge Diplomat Cleanth Siegel, eben aus Europa zurückgekehrt, begibt sich an einem verregneten Frühlingsabend in Washington zu einer Party. Missmutig räsoniert er, ob er nicht lieber zu seiner Frau Rachel fahren sollte. Der Gastgeber empfängt ihn mit einem Schweinefötus in der Hand. Er wolle den anstelle eines Mistelzweiges an die Tür nageln als Symbol für Gott.

En passant wird ein Bild von Paul Klee an der Wand erwähnt, daneben hängen eine Flinte und ein Säbel. Siegel fällt ein dunkelfarbiger Mensch auf, der "wie ein Memento mori in einer Ecke stand." Eine gewisse Lucy erklärt, dass es sich bei diesem um einen "Indianer" handle, den ihre Nebenbuhlerin aus dem State Department, die Männer sammle, von einer Dienstreise nach Ontario mitgebracht habe. "Kennen Sie die Ojibwa?" Sie sind eine der größten indigenen Ethnien Nordamerikas, der Name bedeutet "Erstes Volk" oder "Wesen, geschaffen aus dem Nichts".

Siegel erinnert sich, dass er während des Anthropologiestudiums von der Windigo-Psychose hörte, einer unter Natives auftretenden Krankheit, bei der der Geist des Winters von den Menschen Besitz ergreift, sie in den Wahnsinn treibt und zu Kannibalen macht.

Die Erzählung kippt ins Apokalyptische. Der "Indianer" nimmt die Flinte von der Wand, lädt zwanzig Schuss Munition. Noch bevor das Massaker beginnt, gelingt es Siegel, den Ort zu verlassen: "Ach, zum Teufel, in Washington waren schon seltsamere Dinge passiert." Dass dieser Autor einmal Großes schreiben würde, war schon vor sechzig Jahren absehbar.

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